Lokale Kultur

Vermittler zwischen den Kulturen

KIRCHHEIM Der mongolische Schriftsteller Galsan Tschinag, Stammesoberhaupt und Schamane der turksprachigen Tuwas, stellte in Kirchheim persönlich seinen bei Suhrkamp erschienenen Roman "Die graue Erde" vor. In der voll besetzten Buchhandlung Margot Schieferle sprach der 62-jährige Galsan Tschinag, der in den 60er-Jahren als Stipendiat des mongolischen Staates an der Karl-Marx Universität in Leipzig Germanistik studierte, von seinen ersten Erfahrungen mit der westlichen Kultur.

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Dem Nomadenjungen aus dem Hohen Altai kam die Begegnung einem Kulturschock gleich. Neben der völlig fremden Sprache galt es, den Alltag zu bewältigen, und der gestaltete sich zu seinem anfänglichen Erstaunen völlig anders als gewohnt. Essbesteck und Wasserklosett waren unvertraute Dinge, die es sich anzueignen galt, und dann gab es noch die immense Fülle an deutschsprachiger Literatur und Musik zu bewältigen, um möglichst viel von der westlichen Kultur in die Heimat mitnehmen zu können.

Ein Achtzehn-Stunden-Tag war da die Regel und das über Monate und Jahre hinweg. Für seine Bemühungen wurde der junge Student mit dem besten Germanistikabschluss seines Jahrgangs belohnt. Heute würde der Autor diese Ochsentour nicht mehr machen. Denn wie er jetzt weiß, ist Bildung nicht mit Intelligenz gleichzusetzen und die "Schufterei" seiner Meinung nach "eine typisch deutsche Wesensart, die eher krank als glücklich macht". Nicht umsonst gäbe es schließlich im westlichen Europa zu viele psychosomatischen Erkrankungen. Wer nicht krank ist, werde krank geredet, um die Räderwirtschaft der Ärzteschaft und Pharmaindustrie am Laufen zu halten.

Nach einem kurzen Ausflug in die Zeitgeschichte und einem ironischen Vergleich zwischen den Eroberungszügen des Mongolenführers Dschinghis Khan und den modernen Kreuzzügen des amerikanischen Präsidenten George W. Bush, las Galsan Tschinag aus seiner Erzählung "Dojnaa", die 2001 im A1 Verlag erschienen ist und in deren Mittelpunkt ein altes kinderloses Ehepaar und eine von ihrem Mann verlassene Mutter mit ihren drei kleinen Kindern stehen. Eine eindrucksvolle Geschichte über wunschloses Unglück, über Entfremdung und das späte Kennenlernen von Zuneigung und Glück.

Im letzten Teil der annähernd vierstündigen Veranstaltung standen dann die Zuhörer im Mittelpunkt. Galsan Tschinag, der ja nicht nur Schriftsteller, sondern auch Stammesoberhaupt und Schamane seines Volkes ist, gab Einblicke in seine Heilkunst. Wie wichtig der Hautkontakt für die menschliche Seele und wie wenig davon bei den Deutschen zu finden sei, wurde von ihm bemängelt.

Von Klopfen, Massieren und Handauflegen war nicht nur die Rede, sondern es wurde auch mittels mutiger Zuschauer in die Praxis umgesetzt. Abgerundet wurde der interessante Abend mit viel Atmosphäre durch die von der gastgebenden Buchhandlung gereichte mongolische Bewirtung.

pm