Lokale Kultur

"Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens"

TÜBINGEN Wer blonde Locken hat, Susanne Fröhlich heißt und Bücher schreibt wie "Moppel ich", kann sich bequem zurücklehnen und beobachten, wie sich das jeweils neue Buch in so atemberaubender Geschwindigkeit abverkauft, dass die

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Buchhändler unentwegt nachbestellen müssen. Wer Max Goldt heißt, macht es seinen bekennenden Bewunderern deutlich schwerer, denn ein im Impressum der Satirezeitschrift "Titanic" gehandelter Autor ist zwar nicht eben völlig unbekannt, kommt aber doch nicht beinahe stündlich über den Bildschirm ins Wohnzimmer geflimmert aber das ist ja auch gut so.

Wie Susanne Fröhlichs taschenbuchkompatibles Schaffen sind auch Max Goldts zuweilen tief schürfenden aber oft auch purem Nonsens verpflichteten Erkenntnisse an jedem Bahnhofskiosk erhältlich. Wer regelmäßig Kolumnen für das Satiremagazin "Titanic" schreibt, kann aber natürlich nicht unbedingt auf die durchschlagende Breitenwirkung bauen, wie andere sich bemüht um Humor bemühende Autoren. Dafür hat Max Goldt aber eine umso treuere Leserschaft, die die vielen Bücher, die es von ihm gibt und die nicht unbedingt im Buchhaus des jeweiligen Vertrauens auch dauernd vorrätig sind, eben bestellt.

Von ihrem Meister begeisterte Max-Goldt-Eleven werden auch weiteste Wege auf sich nehmen für das durchaus zu erwartende Vergnügen, das vor allem dann billigend in Kauf zu nehmen ist, wenn Max Goldt nicht nur mal wieder ein neues Buch herausgebracht hat, sondern dieses neue Werk dann auch noch unter grundsätzlicher Bereitschaft zu freiem Verkauf und Signierstunde persönlich vorstellt.

Am Mittwoch, 15. Februar, besteht eine solche seltene Gelegenheit, die nutzen sollte, wem solches gefällt. Zu warten, bis der Kolumnist Max Goldt einmal tatsächlich bis an die Tore der Teckstadt kommt, könnte eine länger sich hinziehende Tätigkeit werden.

Näher als bis zur Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB), wie schon einmal allerdings vor Jahren tatsächlich geschehen, oder aber wie jetzt beim Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen (LTT) wird der ungekrönte Meister der Kolumne der Teckstadt in absehbarer Zeit sicher nicht kommen. Also: Schneeschuhe bereitlegen, Fahrradklammern suchen oder vielleicht doch lieber rasch Fahrgemeinschaften bilden der Weg nach Tübingen wird sich garantiert lohnen es sei denn, man liest gerade mit Begeisterung "Moppel ich " und kann sich partout nicht davon losreißen . . .

Max Goldts Bücher sind zweifellos etwas ganz anderes. Er hat nun einmal nicht Susanne Fröhlichs Bedürfnis, sich eher bemüht durch hunderte von Seiten zu moppeln, um sich dann nur noch in Talkshows aufzuhalten und den neuesten Wälzer lautstark zu vermarkten. Max Goldt ist ein Meister der kleinen Form der literarische Weihen durchaus für sich an Anspruch nehmen dürfenden Kolumne. 1997 wurde er mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor und im Jahr 1999 mit demRichard-Schöne-feld-Preis für literarische Satire ausgezeichnet.

Auch wenn Max Goldt die Kolumne möglicherweise ja gar nicht selbst erfunden hat das waren wohl die Schweizer . . . war und ist er noch ein wichtiger Wegbereiter dieser Kunstform, die ideal ist für eine immer schnelllebigere Zeit.

Wer hat sich denn heute noch den langen Atem bewahrt, der es ermöglicht, zwischen E-Mails und Video-Schnipseln zu sitzen und sich ungerührt davon durch Bücher wie Thomas Manns "Buddenbrooks" oder Theodor Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" zu schmökern? Max Goldts Kolumnen versprechen da zweifellos einen deutlich kürzeren Weg zum Ziel, das dabei freilich oft überhaupt nicht erahnbar ist.

Bei seiner meist höchst vergnüglichen Beschäftigung mit seinem direkten und indirekten Umfeld, den wahnwitzigen Tücken und Trivialitäten des Alltags oder auch seinen vielen bewusst wahrgenommenen und konsequent hinterfragten persönlichen Eigenarten verliert der so kritische wie konturenscharfe Beobachter eigentlich nie sein Ziel völlig aus dem Auge . . . Die oft atemberaubenden Umwege, die er seinen Lesern zuweilen zumutet, sind aber genau die höchstes Vergnügen bereitenden Qualitätsmerkmale, die ihn klar von jedem Nonsens-Autor und Blödelbarden unterscheiden.

"Vom Zauber des seitlich dran Vorbeigehens" und vielen anderen ausgewählten Kostbarkeiten handelt Max Goldts neuestes Buch, das er am Mittwoch, 15. Februar, um 20 Uhr im großen Saal des Landestheaters Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen in der Eberhardstraße 6 in Tübingen vorstellt. Karten für die vom LTT gemeinsam mit der Osianderschen Buchhandlung veranstaltete Lesung gibt es eventuell noch an der Abendkasse. Wer ganz sicher gehen möchte, dass die Fahrt in die Studentenstadt nicht mit dem Debakel eines dann inzwischen schon ausverkauften Hauses endet, kann sich mit seinen Kartenreservierungsgelüsten unter der Rufnummer 0 70 71 / 9 31 31 49 ans LTT wenden.