Lokale Kultur

Verstaubte Sage in lebendiges Musical verwandelt

KIRCHHEIM "Sibylle lebt!" so die Aussage eines ultimativen Liedes über die Sibylle von der Teck. Sibylle lebt? Tatsächlich, sie lebt weiter, sie lebt noch lange in den Herzen der Zuschauer, die am Wochenende das

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RENATE SCHATTEL

bezaubernde Musical "Sibylle von der Teck" in der Kirchheimer Stadthalle bewundern konnten. Lange dauerte auch der Applaus am Ende, standing ovations belohnten die Akteure, die Meisterhaftes geleistet hatten.

In vollkommener Eigenregie hatten die "Happy Voices" vom Gesangverein Eintracht Kirchheim 1868 die verstaubte Sage in ein lebendiges, spritziges Musical verwandelt, inszeniert, gesungen und getanzt. Großes hatten die Happy Voices, allesamt keine professionellen Theaterleut, gewagt und gewonnen, nicht ohne Schweiß, Tränen und vielen, vielen Proben.

Nach einer Story-Vorlage von Barbara Gosson und Marc Kurz textete Fabian Schläper 14 freche, von verspielten Formulierungen sprühende Songs mit für Schläper typischem kabarettistischem Hintersinn. Die geistreichen Texte setzte Robert Kast in rockig-poppige Musik um, die einen stark rezitativen Charakter hat. Robert Kast studierte mit seinem Chor dann das Werk ein.

Die Dritte im Bunde der Musiktheater-Crew ist Sabine Reinert-Hahn, die mit wunderbaren szenischen Einfällen aus Text und Musik ein glanzvolles Theaterstück machte, unterstützt von der szenischen Beraterin Irene Stein. Ulrike Göltenboth entwarf das leicht mystische, aber genauso witzige wie zweckmäßige Bühnenbild mit frei schwebender Kirchturmspitze und originalgetreu nachgemalter Teck. In vielen zusätzlichen Arbeitsgruppen, wie Maske, Kostüme, Organisation oder Werbung entstand dann schlussendlich das, was am Wochenende auf der Stadthallen-Bühne zu sehen war: ein meisterhaftes Gesamtkunstwerk, das den Zuschauern viel Freude und Vergnügen bereitete, insbesondere den vielen Owenern, die extra angereist waren, um "ihre Vorfahren" live auf den Brettern der Welt zu sehen.

Und die "alten" Owener alias Happy Voices hatten selbst Außergewöhnliches zu sehen. Die staunten nämlich nicht schlecht, als dermaleinst eine schöne Frau mit drei Kindern im Gepäck auf ihrem Feuerstuhl in Owen ankam (per Video-Projektion überraschend wirklichkeitsgetreu) und dort so einiges durcheinander brachte, insbesondere den Dorfpfarrer Pius: "Ich war ihnen stets ein guter Hirte, gütig, fromm und redlich bis zum Schluss doch seit die sich auf die Teck verirrte, haben meine Schäfchen einen Schuss." Sibylle, als sinnliche Frau mit kehliger Stimme dargestellt von Conny Kächele, verführte nämlich die Owener Dorfgemeinschaft zu allerlei esoterischen und mystischen Ansichten über die Welt und machte die Schäfchen von Dorfpfarrer Pius, überzeugend dargestellt und bewundernswert gesungen von Jan Hammermann, abspenstig.

Nachdem Sibylle ein Gewitter vorausgesagt und damit die Ernte der Owener gerettet hat, tanzten diese ausgelassen einen spannend choreografierten Gewitterdance. Sibylles drei pubertierende Knaben Markus (Marc Kurz), Antonius (Sven Neufer) und Fabius (Jürgen Wolpert) stellten derweil das Owener Umland auf den Kopf, wohl wissend, dass an etwaigen Spätfolgen einfach die Hormone schuld seien, besungen in einem zündenden Rap: "Die Hormone sind schuld, wenn wir euch nicht mehr passen. Die Hormone sind schuld, wenn wir es krachen lassen!"

In Owen ging das Landleben munter weiter und die Frauen trafen sich am Brunnen zum breit-schwäbischen Tratsch (Monika Renz, Andrea Knebel und Christina Hitz), ein absoluter Höhepunkt dieser Inszenierung! Markus alias Marc Kurz hatte die Liebe zur Pfarrerstochter Katharina (Sabine Reinert-Hahn) entdeckt und sang mit ihr zweiter Höhepunkt des Abends eine zu Herzen gehende Mondschein-Ballade mit einem hocheinfühlsamen Text. Derweil sann Pius auf Rache an Sibylle und bekam mit, dass diese keine römische Erde berühren darf, sonst muss sie sterben, so hatte es der Gott Apollon vor langer Zeit bestimmt. Wie es der Zufall wollte, kam just in diesem Moment eine römische Weinhändlerin mit Amphoren aus römischem Ton ins Städtle, was die Owener spontan zu ausgelassener Weinseligkeit mit einem Tanz bester Choreografie und einem überzeugenden Chorarrangement stimmte. Spitze Darbietung!

Allein Pius war nicht selig, er schmiedete seinen Racheplan und setzte ihn umgehend in die Tat um. Pius überreichte Sibylle einen römischen Tonkrug, den sie berührte und damit dem Tode geweiht war. In einem traurigen Schlusschoral gaben die Owener Sibylle die letzte Ehre: "Nach Owen zogen Wetter hin, doch jetzt wirds friedlich hier am Fleck. Ein Hoch auf unsre Retterin, ein Hoch Sibylle von der Teck!" Aber dennoch: Sibylle lebt! Dazu haben nicht nur die stimmlich bestens präparierten und mit exakter Aussprache trainierten Happy Voices als Chor und in zahlreichen Solistenrollen gesorgt, sondern auch die Profi-Band mit Ralph Aberlein am Piano, Stefan Großekathöfer an der Gitarre (schön die Begleitung zu Pius Klagelied), am Bass Christoph Dangelmaier und an den differenzierten Drums Eckard Stromer.

Zum Nachruhm der Sibylle beigetragen hat nicht unerheblich der Erzähler Horst Matrohs, dem man endlos hätte zuhören können. Und last but not least die Projektleiterin Monika Renz, die auch Erste Vorsitzendedes Gesangvereins ist und mit dem Musical-Projekt dank aller Mitwirkenden zukunftsträchtige neue Wege in der Gesangvereinskultur gesucht und gefunden hat, die dringend nötig sind. Und dass bei aller harter Arbeit und Stress beim Proben der Spaß nicht zu kurz kam, davon zeugt das ausführliche Programmheft.