Kirchheim

Von der Bäckerei bis zum Grundgesetz

Projektförderung Das Bundesprogramm „Demokratie leben“ hilft lokalen „Partnerschaften“ bei der Finanzierung von Sach- und Personalkosten. Anträge können bis 25. Juni gestellt werden. Von Andreas Volz

Tobias Sender und Annika Friedrich sind in Kirchheim die Ansprechpartner für „Demokratie leben“.Foto: Carsten Riedl
Tobias Sender und Annika Friedrich sind in Kirchheim die Ansprechpartner für „Demokratie leben“.Foto: Carsten Riedl

Demokratie ist die „Herrschaft des Volkes“. Tatsächlich sollte sich das ganze Volk an dieser Herrschaft beteiligen können. In der Praxis sieht das aber schon sehr viel schwieriger aus: Gewählte Volksvertreter übernehmen die Herrschaft - und das Volk wird immer stärker von dem Gefühl beschlichen, selbst nicht wirklich etwas entscheiden zu können.

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Was oftmals bleibt, ist die Abwendung von der Demokratie, hin zur Gleichgültigkeit, zum Galgenhumor - oder auch zum Extremismus. Gerade gegen den Extremismus, in jedweder Form, hat das Bundesfamilienministerium vor vier Jahren ein Programm mit dem Namen „Demokratie leben“ aufgelegt. In einer „Partnerschaft für Demokratie“ sollen Projekte entstehen, die das Programm finanziell unterstützt.

Im Landkreis Esslingen gibt es solche Partnerschaften außer in Kirchheim nur noch in Ostfildern. Kirchheim ist bereits 2015 eingestiegen. Gemeinsam mit dem Kreisjugendring bildet die Stadt eine der größeren „Partnerschaften“ - mit dem Ziel, viele kleinere „Partnerschaften“ vor Ort unterstützen zu können.

Die neuen Ansprechpartner dafür sind Annika Friedrich, die im April ihre Arbeit als Sozialplanerin bei der Stadt Kirchheim aufgenommen hat, und Tobias Sender. Er leitet die Fach- und Koordinierungsstelle der „Partnerschaft für Demokratie“ in Kirchheim, mit Sitz im Mehrgenerationenhaus Linde. Beide sehen ihre Aufgabe darin, über die Fördermöglichkeiten zu informieren und Projektpartnern die Arbeit zu erleichtern, vor allem wenn es um bürokratische Hürden geht.

„Ich bitte die Leute, auch mit ganz vagen Ideen zu mir zu kommen“, sagt Tobias Sender. Projektpartner zu finden oder einen Finanzierungsplan zu erstellen, sieht er dann als seine Aufgabe an. Einzige Bedingung: Es müssen Kirchheimer sein, die das Projekt anbieten. Ob Verein, Organisation oder Einzelperson, das spielt keine Rolle. Das Projekt sollte auch Einwohnern der Stadt zugutekommen, hier über die Bühne gehen oder doch zumindest seinen Ausgangspunkt haben.

Nach so viel Theorie nun einige praktische Beispiele, wobei allerdings die Flüchtlingsarbeit überwiegt. „Das Programm wurde zwar schon vor der Flüchtlingswelle von 2015 aufgelegt“, sagt Tobias Sender. Aber dann ist es eben von genau dieser Welle erfasst worden. Ein nahezu ideales Projekt, das „Demokratie leben“ jetzt angehen will, hat seinen Ausgangspunkt im Männertreff des Chai-Flüchtlingsbüros: Gespräche über das Grundgesetz führten zu der Idee, wichtige Stätten der Demokratie gemeinsam anzufahren und dort auch nach Führungen zu fragen. Auf der „Wunschliste“ stehen das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe und der Stuttgarter Landtag.

Personal- und Sachkosten können über das Bundesprogramm gefördert werden. Gleiches gilt für spezielle Sprachkurse außerhalb des BAMF-Angebots, in denen Menschen ganz gezielt auf Alltagssituationen wie das Bestellen in der Bäckerei oder an der Käsetheke vorbereitet werden. In einem anderen Kurs, der bereits erfolgreich läuft, lernen muslimische Frauen das Fahrradfahren. Das soll ihre Möglichkeiten zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben enorm steigern.

Aktuelle Projekte betreffen auch Kurse, Vorträge und Seminare zur Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen. Ob Pressefreiheit oder „Fake News“, beides hat Einflüsse auf die Demokratie. Die Themen können sehr unterschiedlich sein: Auch die Altersdiskriminierung war bereits ein förderwürdiges Thema, abgehandelt durch eine Karikaturenausstellung im Kirchheimer Rathaus.

Am 25. Juni endet die zweite Antragsrunde für 2018. Insgesamt stehen 45 000 Euro zur Verfügung. Fragen beantwortet Tobias Sender unter den Telefonnummern 0 70 21/4 44 11 und 01 76/43 20 88 60 sowie per E-Mail an demokra­tieleben@linde-kirchheim.de.