Lokale Kultur

Verse, die verstanden werden

KIRCHHEIM Wie kommt das wohl an? Ein gewisses Risiko war mit dem Plan des Literaturbeirats der Stadt verbunden, eine sonntägliche Matinee in ein Café zu verlegen. In

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ULRICH STAEHLE

ein Café, weil vor der Lesung ein Frühstück serviert wird. Und siehe da, die Kirchheimer wissen es zu schätzen, wenn einem Kunstgenuss ein leiblicher Genuss vorausgeht.

Arnhild Herrmann vom Café am Schlossplatz musste genauso viel Absagen wie Zusagen erteilen. Für diejenigen, die rechtzeitig gebucht hatten, begann der Sonntag, nicht allzu früh, mit einem guten Frühstück in einer Tischrunde, die man sich entweder mitgebracht hatte oder die man kennenlernte. Schaute man aus dem von moderner Kunst und sachlichem Stil geprägten Gastraum ins Freie, so bekam man schon eine atmosphärische Einstimmung auf die Lyrikerin Kaléko.

Die Linden auf dem winkeligen Schlossplatz mit der Schlossfassade und den gemütlichen alten Häusern leuchteten in den schönsten Herbstfarben. Die Tage dieses schönen Bildes sind gezählt.

Nach einer Stunde Stärkung und Einstimmung setzte sich Natascha Meyer in die Mitte. Die Schauspielerin aus Stuttgart ist in Kirchheim keine Unbekannte. Diesmal hatte sie zum hundertsten Geburtstag von Mascha Kaléko eine Sammlung von Gedichten und Lebenszeugnissen mitgebracht.

Dass der Biografie bei einer Lesung so viel Raum gegeben wird, hat einen guten Grund: Viele Gedichte sind autobiografisch geprägt. Die Kalékobiografin und -heraugeberin Gisela Zoch-Westphal hat sie auch in einem kürzlich erschienenen Sammelband verzahnt (Mascha Kaléko. Die paar leuchtenden Jahre, dtv).

Das Leben der Autorin ist vom Wechsel geprägt. Sie ist geboren in Ostgalizien, dem heutigen Polen. Als kleines Kind kommt sie nach Deutschland, nach Frankfurt am Main und nach Marburg, schließlich nach Berlin. Sie übt eine niedere Büroarbeit aus und schreibt nebenher Gedichte. Mit einundzwanzig Jahren heiratet Mascha geborene Engel den Philologen Kaléko. 1933 erscheint im Rowohltverlag "Das lyrische Stenogrammheft", zwei Jahre später das "Kleine Lesebuch für Große". Sie hat literarischen Erfolg, ist eine Größe im literarischen Leben Berlins und kennt viele literarische Größen. Das sind die "paar leuchtenden Jahre" im Leben der Umhergetriebenen. Doch nun folgen private und künstlerische Umbrüche und Katastrophen.

Mascha Kaleko lässt sich scheiden und heiratet den Vater ihres Kindes, einen Musikwissenschaftler. Als Jüdin bekommt sie Schreibverbot. Ihre Bücher werden verboten. 1938 emigriert die Familie nach New York. Die dichterische Produktion stagniert. 1960 siedelt die Familie auf Wunsch des Ehemannes nach Jerusalem über, wo die Autorin nie heimisch wird. Sie kehrt immer wieder nach Europa zu Lesereisen zurück.

1968 stirbt der Sohn, ein begabter Künstler, 1973 der Ehemann. Mascha Kaléko selbst ist 1975 in Zürich einem Krebsleiden erlegen. Bei einer solchen Vita sechs Leben hat sie geführt, so sagt sie ist verständlich, dass ihre Gedichte einen melancholischen Grundklang haben. Sie sind angesichts der ständigen Wechsel von Heimweh geprägt, vor allem nach Berlin: "Nur das Weh, es bleibt/ Das Heim ist fort".

Doch Mascha Kaléko versinkt nicht in Selbstmitleid. Ihre Verse sind , wie sie selbst sagt, janusköpfig: "Denn, was einst war, das stimmt uns meistens lyrisch, /Doch das, was ist, zum großen Teil satirisch". Das meinte wohl auch Thomas Mann, wenn er bei der Autorin von einer "aufgeräumten Melancholie" sprach. Mascha Kaléko schreibt keine avantgardistische Lyrik und hat auch darunter gelitten, dass sie mit ihren Reimereien als altmodisch vernachlässigt wurde. Doch sie behielt immer eine treue Leserschaft (Zum hundertsten Geburtstag erschien bei dtv "Mein Lied geht weiter. Hundert Gedichte").

Ihre Dichtung wirkt authentisch, sie kommt von Herzen und geht zu Herzen. Die Autorin scheut sich auch nicht, diese verpönte Herzensmetapher zu verwenden, hütet sich aber, in Herz-Schmerz-Reimen zu versinken. Leser greifen immer wieder auf ihre Verse zurück, weil sie sie verstehen und sich angesprochen fühlen, speziell in schwierigen Lebenslagen: "Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur, / Doch mit dem Tod der andern muss man leben".

Aber auch Mascha Kalékos Trost in ihre Heimatlosigkeit spricht an: "Zur Heimat erkor ich mir die Liebe". Natascha Meyer arbeitete in ihrem facettenreichen, professionellen Vortrag beide Seiten der Mascha Kaléko heraus. Sie ermöglichte eine emotionale Einfühlung in die Tragik des Lebens und gleichzeitig die Abmilderung durch Ironie und Satire. Ihre sorgfältig zusammengestellte Auswahl von Gedichtproben und biografischen Exkursen gaben einen umfassenden Überblick über das Leben und Werk dieser Autorin.

Damit leistete sie auch eine Art Wiedergutmachung gegenüber einem Opfer deutscher Geschichte. Die doppelt gesättigte Zuhörerschaft im Café am Schlossplatz war beeindruckt und spendete dem Vorsatz, diese Art der Veranstaltung Tradition werden zu lassen, heftigen Applaus.