Lokale Kultur

Vom Roman "Es geht uns gut" bis hin zum Sachbuch "Heillose Medizin"

KIRCHHEIM Sechzehn in der Kategorie "Zum Lesen schön" gehandelte und daher ganz besonders empfohlene Neuerscheinungen, fünf ausgewählte Krimis und genauso

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WOLF-DIETER TRUPPAT

viele aus dem Meer der Neuerscheinungen herausragende Biografien sowie neun handverlesene Sachbücher markierten die umfassenden Lektüreempfehlungen, die den Besuchern im jüngsten Literaturcafé im Buchhaus Zimmermann mit auf den Weg gegeben wurden.

In dem für einen möglicherweise folgenreichen Abend geöffneten Literaturcafé wurden nicht nur Brezeln, Sekt und Selters, "du Rouge" und "jus d' Orange", sondern in der Abteilung Sachbuch etwa mit Jörg Blechs "Heillose Medizin" auch ganz handfeste Gebrauchsanweisungen für das richtige Überleben der immer unbarmherziger angebotenen medizinischen Hilfen. Der Autor setzt sich kritisch mit einer Medizin auseinander, die oft nicht heilt, sondern nur kostet nicht unbedingt das Leben, aber immerhin unnötiges Geld.

Neben exemplarisch ausgewählten Helfern für die Herausforderungen des Alltags wurden auch Leseangebote offeriert, die schlaflosen Nächten ihre Schrecken rauben oder aber sie durch die Lektüre ganz besonders spannender Bücher mutwillig herbeiführen können. Ken Follets "Eisfieber", Andreas Eschenbachs "Der Nobelpreis", Andrea Camilleris "Der falsche Liebreiz der Vergeltung", Daniel Silvas "Die Loge" und Richard A. Clarkes "The Scorpion's Gate" wurden hier empfohlen.

Von unterschiedlichen "Vorkostern" kurzweilig und vielversprechend aufbereitet, konnte zunächst Appetit gemacht werden auf Preisgekröntes, wie etwa Arno Geigers "Es geht uns gut", ein Familien- und Geschichtsroman, in dessen Mittelpunkt der "familiär höchst unambitionierte" Held Philipp steht.

Daniel Kehlmanns "Die Vemessung der Welt" kontrastiert virtuos das Leben des von seinem Forscherdrang besessenen und auf abendteuerlichen Wegen durch die weite Welt wandelnden Naturforscher Alexander von Humboldt und dem des "vergrübelten" Mathematikers Carl Friedrich Gaus, der in ärmlichen Verhältnissen zu Hause hockt und den unendlichen Raum ausmisst.

Dass die "Verschwörung gegen Amerika" keine leichte Kost sein wird, garantiert schon die Autorenzeile Philip Roth. Der Pulitzer-Preisträger konzentriert sich in seinem Roman darauf, wie Angst eine Gesellschaft verändern und dafür sorgen kann, dass das berechtigte Sicherheitsbedürfnis nach außen ganz leicht zu Rassismus und Verfolgung nach innen umschlagen kann.

Irene Disches tragisch-komische Familiengeschichte "Großmama packt aus" wurde Vikas Swarups "Rupien! Rupien!" hinterhergeschickt, das von einem "Glückspilz" handelt, der nach einer Quizshow, in der er alle Fragen richtig beantwortete, nicht mit Geld überschüttet, sondern verhaftet wird.

Trotz kontroverser Kritiken wärmstens empfohlen wurde Carola Sterns unter dem Titel "Auf den Wassern des Lebens" erschienene Doppelbiografie des Künstlerehepaares Marianne Hoppe und Gustav Gründgens. Verschlungene Wege geht der "Shooting-Star" der amerikanischen Literatur, Nicole Krauss, in ihrem Buch "Die Geschichte der Liebe", für das Hollywood schon vor dem Erscheinen die Filmrechte erwarb.

Als "spannender Gesellschaftsromen mit enormer Dichte und fesselndem Tiefgang" wurde den Besuchern Hanns-Josef Ortheils "Die geheimen Stunden der Nacht" ans Herz gelegt, das sich mit der Geschichte eines Kölner Verlagsimperiums, dem Generationskonflikt in der Führungsetage und dem "geheim gehaltenen nächtlichen Zweitlebens des Vaters" beschäftigt.

Nach Tom Wolfes "Ich bin Charlotte Simmons", in dem der Kultautor ein überspitzt ironisches Porträt des Campuslebens zeichnet, mit dem ihm zugleich eine brillante Karikatur der provinziell-konservativen Südstaaten und des städtisch-liberalen Oststaaten gelingt, folgte Leon de Winters "Place de la Bastille". Ein gut komponierter Aufbau und die mit hintergründiger Ironie gewürzte Sprache werden hier dafür verantwortlich gemacht, dass die Lektüre trotz tragischer Thematik anspruchsvolles Vergnügen versprechen kann.

Eine "wunderbare Mischung aus Ironie und Spannnung" sowie "kindlicher Naivität" wird dem auf Anhieb zum internationalen Bestseller gewordenen Debüt "Glennkill" von Leonie Swann attestiert. Relativ ungewöhnlich ist dabei die Erzählperspektive. Die Geschichte eines Schäfers, der eines Morgens tot im Gras liegt, wo er mit einem Spaten in der Brust an den Boden genagelt wurde, wird aus der Sicht seiner Schafe erzählt.

Nicht grundsätzlich heiter ist die Ausgangssituation von Nick Hornbys Roman "A lond way down". Am Silvesterabend treffen sich vier Menschen auf dem Dach des Topper's House in London, die eines gemeinsam haben: Sie wollen sich aus unterschiedlichsten Gründen in die Tiefe stürzen, verschieben das Projekt aber dann doch noch einmal. Sie haben also nichts zu lachen, die Leser schon. Am Ende ändert sich das Leben der vier Selbstmordkandidaten nicht unbedingt, doch haben sie inzwischen gelernt, besser damit umzugehen.

Als "bewegend und doch auch Distanz zulassend" wird Jody Picoults "Beim Leben meiner Schwester"empfohlen, in dem es um ein an Leukämie erkranktes Mädchen und ihre als Nierenspenderin prädestinierte Schwester geht. Längst von der Realität eingeholt wurde Ian McEwans Roman "Saturday", an dessen Ende Henry Perowne am Fenster steht und darüber nachdenkt, dass auch London eigentlich auf eine Bombe warte und dass der Anschlag unausweichlich sei.

Jeff Talarigos "Die Perlentaucherin" und Cornelia Funkes "Tintenblut" rundeten die lange Lektüreliste ab, der dann empfehlenswerte Biografien folgten. Martin Kemps "Leonardo", Dorothea Leonharts "Mozart", "Seine Exzellenz George Washington" von Joseph J. Ellis, "Napoleon" von Johannes Willms und schließlich Jung Changs "Mao" wurden hier ausgewählt.

Bunt gemischt präsentierte sich auch die Sachbuchecke: Jared Diamonds "Kollaps" fand sich dort genauso wie Bastian Sicks inzwischen zwei Bände zum Thema "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod", Herbert A. Henzlers "Das Auge des Bauern macht die Kühe fett" oder Hans-Werner Sinns die "Basar-Ökonomie", und Harald Fritzschs "Das absolut Unveränderliche", präsentiert. Robert Winstons "Der Mensch" und Dietrich Grönemeyers "Der kleine Medicus" vervollständigten dann die lange Liste selbsterprobter Empfehlungen.