Lokale Kultur

Viele Bekannte und noch mehr Prominente im Aufzug

KIRCHHEIM Am Anfang war "das Bild" und weitere kamen dazu. Allmählich entwickelte sich aus einer spontanen Idee eine Konzeption, die sich inzwischen auf knapp 50 ansprechenden Seiten präsentiert.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Und da ist noch immer der von Gebrauchsspuren gezeichnete Aufzug, der jederzeit wieder einsetzbar dem interessanten Produkt seinen Namen gab.

Als "Lifter" firmiert ein Magazin, das erkennbar auf die Wirkung doppelseitig präsentierter Paarungen baut, die sich je nach Blickwinkel der jeweiligen Betrachter ergänzen, erweitern, erklären oder auch widersprechen. Hagen Kälberers "Lifter" stellt zweifellos viele Fragen in den Raum. Dass sie sich beim ersten Durchblättern nicht alle abschließend beantworten lassen, macht gerade den Reiz des innovativen Produkts aus, das ganz bewusst die Dimension eines Bildbands scheute.

Auf den haptischen Reiz eines großformatigen und doch handlichen Magazins setzend, ist sich der in Ohmden beheimatete Fotokünstler bewusst, dass er in einem gut sortierten Zeitschriftenangebot zwischen Frauen- und Männermagazinen, Motorsport- und Bikerheften kaum wahrgenommen würde. "Lifter" ist ein engagiert angegangenes Experiment, das schon in der Namensgebung einen Aufstieg genauso wenig ausschließt, wie es gleichfalls überzeugend Bodenhaftung und Bescheidenheit nachdrücklich vor Augen führt.

Der gelernte Industrie- und Werbefotograf Hagen Kälberer verfügt in seinem neuen Atelier über einige jederzeit ohne große Umbauten sofort nutzbare professionelle Einrichtungen für das Alltagsgeschäft des Broterwerbs. Für Porträtaufnahmen hat er dagegen keine fest eingerichtete "Station" und gebar daher eine Idee, mit der aus einem selbst erkannten "kleinen Defizit" eine selbstbewusst vertretene kreative Tugend gemacht werden konnte.

Dem enormen Aufwand handwerklich brillanter Bilder, die nach stundenlanger "Schwerstarbeit" von Visagisten, Stylisten und anderen klangvollen Könnern ihres Fachs zuvor oft unscheinbar wirkende Mädchen als übernatürlich schöne Kunstprodukte präsentieren, setzt Hagen Kälberer den jeweils nur wenige Minuten währenden Aufenthalt in seinem Aufzug entgegen.

Dort sind die zu porträtierenden Menschen allerdings schonungslos dem hart und klar von oben einströmenden Licht ausgesetzt. Die Enge des vorhandenen Raumes lässt einerseits den Abzubildenden absolut keine Fluchtmöglichkeiten. Andererseits fordert sie durch den bewusst eingegangenen Verzicht auf Studio-Blitzanlage oder auch Stativ den Fotografen und die von ihm mit 3200 ASA an den Grenzbereich gepuschte Technik gleichermaßen. Ungefiltertes und ungeschöntes Leben ist das Ergebnis.

Ungeschminkt, unvorbereitet und aufgrund der gesuchten und sich doch auch wieder eher zufällig ergebenden Nähe stehlen daher die abgebildeten "Stars" den gemeinsam mit ihnen in "Lifter" abgebildeten "Normalos" keineswegs die Schau, sondern sorgen lediglich für eine ungemein interessante Mischung.

Im inzwischen fast schon legendären Lift im ehemaligen Leki-Gebäude an der Jesinger Straße standen Menschen aus Kirchheim wie etwa Peter Hartmann, Mareen de Bayer, Gerda Schlett, Alex Mader, Nalini Schempp oder Graziano Manca. Sie konkurrieren im Heft mit ungewöhnlichen "Familienbildern", denn auch Partnerin Annette und der sechsjährige Sohnemann Ruben stellten sich gerne der fotografischen Aufzugs-Obsession Hagen Kälberers.

Bei einer Reportage in Zürich stellte Hagen Kälberer Daniel und Markus Freitag notgedrungen kurz in deren Lift. Das Thema "Menschen im Aufzug" war für ihn inzwischen so etwas geworden, wie für andere die Zigarette zwischendurch eine kleine Pause, nach der die Arbeit dann wieder leichter von der Hand geht.

Die beiden Brüder machten daher auch gerne mit. Ihre aus Lastwagen-Planen gemachten Taschen sind seit Jahren absolute Kultobjekte, die als anerkannte Design-Ikonen längst auch ihren Weg ins "Museum of Modern Art" gefunden haben.

Der Bildhauer Pinuccio Sciola, der von sich sagt, dass er in früheren figurativen Arbeiten versuchte, seinen Werken "eine Seele zu geben", und überzeugt ist "heute bringe ich den Steinen das Singen bei", steht genauso im Aufzug wie Paolo Fresu, der als bester Jazz-Trompeter Europas immerhin gleich zwei Doppelseiten im Magazin seines ebenfalls leidenschaftlich Trompete spielenden Musik-Kollegen und "Aufzugs-Fotografen" in Anspruch nehmen darf.

Den Reigen rundet der Pianist Antonello Salis ab, der allerdings weit weniger Platz bekommt, den er auch noch mit einem den Fotografen widerspiegelnden Auge eines Pferdes teilen muss. Dafür musste es sich aber nicht in den engen Aufzug drängen, sondern dem begeisterten Reiter nur möglichst fotogen ins Auge schauen.

Nina Kunzendorf, Grimme-Preisträgerin 2006, die in den Jahren davor in "Marias letzte Reise", "Der scharlachrote Engel" und "Stauffenberg" zu sehen war, wurde zwar im Wohnzimmer ihrer Eltern in Mannheim, aber ohne unnötige Hilfsmittel absolut "liftermäßig" und großformatig im Bild festgehalten.

Maßgeblich geprägt wurden Textteil und Erscheinungsbild des Magazins von Katharina Goldbeck-Hörz und von Sabine Joas, die für die Typografie verantwortlich ist. Jan Feldkircher, der in dem unterschiedlichste Eindrücke versammelnden eher sprachlosen Magazin vergleichsweise textlastig zu Wort kommt wird dann eher klein abgebildet. Er ergänzt den Reigen der außerhalb von Aufzügen festgehaltenen Tiere und "hohen Tiere", zu denen auch Her Highness The Begum Aga Khan, His Holiness Sri Sri Ravi Shankar und Peter Maffay gehören.

Zufällig und auch wiederum nicht waren die hautnahen Begegnungen mit den sich ebenfalls in "Lifter" wiederfindenden Promis Boris Becker und Mika Häkkinen. Als für die Dokumentation der Einweihung des neuen Mercedes-Museums akkreditierter Fotograf hatte Hagen Kälberer abseits der offiziellen Termine Gelegenheit, nicht nur hautnah an die geladenen Gäste heranzukommen und sie bei einer vom Hausherrn angebotenen Führung zu begleiten, sondern auch mit ihnen Aufzug zu fahren.

Das von GO Druck Media Verlag, Kirchheim, auf holzfreiem gestrichenem Feinstpapier der Papierfabrik Scheufelen gedruckte Magazin "Lifter" ist an keinem Kiosk erhältlich. Es liegt aber an verschiedenen Stellen aus. Offizielle Verkaufsstelle ist die Kirchheimer Buchhandlung Schieferle, Wellingstraße 24. Weitere Infos über "Lifter" können unter www.hagenfotos.de abgerufen werden.