Lokale Kultur

Virtuose Wortakrobatik im Gewölbekeller

KIRCHHEIM Eine Vorstellung gleich mit der Zugabe zu beginnen, deutet nicht unbedingt auf ein allzu defizitäres Selbstbewusstsein hin. Die "Sinnsuche betreibenden Wortdeutungskontrolleure", wie der Schriftsteller Joseph von Westphalen

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WOLF-DIETER TRUPPAT

das Duo "Faltsch Wagoni" definiert, präsentierte nach der vorweggenommenen Zugabe auch in Kirchheim das praktisch schon rund um den Globus erprobte Programm "Deutsch ist dada? und Obst?".

Im Frühjahr 2002 haben Silvia Prospero und Thomas Busse mit ihrem Projekt "Deutsch ist dada" begonnen, das als "project in progress" seither immer wieder vor wechselndem Publikum in aller Welt ausprobiert, überarbeitet, verändert und erweitert wurde dem Goethe-Institut sei Dank. Nicht zuletzt auch dafür, dass sich die weltweit gemachten Erfahrungen der beiden Wortakrobaten auch in einer probaten und pragmatischen Ergänzung des Programmtitels niederschlagen konnten. Was sich hinter "Deutsch ist dada? und Obst!" verbirgt und woher der in Kabarett-Duo-Kreisen eher ungewöhnliche Künstlername "Faltsch Wagoni" kommt, interessierte offensichtlich viele, denn der Gewölbekeller unter der altehrwürdigen Bastion war am Samstagabend gut besucht.

Silvana Prosperi , die "nur" für Gesang und Perkussion verantwortlich zeichnete, wurde von Thomas Busse nach Kräften unterstützt, der sie nicht nur gesanglich, sondern auch mit singender Säge, auf Gitarre und Concertina und vor allem auch mit seiner virtuosen Nasenflöteneinlage begleitete und immer wieder auch wortreich und reimkonform mit ihr "streitete".

Das einschmeichelnde "Würdest du mir bitte. . ." der mit enormer Bühnenpräsenz daherkommenden Halbitalienerin, die neben Koffer, Tisch und Zeitungsunterlage zur Not auch noch auf dem eigens dafür angezogenen Lederrock trommelt, stellte ihrem Partner dabei durchaus nicht eben einfache Aufgaben. Champagner einzuschenken oder auch Zigaretten zu holen, Rücken kraulen oder Füße zu streicheln sind schließlich deutlich einfacher zu absolvierende Liebesbeweise als gegen alle Vernunft Treue zu schwören "und ewige Brunft", nicht nur "Geld oder Ehre" zu riskieren, sondern möglicherweise auch gleich noch "Leber oder Nieren" oder gar "ohne mit der Wimper zu zucken Zyankali zu schlucken".

Da ist nicht nur äußerste Diplomatie, sondern vor allem auch die richtige Wahl der Worte gefordert. "Ich würde wenn ich wüsste, wie es wäre, wenn ich's täte", lautete letztendlich die nicht einfache allumfassende Antwort auf viele ungemein schwere Fragen. Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

"Faltsch Wagoni" kapriziert sich sehr kurzweilig und kenntnisreich vor allem auch darauf, Antworten zu geben auf Fragen, die keiner stellt. "Der Anfang" und "Die Würde" sind ihnen dabei so wichtig wie "Und Obst" oder "Das Wasser". Mit "Dativ und Goliath" setzen sie sich genauso gewissenhaft auseinander wie mit der "Bierbar in Sevilla", dem "Kind im Manne", "Ingo Flamingo", des "Esels Laute", dem linguistisch korrekt zu Leibe gerückten "Schachtelsatz" oder auch der physikalisch fundierten Rundschau über "Alle meine Quentchen".

Dass die wortakrobatisch arbeitenden Lingual-Archäologen längst in der Jetzt-Zeit angekommen sind, belegten sie mit der Sorge um die ausbleibende "E-Mail von Emil", der sich trotz SMS-verkürztem "Wann sehen wir uns E Punkt? Ich h Punkt nicht viel Z Punkt. Ich muss gleich in die Red Punkt" nicht meldet und das, wo doch ausdrücklich als Post Scriptum noch "uA Punkt w Punkt g Punkt" mit übermittelt wurde.

Auch die Suche von "Maman", die den Sohn im Kinderbett wähnt, der dann aber im Internet weilt, greift neuzeitliche Ängste auf. Ist sie überzeugt: "Dein Vater, das verwind't er net", sorgt sich der Sohn eher um seinen verfaulenden Intellekt, falls er tatsächlich "die Windows schließen muss".

Ihre zuweilen doch auch recht dissonante Lyrik konfrontierten die beiden ungemein musikalischen "Wortklauber" und "Verbalradikale" immer wieder mit genauso schrägen Melodien, die bis hin zum herzerweichenden Sägengesang reichten.

Dass sie mit der vorab schon gewährten Zugabe nicht durchkommen werden, war vorauszuahnen. Zu lange durfte der weitere Wortwitze provozierende Zugabenapplaus allerdings nicht anhalten. Nach ihrem samstäglichen Gastspiel in Kirchheim steuerten Silvana Prosperi und Thomas Busse schließlich die bayerische Landeshauptstadt an, wo sie gestern bei der "Lach- und Schießgesellschaft" ihr allerneuestes Programm "Nicht ganz Dichtung" präsentieren konnten.

Ein Wiedersehen in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist am Dienstag, 7. März, möglich, denn "Faltsch Wagoni", sind im Rahmen des "ChanSong-Fest 2006" ins Stuttgarter Renitenz-Theater geladen. Kennen gelernt haben sich die beiden Anfang der 80er-Jahre in München, als Silvana Prosperi den Szene- und Straßenmusiker Thomas Busse für die Münchner Stadtzeitung "blatt" interviewte. Die sich daraus ergebende "wunderbare Freundschaft" war zeitweise in einem romantischen "Zirkuswagoni" beheimatet, in dem sich die beiden "wie falsche Nomaden" gefühlt haben "Faltsch Wagoni" eben. Die im falschen Wagon sich richtig entwickelnde Liaison führte konsequent von in Programmen sich niederschlagenden Erkenntnissen wie "Liebe macht blond", "Soweit die Sinne trügen", "Wenn schon daneben, dann neben dir" oder "Einer platzt an der Sonne" bis hin zur "Liegewiese" auf der "Sitzen verboten" ist und dem zugegebenermaßen eher etwas sperrig daherkommenden Titel "Deutsch ist dada? und Obst!"