Lokale Kultur

Vom Kanzler der Bescheidenheit zur strahlenden "Perle der Uckermark"

KIRCHHEIM Statt sich aktiv beim Verkauf zu engagieren, zog Florian Schroeder es schon zu Schulzeiten vor, mit der Stimme von Rudi Carrell oder Udo Lindenberg über die Schulanlage entsprechend Werbung für Pausengetränke zu machen.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

1993 konnte er Helmut Kohl, Norbert Blüm und Udo Lindenberg parodieren. Bei seinem samstäglichen Auftritt im Kirchheimer club bastion machte der inzwischen 27-jährige Florian Schroeder mit seinem ersten Soloprogramm "Auf Ochsentour" unmissverständlich deutlich, dass er zwischenzeitlich sein faszinierendes Repertoire sofort erkennbarer Stimmen und Gesten enorm erweitert hat.

Mit unterschiedlichsten Stimmen parodiert er sich daher unbarmherzig und ohne Pardon durch die Kleinkunstszene, die er damit zugleich zum Forum großer kabarettistischer Kunststücke macht. Sich um Kopf und Kragen redend, kalauert er sich höchst erfolgreich durch die Republik und zeigt, dass er den konditions- und konzentrationsfordernden Dreikampf aus Polit-Comedy, Kabarett und Parodie mit traumwandlerischer Sicherheit beherrscht.

Vom Stuttgarter Theaterhaus kommend, sorgte der mit Preisen geradezu überschüttete jugendliche Altmeister am vergangenen Samstag auch in Kirchheim für Begeisterung bei Bastionsbesuchern, die fast alle einer völlig anderen Generation angehören und seine stolzen Eltern hätten sein können. Neben dem "Kleinkunstpreis Baden-Württemberg" und dem "Handelsblatt Sprungbrett" konnte der agile Akteur immerhin auch den "Silbernen Stuttgarter Besen" abgreifen und beim Ringen um die "Tuttlinger Krähe" den kabarettistischen Vogel abschießen und den ersten Platz belegen. Der Publikumspreis "Halterner Kiep" sowie der Jury- und Publikumspreis "Sankt Ingberter Pfanne" runden den Reigen der Auszeichnungen ab, die Florian Schroeder auf seiner "Ochsentour" erworben hat.

Gerd Schröder steht Florian Schroeder verständlicherweise ganz besonders nahe. Immer wieder lässt er ihn daher in der ihm nun einmal anhängenden Bescheidenheit über längst vergangene Zeiten oder ganz aktuell mit seinen devot dem dankbaren Publikum dargebotenen Memoiren lautstark zu Wort kommen. Eva Hermanns selbstkritische Beschäftigung mit ihrer düsteren Vergangenheit und die Günter Grass ja derzeit stark bewegende Auseinandersetzung mit der Rolle der Frau wurde von Florian Schroeder ebenfalls beredt thematisiert. Wenn er da mal nichts durcheinander gebracht hat . . .

Liebevoll blickte er immer wieder auch auf die strahlende "Perle der Uckermark" und zeigte sich überzeugt davon, dass Angela Merkel während der Fußballweltmeisterschaft noch viel euphorischer Arme und Hände in die Höhe hätte werfen können, wenn ihre mit erstaunlicher Konsequenz getragenen anliegenden Kurzjäckchen nicht ganz so eng wären.

Vor Edmund Stoiber verneigte sich Florian Schroeder ganz besonders tief, denn statt den berüchtigten Wort-Virtuosen kabarettistisch zu verzeichnen und ihn mit fragwürdigen Übertreibungen zu parodieren, spielte er zuweilen nur Originalmaterial ein. Auf der Grundlage der schon fast zur Legende gewordenen medial übermittelten Stoiberschen Erkenntnisse über den Problembär "Bruno" konnte Florian Schroeder mit wissenschaftlicher Akkuratesse flipchartgestützt analysieren, wie aus Stoibär unweigerlich Gelabär herausquillt, um sich anschließend besorgt und intensiv Gedanken darüber zu machen, was die Vogelgrippe bei Menschen alles anzurichten vermag.

Dass Bundespräsident Horst Köhler dieses Land möglicherweise noch mehr liebt als sein Amtsvorgänger "Bruder" Johannes Rau davon kann nach den nicht enden wollenden Bekundungen im Bastionskeller durchaus ausgegangen werden. Auch Herbert Grönemeyer konnte sich gewohnt emotionsgeladen immer wieder nicht genau definierbare Geräusche absondernd sangesstark in die Debatte einbringen. Ex-Außenminister Joscha Fischer war genauso mit von der Partie wie Ex-Wimbledonsieger Boris Becker, Dieter Bohlen, der fast genauso spritzige Michael Glos oder auch der bekannte Langsamredner und Teufel-Nachfolger Günther Oettinger. Nachdem Ulla Schmidt einmal mehr die Gesundheitsreform schöngeredet hatte, machte sich Florian Schroeder im Blick auf den wortlos parodierten Roland Koch ernsthafte Gedanken darüber, ob Schönheitsoperationen vielleicht doch in die Angebotspalette der von der großen Koalition gewährten Leistungen hätten miteinbezogen werden sollen.

Auch vor klerikalen Themen machte Florian Schroeder nicht halt und hatte seine Freude daran, sich mit dem angeblichen Benedikt im Publikum über den derzeitigen Papst formerly known as Ratzinger zu unterhalten, der ihn stimmlich sehr stark an den schillernden Modeschöpfer Mooshammer erinnert.

Dass Städte immer nur "so gut drauf" sein können wie ihre Bahnhofsansagen, belegte Florian Schroeder ebenfalls an ausgewählten Beispielen, um auch noch darüber nachzudenken, warum Mütter am liebsten eine Mischung aus André Rieu, Chris de Burgh und Joe Cocker zum Schwiegersohn hätten.

Nach Helmut Kohls perfekt ausgesprochener "Ochsenschwanzsuppe" durfte "Kaiser" Beckenbauer bei Beckmann mit seiner Bescheidenheit brillieren, bevor ganz ernsthaft der Frage nachgegangen wurde, ob Aussagen von Gefolterten genutzt werden dürfen und wie Bob Marley durch eine Rasta-Fahndung kommen konnte.

Anspruchsvolles und absolut Anspruchsloses wusste Florian Schroeder abenteuerlich zusammenzumischen, um dann plötzlich das begeisterte Publikum überraschend zu fragen, ob noch Fragen offen sind. In einer fulminanten Zugabe ließ er dann noch einmal Gerd und Angie um die Wette singen und lieh ein letztes Mal auch noch vielen anderen Prominenten seine wandelbare Stimme. Die vielen Preise, die das "zufällig" auf CD vorliegende Programm schon eingespielt hat, sind zweifellos verdient.