Lokale Kultur

Vom "Häuten der Zwiebel" bis hin zu "Verrückt nach Schokolade"

KIRCHHEIM "Hier kocht der Chef", lautet die auf Klapptafeln gerne verbreitete und Qualität versprechende Formel, auf der die Werbestrategie zahlloser Ausflugslokale basiert. Das Buchhaus Zimmermann

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WOLF-DIETER TRUPPAT

setzt in seinem traditionsgemäß mit Wein und Brezeln aufwartenden Literaturcafé inzwischen auf eine deutlich komplexere und dennoch Erfolg versprechende Strategie.

Offensiv gelebte Meinungsfreiheit sorgt dafür, dass beim Thema Neuerscheinungen zu den wohl abgestimmten Rezepturen des Maître de la cuisine jeder seinen Senf dazu geben kann. "Jeder" bedeutet, dass alle Mitarbeiterinnen in die Suppe spucken und damit dem gemeinsam vorzubereitenden Menü divergierende, individuelle Geschmacksnoten mit auf den Weg geben können.

Beim Thema "Biografien" stand zunächst aber nur der Chef am Herd, da es zunächst galt, Günter Grass "Beim Häuten der Zwiebel" ganz genau zu beobachten und zu werten. Sehr differenziert arbeitete Horst Zimmermann heraus, dass moralische Empörung und literarische Bewertung sich hier völlig im Weg standen und zudem von der Frage überlagert wurden, ob dieser Skandal möglicherweise bewusst provoziert wurde schließlich gilt es, sich zunächst an der Quelle zu orientieren. Gerhard Schröders "Entscheidungen" wurde ebenfalls gewissenhaft analysiert und abschließend Freunden und Feinden die in den staatstragenden "Entscheidungen" dargestellten Einsichten und Erkenntnisse gleichermaßen angeboten.

Mit Joachim Fests Biografie "Ich nicht" übernahm Geschäftsführerin Sibylle Mockler das Staffelholz und lenkte das Interesse auf die Auswahl zum Lesen schöner Bücher. Margaret Forsters "Ein Zimmer, sechs Frauen" nannte sie genauso, wie John Banvilles "Die See", bevor die von den Mitarbeiterinnen mit Herzblut als Favoriten ausgesuchten Titel "Stille" von Tim Parks und "Jedermann" von Philip Roth, "Chuzpe" von Lily Brett oder "An einem Tag wie diesem" von Peter Stamm im Mittelpunkt standen.

Morten Ramslands "Hundsköpfe" und Per Pettersons "Pferde stehlen" setzten die Reihe fort, bevor mit Robert Gernhardts "Später Spagat" ungemein schmerzhaft und anrührend an einen Menschen erinnert wurde, der in seinem langen Kampf gegen den Krebs nie seinen unerbittlichen Humor verloren hat. In Reimform Betroffenheit und zugleich auch Heiterkeit zu provozieren, war der letzte und daher erst posthum veröffentlichte Geniestreich des im Juni dieses Jahres verstorbenen Mitbegründers der Neuen Frankfurter Schule.

Nach Tommy Wieringas "Joe Speedboat" und Patricia Dunckers "Miss Webster und Cherif" wurde im Anschluss an Renate Feyls "Aussicht auf bleibende Helle" und Iris Alanyalis Buch "Die blaue Reise" der von vielen sehnsüchtig erwartete Schritt vollzogen in die blutrünstigen Winkel der Kriminalliteratur.

Mit "Seegrund" von Volker Klüpfel und Michael Kobr beginnend und mit Altmeister John le Carre fortführend, gewann die zwischen Buchdeckeln angestaute Blutspur zunehmend an Tiefe. Vor Tess Gerritsens "Scheintot" wurde nachgerade gewarnt. Der Hinweis, dass dieses Buch nichts für schwache Nerven ist, dürfte aber ein ganz entscheidender Hinweis für bekennende Krimileser gewesen sein. Dass es sich hier ganz besonders lohnt, das nächste verregnete Wochenende herbeizusehnen, das genügend Argumentationshilfe bietet, nicht aus dem Haus gehen zu müssen und endlich einmal in Ruhe lesen zu können, wurde deutlich. Wer sich für Fantasy-Literatur begeistern kann, wurde fachkundig auf "Die Mächte des Feuers" von Markus Heitz verwiesen, ansonsten hatte schon längst die kunterbunte Stunde der Sachbücher geschlagen.

"Das Rembrandt-Buch" von Gary Schwartz führte die Reihe an, die sich mit Frank Schätzings "Nachrichten aus einem unbekannten Universum" und Eric Orsennas "Lob des Golfstroms" zunächst unter Wasser begab und über Ilija Trojanows "Der Weltensammler" bis hin zu Christopf Jänickes gewissenhaft ausgeleuchteten Erkenntnissen zum Thema "Alternativ heilen" führte.

Der begeisterten Empfehlung, Hape Kerkelings "Ich bin weg" zu verschlingen, folgte der Rat, sich statt auf den Jakobsweg zunächst nach Nürtingen zu begeben, wo Sabriye Tenberken am Mittwoch, 22. November, in der Kreuzkirche ihr Buch "Das siebte Jahr" vorstellen wird.

"Was geschah mit Schillers Schädel" von Rainer Schmitz, Stefan Kleins "Zeit" und Wendelin Wedekings "Anders ist besser" bestritten das Finale des Abend, der mit Trish Deseines "Verrückt nach Schokolade" und plötzlich auf Tabletts mit Wunderkerzen gereichten Pralines ein überraschendes und geradezu traumschiffartiges Ende fand.