Lokale Kultur

Von der "Blechtrommel" bis hin zu "Asterix" und "Tim und Struppi"

KIRCHHEIM Günter Riemers literarische Vorlieben sind unterschiedlich verteilt. Das macht schon ein erster flüchtiger Blick auf das gut sortierte Bücherregal deutlich. Breitesten Raum unter den Autoren

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WOLF-DIETER TRUPPAT

nimmt zweifellos Günter Grass ein,

dessen "Blechtrommel" Günter Riemer noch immer ungemein beeindruckt. Im dort zwischen Buchdeckeln zusammengepressten prallen Leben fand und findet Günter Riemer noch heute ungemein viele passende Antworten auf immer wieder neu sich stellende Fragen über das menschliche Leben. Sehr beeindruckt war er auch von Volker Schlöndorffs kongenialer Verfilmung, bei der natürlich sehr stark selektiert werden musste.

Dass auf den Regalbrettern neben Kurt Tucholsky vor allem auch das literarische Schaffen Hermann Hesses breiten Raum einnimmt, verwundert nicht. Immerhin war Günter Riemer ja Erster Beigeordneter in Calw, und da kommt man an Hermann Hesse nun einmal nicht vorbei.

Das in der prallgefüllten Regalwand ruhende und ihm persönlich wohl wichtigste Werk, das im Rückblick vor allem auch für ungemein viel Arbeit steht, ist nicht ein Buch von, sondern über Hesse. "Das Buch zum Jubiläum" fasst auf fast 200 Seiten die vielfältigen Aktivitäten zusammen, mit denen im Jahr 2002 Leben und Werk des vor 125 Jahren in Calw geborenen Literaten gewürdigt wurden, der mit Büchern wie "Siddharta", "Steppenwolf" oder "Das Glasperlenspiel" nicht nur mit literaturwissenschaftlicher Akribie rezipiert und analysiert wurde. Unzählige seiner Bücher reisten als Paperbacks in Rucksäcken nach Indien und machten den Schriftsteller aus Calw zum Kultautor einer ganzen Generation und das, obwohl er selbst Indien nie gesehen hatte.

Spuren von Hermann Hesse finden sich im Riemerschen Haushalt nicht erst im Wohnzimmer, sondern schon im Flur, wo ein vergoldeter Nagel aus den Dachbalken des Hesse-Hauses die enge Beziehung zu Calw demonstriert.

Günter Riemers mutige Idee, die Gruppe "Steppenwolf" nach Calw zu bringen, konnte in einem gemeinsamen Kraftakt aller für das Großereignis Verantwortlichen tatsächlich verwirklicht und auch noch dafür gesorgt werden, dass auch Wolfgang Niedecken und "BAP" mit vielen anderen herausragenden Promis der Hessestadt Reverenz erwiesen. Nach so erfolgreich verlaufenen Festivalerfahrungen und entsprechenden Kontakten müssten eigentlich gute Grundvoraussetzungen dafür vorherrschen, dass das Großereignis Eröffnung Tiefgarage Schweinemarkt nicht sang- und klanglos, sondern mit einem weithin vernehmbaren Paukenschlag über die Bühne geht. Die Rolling Stones müssten es ja nicht unbedingt gleich sein . . .

Einer bevorstehenden Prag-Reise wegen steht derzeit der bislang eher etwas zu kurz gekommene Franz Kafka auf Günter Riemers Lektürekanon ganz oben. Ein Besuch des Kafka-Museums müsste daher sicher auch auf dem Pflichtprogramm stehen. Dass Günter Riemers eigentliche Liebe Frankreich gehört, ist dem Bücherregal ebenfalls sofort anzusehen, das unterschiedlichste Reiseführer und Bildbände über Frankreich beinhaltet. Unzählige Male hat sich der Kirchheimer Bürgermeister, der im Ehrenamt als Präsident des Radsportverbandes Baden-Württemberg tätig ist, schon mit seinem Rad nicht enden wollende Pässe hinaufgequält. Dem Radsport ist er noch immer treu, entwickelt sich mit dem gemeinsam mit seiner Frau Stefanie gesteuerten Tandem aber eher in Richtung sportlicher Genussradfahrer.

