Lokale Kultur

Vom Kegeln mit Benno bis zur Geburt von Friedemann-Amadeo

KIRCHHEIM Wer ein Debüt hinlegt, das monatelang in den Bestsellerlisten steht und als die erfolgreichste Neuvorstellung seit Jahren

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WOLF-DIETER TRUPPAT

gefeiert wird, hat es mit einem zweiten Buch nicht unbedingt leicht. Wem Jan Weilers Erstling gefallen hat, der unter dem Titel "Maria, ihm schmeckt's nicht" als Paperback vorliegt und dann praktisch sekundenschnell die Bücher-Charts erkletterte, wird von dem von massiven Buchdeckeln flankierten Band "Antonio im Wunderland" sicherlich absolut begeistert sein.

Dass Jan Weiler (Foto) nicht nur ein enorm guter Beobachter mit einem unglaublichen Gespür für atemberaubende Vergleiche und Übertreibungen ist, sondern zugleich auch manchem Sprecher, Schauspieler und Stimmenimitator seine Grenzen aufzeigen könnte, machte er bei seiner freitagabendlichen Lesung in der Buchhandlung Zimmermann deutlich. Überzeugend bestätigen konnte er zugleich aber auch, dass er zweifellos nicht nur ein den Erfolg nachgerade herbeiinszenierender Profi ist, sondern sehr viel Ähnlichkeit hat mit dem Erzähler, der vom zuweilen etwas anstrengenden Schwiegervater Antonio nach ein paar verunsichernden "Antrittsminuten" dann doch als "liebe Sohn" schon bei der ersten Begegnung praktisch sofort adoptiert wird.

Im Kreis einer bekennenden Fangemeinde hatte Jan Weiler von Beginn an ohnehin leichtes Spiel, auch die wenigen, die ihn möglicherweise noch gar nicht oder vielleicht bislang auch "nur" ein Buch von ihm kannten, sofort für sich zu begeistern. Dass er die Spielregeln des Abends klar definierte und nicht der Versuchung erlag, sich von seinen Fans feiern und der damit unvermeidlich einhergehenden Gefahr auszusetzen, sich vor allem auch ausfragen zu lassen, war goldrichtig. Nichts ist schließlich schlimmer, als einen fulminant inszenierten Abend damit enden zu sehen, dass er dank verzwungener Fragen eher zwanghaft noch etwas vor sich hindümpelt, bis dann doch endlich die unvermeidliche aber wenigstens von den "Alpha-Tieren mit gleich sechs Fragen" befreiende Signierstunde beginnt.

Die Dramaturgie war jedenfalls brillant, denn allen, die "Maria, ihm schmeckt's nicht" schon gelesen hatten, konnte der Absolvent der Deutschen Journalistenschule in München und langjährige Chefredakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung zeigen, dass er bei "Antonio im Wunderland" noch eine prächtige Packung draufgelegt hat. Von der zunächst gut ausgewählten ersten Begegnung mit Unikum Benno, der in der Tat ein etwas wundersamer Geselle und nicht ohne Grund Antonios bester Freund ist, steigert er sich in die irrwitzige Szenerie einer von vielen "Kleinen Feiglingen" begleiteten deutsch-italienischen Kegelrunde hinein.

Dann setzt der 1967 in Düsseldorf geborene und mit Frau und zwei Kindern inzwischen längst in München angekommene einstige Werbetexter mit dem Oktoberfest-Kapitel eine noch verführerischere weil von intimer Kennerschaft wie von kritisch-unkritischer Selbstironie gleichermaßen geprägte neuerliche Duftmarke. Mit beredten Verweisen auf die von ständigen Verhaftungen geprägte Reise nach New York, schaffte es der aus dem Dunstkreis der "geheimen Verführer" aus- oder auch aufgestiegene "liebe Jung", mit seiner perfekt inszenierten Performanz auch letzte Zweifler davon zu überzeugen, dass sie jetzt eigentlich nur noch entscheiden können, ob sie ihre Neugierde auf das inzwischen natürlich immer begehrenswertere Ganze durch aktives Lesen oder aber passives Zuhören stillen wollen.

Jan Weiler achtete bei seiner gelungenen Inszenierung genau darauf, seine höchsten Trümpfe nicht unnötig auszuspielen. Nie wurde genau gesagt, welchen alten Bekannten Antonio überhaupt in New York treffen will oder gar, welch grandiose Rolle der ebenfalls in Campobasso geborene Superstar Robert de Niro möglicherweise noch spielen könnte. Nur Insider konnten daher sofort richtig einordnen, dass dessen Part im Hörbuch "natürlich" auch von seiner Original-Synchronstimme von Christian Brückner gesprochen werden muss.

Bei seinen Lesungen braucht Jan Weiler zweifellos keine fremde Hilfe außer vielleicht etwas elektronischer Verstärkung, die ihm offensichtlich bei seiner vorangegangenen Lesung in Schwäbisch Gmünd versagt blieb was ihm fast die auf einer Leserreise ja so ungemein gefragte Stimme raubte.

Jan Weiler sitzt nicht, er steht. Er liest nicht aus einem mit bunten Klebezettelchen markierten und immer wieder nervös nach der nächsten Stelle durchblätterten Buch, sondern trägt mit Verve vier klug ausgewählte und für den mündlichen Vortrag noch prägnanter pointierte Passagen vor. Nicht mehr und nicht weniger.

Er reagiert auch spontan auf sein sich zwischen Regalen zusammendrängendes Publikum und zwei sich darunter befindende, ungemein brave Kleinkinder die ihm aber dann doch nicht den Gefallen tun, am Ende noch etwas passendes Babygeschrei unter sein Wannengeburts-Crescendo zu legen.

Wie liebevoll Spott sein kann, machte Jan Weiler in seinem fulminanten Finale ganz besonders deutlich, das sich vielleicht auch besonders gut dazu eignet, sich den Erfolg seiner Verführungskünste zu erklären. Seine so kritische wie tolerante Beobachtungsgabe ermöglicht es ihm, als sympathiesteuernder Vermittler zwischen den Welten die italienischen Momente im Leben des Erzählers genauso liebevoll, süffisant und selbstironisch zu beschreiben, wie die ihn wohl eher befremdende vegetarisch-esoterisch unterwanderte und doch ungemein fesselnd fabulierend in Szene gesetzte Geburtsinszenierung von Friedemannn-Amadeo Böhmer, der dann freilich ein Mädchen ist, das auf den zweifellos auch sehr schönen Namen Irmine-Apolonia hört . . .