Lokale Kultur

Vom "Nibelungenlied" über einen Punkroman bis zum "Weltensammler"

KIRCHHEIM / NÜRTINGEN Der Nachweis, dass Weltliteratur kein Verfallsdatum hat, steht einer Buchhandlung in schnelllebiger Zeit gut an. Die Buchhandlung Zimmermann führt diesen Nachweis gleich zu Beginn ihrer herbstlichen Veranstaltungsreihe mit dem Nibelungenlied. In der 4. Folge jeweils ab 20 Uhr am Mittwoch, 27. September, in Nürtingen und am Donnerstag, 28. September, in Kirchheim treibt die Handlung auf einen Höhepunkt zu: es kommt zu dem berühmten Streit der Königinnen, der zu Siegfrieds Ermordung führt.

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Die 900 Jahre alte Dichtung schlägt mit ihrer dramatischen Raffinesse dabei jeden Kriminalroman. Sie erweist sich aber auch als zeitloses Abbild menschlicher Verstrickung.

Die Einladung zu einer Omnibusfahrt zur Frankfurter Buchmesse am Samstag, 7. Oktober, führt dagegen mitten in das literarische Geschehen der Gegenwart. Der Welt größtes Buch- und Medienereignis bietet Gelegenheit, Literatur des In- und Auslands, der Wissenschaft und Kunst, große Prominenz und kleine Exoten und die ganze Medienwelt vor Ort zu erleben.

Zum 400. Geburtstag Rembrandts 2006 überbieten sich Museen in aller Welt, das Genie mit Ausstellungen zu feiern. Aus einer ganz speziellen Perspektive nähert sich der Vortrag Dr. Zimmermanns am Donnerstag, 12. Oktober, in Kirchheim der Frage, wie sich Rembrandts Stil in vier Lebensjahrzehnten verändert hat. In einer Bilderfolge wird gezeigt, wie die stürmische Produktion der Jugendjahre sich läutert und sich in der stillen Feierlichkeit und Würde des Alterswerks verklärt. Wer diese Entwicklung erkennt, kommt zu einem tieferen Verständnis dieser Meisterwerke.

Ein heißes, ein heikles Thema, das in Presse und Fernsehen hohe Wellen schlägt, steht am Mittwoch, 18. Oktober, zur Diskussion: Dr. Bernhard Bueb spricht in der Kreuzkirche in Nürtingen über seine Streitschrift "Lob der Disziplin". Dr. Bueb war 30 Jahre lang Leiter der Eliteschule Schloss Salem und gilt als prominentester Kritiker des deutschen Erziehungswesens. Mit seinem provokanten Aufruf zu mehr Disziplin und Verantwortung liefert er einen Beitrag zum Thema "richtige Erziehung" und einen aufrüttelnden Rat für Eltern und Pädagogen.

Eine ausgelassene Satire folgt am Mittwoch, 25. Oktober, im Buchhaus Zimmermann in Kirchheim: "Ein Punkroman für die besseren Kreise". Dabei geht es wider Erwarten nicht um Chaos und Anarchie, nicht um Sex, Bullen, Bier und Rock. Unter dem Titel "Anarchosnitzel schrien sie" brennt Oliver Maria Schmitt, früherer Chefredakteur des Satiremagazins "Titanic" ein Feuerwerk von Pointen ab, auf das jeder abfährt, der Humor im Leib hat.

Wer nicht in tierischem Ernst, sondern in heiterer Gelassenheit schon darüber nachgedacht hat, welche Lektüre geeignet für eine einsame Insel sei, wird am Montag, 6. November, in Kirchheim an Rainer Moritz's Vortrag "Die Überlebensbibliothek" seine helle Freude haben. Der Leiter des Literaturhauses Hamburg spricht alle an, die ohne Bücher nicht leben können. Er empfiehlt Romane, die die Macht haben, Menschen und ihr Leben zu verändern, die den besten Freund oder auch den Therapeuten ersetzen können. . .

