Lokale Kultur

Vom "Paukenschlag" bis zum "Karneval der Tiere"

KIRCHHEIM Bereits zum fünften Mal fand die wohl längst zur guten Tradition gewordene und im Kirchheimer Kulturleben als feste Institution verankerte Orgelnacht in Sankt Ulrich statt. Das stets kulinarisch umrahmte Musikereignis begann, wie es Dekanatskirchenmusi-

Anzeige

FLORIAN STEGMAIER

ker Thomas Specker in seiner Begrüßung formulierte, mit einem echten "Paukenschlag". Das erste der insgesamt vier Konzerte der Orgelnacht war ausschließlich Werken von Naji Hakim gewidmet, der in Sankt Ulrich anwesend war und persönlich in seine beiden Kompositionen "Le tombeau d' Olivier Messiaen" und "Magnificat" einführte.

Der 1955 in Beirut geborene Naji Hakim kann als Organist und Komponist gleichermaßen auf internationale Erfolge zurückblicken. Im Jahre 1993 trat er die Nachfolge Messiaens an der großen Orgel von La Trinité in Paris an. Dem von Ulrich Klemm hervorragend interpretierten "tombeau d' Olivier Messiaen" es handelt sich dabei um drei "symphonische Meditationen" für Orgel solo liegen Paulus-Zitate zugrunde.

Das Werk bezieht seinen Reiz nicht zuletzt aus der subtilen, pulsierenden Rhythmik, die Hakim aus der Tradition klassischer orientalischer Musik einfließen lässt. Auch die Aufführung des Magnificats mit Ulrich Klemm, Birgit Scherrmann (Sopran) und Keiko Waldner (Violine) stand dem in nichts nach und gewährte Einblicke in die Klangwelten eines zeitgenössischen Komponisten, dessen Werke bei aller anspruchsvollen Individualität der Tonsprache keineswegs sperrig sind, sondern unmittelbar berühren können.

"Orgel plus Gregorianik" bot dann das zweite Konzert des Abends mit der Männerschola Sankt Maria und Christkönig aus Göppingen unter der Leitung von Thomas Gindele und Bertram Geiger an der Orgel. Im Mittelpunkt des liturgischen Programms standen Vertonungen von Petr Eben aus dessen "Missa Adventus et Quadragesimae".

Die Göppinger Schola praktizierte einen äußerst kultivierten, angenehm schlichten und doch in seiner engen Verbundenheit zum lateinischen Wort lebendigen und ausdrucksstarken Choralgesang. Das englischsprachige, vergleichsweise "handfester" daher kommende Magnificat von George Dysion bildete einen gelungenen Abschluss.

"Orgel pur" versprach dann das Konzert mit Ulrike Beck, die mit Bachs "Concert a-Moll" BWV 593 gleich einen fulminanten Einstieg wählte. Das Werk ist eine Orgel-Bearbeitung Bachs eines Konzerts für zwei Violinen von Antonio Vivaldi. Nach dieser makellos dargebotenen Komposition, die ein würdiger Repräsentant spätbarocker Orgel- und Konzertkultur ist, folgte ein Sprung in 20. Jahrhundert: "Salamanca", ein Werk des 1942 geborenen Guy Bovet, greift ein salamantinisches Volkslied auf, das den Kirchendienern der Kathedrale in Salamanca gewidmet ist. Das originelle Stück ist bewusst so angelegt, dass man es auch auf einer klassischen spanischen Orgel mit kurzer Oktave und geteiltem einzigen Manual ohne Pedal spielen kann.

Guy Bovets "Hamburger Totentanz" basiert auf einer Ostinato-Figur, die von einem sich ebenfalls stets wiederholenden Harmoniezyklus getragen wird. Die Registrierungen bewirken ein zusätzliches Crescendo. Neben einigen spezifischen Spezialklängen sind auch populäre musikalische Zitate eingebaut, etwa aus "Für Elise" oder aus der "Barcarolle" von Offenbach sowie das Leitmotiv aus dem "Fliegenden Holländer", welches beim Einfahren jedes Schiffes in den Hamburger Hafen aus der Lautsprecheranlage erklingt. Eine faszinierende, soghaft wirkende musikalische Geisterbahn, die Guy Bovet aus einer Improvisation heraus entwickelt hatte und von Ulrike Beck in Sankt Ulrich mitreißend dargeboten wurde.

Den Abschluss der Orgelnacht in einer trotz vorgerückter Stunde noch immer gut besetzten Kirche bildete dann Saint-Sa‰ns "Karneval der Tiere" in einer Bearbeitung für Orgel. Auf höchst ansprechende, malerische und unterhaltsame Weise führten Organist Thomas Specker und Sprecher Thomas Gindele, der sein schauspielerisches Talent voll ausleben konnte, durch diese, wie es der Komponist formulierte, "zoologische Fantasie", die im Original für zwei Klaviere und Orchester geschaffen wurde.

Die Orgelnacht war einmal mehr eine rundum gelungene Veranstaltung, die unzählige Facetten der "Königin der Instrumente" auszuleuchten wusste und zudem auch keinerlei Berührungsängste mit der oftmals marginal behandelten zeitgenössischen Musik aufwies.