Dem Radsport ist auch seine Begeisterung für Landkarten zu verdanken. Wer immer wieder lange Radtouren plant, bereitet sich dabei schließlich besonders sorgfältig vor, um nicht durch unerwartete Steigungen von nicht einkalkulierten Strapazen überrascht zu werden.

Seine Liebe zur Kartenlektüre hat Bürgermeister Riemer auch noch einen anderen Job eingebracht. Neben dem eindrucksvollen Buch über die Feierlichkeiten zum Hessejahr steht eine Reihe weiterer Bändchen im Regal, an denen er aktiv mitgewirkt hat. Für die Reihe "Tour de Ländle" des SWR ist Günter Riemer schon seit 1990 mit Peter Wöhr als Routenplaner unterwegs und zeichnet dabei jeweils für die zusätzlich ausgewählten Sport- und Familientouren verantwortlich. Da soll noch einer behaupten, Beamte seien Stubenhocker.

Indizien dafür, dass Günter Riemer doch auch gerne zu Hause bleibt, liefert eine eindrucksvolle Palette an Eisenbahnliteratur. Nachdem er als kleiner Junge schon immer gerne mit seiner Eisenbahn gespielt hat, fasziniert den diplomierten Ingenieur alles, was rund um dieses Thema in Buchform erschien, und so ist eine große Abteilung der Regalwand diesem wichtigen Kapitel gewidmet. Viele Kriminalromane und unterschiedlichste Vertreter der Abteilung Unterhaltungsliteratur belegen eine breit gefächerte Interessensmelange. Ein anderer deutlich ins Blickfeld drängender Bereich sind die zahlreichen Kunst- und Bildbände. Kunst setzt auch im stimmigen Wohnungsambiente klare Akzente. Den Ehrenplatz zwischen den beiden dominierenden Regalwänden nimmt eine Arbeit von Rene Dantes ein, die Günter Riemer und seine Frau Stefanie von dem arrivierten und schon lange gut mit ihnen befreundeten Künstler bekommen haben, der auch noch an einer anderen Ecke des Wohnzimmers entsprechende "Spuren" hinterlassen hat.

Karikaturen findet Günter Riemer ebenfalls sehr interessant, wobei er vor allem Tomi Ungerer schätzt. Dass er auch heute noch gerne mal wieder ein altes Asterix-Heft hervorzieht und sich immer noch für die Heftreihe "Tim und Struppi" begeistern kann, räumt Günter Riemer ebenfalls gerne ein. Seine anfängliche Begeisterung darüber, dass der von ihm hoch geschätzte Spitzenkabarettist Richard Rogler in der Bastion auftritt, wurde entscheidend durch eine ausgerechnet für gestern Abend terminierte Sondersitzung "etwas" getrübt.

Für anspruchsvolles Kino, Theater und Ausstellungen interessiert sich Bürgermeister Riemer ebenfalls, sein Fernsehkonsum hält sich dagegen sehr in Grenzen. Nach seinem Auszug von zu Hause hatte er fast 18 Jahre lang gar keinen Fernseher. Jetzt ist das Gerät gemeinsam mit der Stereoanlage in einer antiken Kommode "versteckt". Neben dem CD-Player, der vornehmlich mit Jazz-Musik aber auch mit Klassik "gefüttert" wird, spielt der Rundfunk-Tuner eine wichtige Rolle. Im Hause Riemer wird schließlich noch konsequent Radio gehört, und "Deutschlandfunk" und "Deutschlandradio Kultur" rangieren ganz oben. Sauber recherchierte Berichte sind die eine, regelmäßig ausgestrahlte Hörspiele die andere Leidenschaft des in seiner Freizeit gerne auch mal gemütlich eine Pfeife rauchenden radsportbegeisterten Bürgermeisters.