In gleicher Absicht laden die Buchhändlerinnen und Buchhändler zu "Zimmermann's Literatur-Café" ein, wo sie jeweils um 20 Uhr am Mittwoch, 8. November, in Nürtingen und am Mittwoch, 15. November, in Kirchheim traditionell bei Wein und Brezeln über ihre Lieblingsbücher plaudern und so amüsant wie möglich und so kritisch wie nötig eine Auswahl lesenswerter Neuerscheinungen bieten.

Darauf folgt ein ernstes wirtschaftspolitisches Thema: Über "Aktuelle Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg" spricht die Präsidentin des Statistischen Landesamtes Baden-Württemberg, Dr. Gisela Meister-Scheufelen am Donnerstag, 9. November, in Kirchheim. Ihr Amt beobachtet kritisch die Stärken und Schwächen der heimischen Betriebe, auch im Vergleich mit den Regionen Europas. Mit Gisela Meister-Scheufelen sind die Wirtschaftsleute des Landes wie die Politiker im Gespräch. Ein Vortrag mit der Gelegenheit, aktuelle Wirtschaftsperspektiven zu erfragen und zu diskutieren.

Wenn sich Hermann Bausinger, der legendäre Professor des Ludwig-Uhland-Instituts der Uni-Tübingen, unter dem Titel "Der herbe Charme des Landes" Gedanken über Baden-Württemberg macht, wird nicht nur den Einheimischen das Herz aufgehen. Am Donnerstag, 16. November, wird Professor Bausinger in Nürtingen eine subtile, verhaltene Liebeserklärung an seine Landsleute abgeben, auch wenn diese außer Hochdeutsch nicht alles können.

Fünf Jahre, nachdem sie in einem denkwürdigen Vortrag im Buchhaus in Kirchheim über ihre Arbeit in Tibet berichtet hat, kommt Sabriye Tenberken am Mittwoch, 22. November, nach Nürtingen: eine bewundernswerte blinde Frau, die allein nach Tibet reiste, eine Blindenschrift für Tibeter erfand, eine Blindenschule in Lhasa gründete, ihr Blindenzentrum in Lhasa nun in die Hände treuer (blinder) Mitarbeiter legt und jetzt eine neue Herausforderung in Indien sucht. Ein leuchtendes Beispiel, was Selbsthilfe in der Welt zustande bringen kann.

Weiter geht es mit Weltliteratur, Dostojewskijs Legende vom Großinquisitor. Sevilla, zur Zeit der Inquisition. Christus kehrt wieder. Die Menge jubelt ihm zu und erwartet Wunder. Der Großinquisitor aber lässt Christus verhaften und in den Kerker werfen. In einem nächtlichen Gespräch klagt er ihn an, die leidenden Menschen nicht erlöst, sondern ihr Unglück vervielfacht zu haben. Man stelle sich vor: Christus kehrte wieder, aber die Kirche kann ihn nicht mehr gebrauchen. Er ist ihr sogar im Weg grandiose Dichtung, aber auch revolutionäre Theologie. Rudolf Guckelsberger liest das Kapitel aus dem Roman "Die Brüder Karamassow" am Donnerstag, 23. November, um 20 Uhr in Kirchheim.

Am Dienstag, 28. November, steht wieder aktuelle Wirtschaftspolitik zur Diskussion. Zwei hochkarätige Experten stellen sich der asiatischen Herausforderung in der Automobilwirtschaft. Professor Dr. W. Diez von der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen und Dr. H. Becker vom IWK-Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation sprechen am Beispiel Toyotas über Unternehmenskultur auf der Grundlage ethischer Normen.

Zum guten Schluss der Vortragsreihe am Freitag, 1. Dezember, noch ein literarisches Ereignis: Ilija Trojanow stellt seinen im Frühjahr schon preisgekrönten Roman "Der Weltensammler" im Buchhaus in Nürtingen persönlich vor.

Inzwischen ist das Buch auch unter die letzten vier Vorschläge für den Deutschen Bücherpreis 2006 vorgerückt. Aber Preis hin, Preis her: Hier begegnet man einem Buch, das wieder einmal vor Augen führt, was Literatur kann: Welt vermitteln.

pm