Lokale Kultur

Von "Bierglashalbastandalassern"

NEUFFEN Der "Link-Michel" hat ein neues Programm! Ein Schreckensruf, der jedes Jahr kurz vor Weihnachten wie ein Blitz in die adventliche Idylle hineinbricht, denn dann weiß jeder Neuffener, dass es nun nicht nur den seit Wochen bereitliegenden Leberkäsvorräten an

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HEINZ BÖHLER

den Kragen geht. Nein, es wird einer kommen, der ist nicht nur nett; im Gegenteil, der "Nasenhaarschneiderzuweihnachtenwünscher" Link-Michel ist zu 99,99 Prozent seiner Zeitgenossen, die er mit ähnlich langen Komposita äußerst präzise charakterisiert, "net emmer nätt".

So heißt Michael Klings neues Programm, mit dem der Neuffener traditionsgemäß im Zehntkeller der Handballjugend des Turnerbundes Neuffen Premiere feierte. Mit seiner weit in den Nacken geschobenen typischen "Dätschkapp" und der von schwarzem Fett glänzenden Lederhose die jedes Jahr ein paar Weizenbierspuren mehr kaschieren muss steht er mit seinem bekannt herausfordernden Blick auf der Bühne bereit, jeden vor den Kopf zu stoßen, sei er nun anwesend oder nicht.

Die ersten kräftigen Seitenhiebe gehen wieder einmal nach Grabenstetten und Hülben, in Richtung "schwäbisches Outback" eben.

Bei Hochzeiten und runden Geburtstagen trifft man sie, die "Rhythmuslosreimer" die "Beischneesturmaufdembalkonraucher" und die "Bierglashalbastandalasser", die ihm vorgeblich den Rest Nettigkeit ausgetrieben haben und gegen die er den Kampf aufgenommen hat. "Bei Dag ond bei Nacht schlag ich die Schlacht". Das Stück könnte sich endlos in die Länge ziehen mit der Aufzählung all jener Verhaltensauffälligen, zu denen ein Link-Michel "net emmer nätt" sein möchte.

"Nätt" will er ja auf keinen Fall sein, der "Kotzbrocken Link-Michel", jene von Michael Kling entwickelte Bühnenfigur, die, bekannt für ihre Frauen- und Kinderfeindlichkeit, dennoch bei ihren Opfern nach wie vor höchst beliebt ist. Auch einen um einige Quadratmeter erweiterten Zehntkeller füllte der Mundartkabarettist aus Neuffen bei seiner neuesten Premierenfeier gleich zweimal mühelos.

Die Besucher kamen dabei sicherlich nicht, wie TBN-Präsident Klingler meinte, "weil sich's bei den aktuellen Heizölpreisen bei ons billiger schwitza lässt". Auch im neuen Programm hat der Link-Michel einen Knaller nach dem anderen eingebaut, auch wenn der eine oder andere nicht ganz so prall oder vordergründig kommt.

Natürlich ist auch die Kanzlerin ein Thema. Aus dem "s' Mergl" ist "oiner von dene Kerle" geworden und Stoiber ist der "Rhetorik-Taifun aus Bayern". Von seiner Freude an Spaziergängen und einzuschläfernden Hundehalterinnen berichtet er auf seine unnachahmlich zornig-ironische Weise und hat endlich Rüdigers weiblichen Klon entdeckt, das redselige und hyperaktive Töchterchen der Waldorfer Namensvortänzerin, die seit '68 überall dabei ist.

Am Ende der Begegnung heult die Mutter, einem deutsch-türkisch radebrechenden Jugendlichen macht er nebenbei klar, dass er nicht mit gebrauchten Hauptschulabschlüssen dealt und nachdem er aufgrund einer Selbstbestrafungsaktion in Linsenhofen dem Bus entstiegen ist, sucht er im neuen Discount-Laden die Herkunft einer aufgedonnerten, jedoch sichtlich älteren Dame in der Frischfleischtheke.

Dem Volk aufs Maul, der Zeitung auf die Glosse und den Fernsehsendern auf die nackte Haut geschaut, der Link-Michel hilft, vor Weihnachten den Durchblick zu behalten, auch wenn die Zugabe "Bobby Salzer" in einer etwas ausgebauten Version eher unter die Rubrik "Unterhaltung grotesk" fällt.