Lokale Kultur

Von der "Docke" zur Actionfigur und zum Fantasieobjekt

KIRCHHEIM Umrahmt von beschwingten Querflötenklängen eröffnete Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker am Sonntag die Sonderausstellung "Puppe, Barbie, Babyborn" im Kornhaus in Kirchheim

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MARTINA KRÄMER

als "stimmungsvolles Hineingleiten in die Adventszeit". Nicht einfach sei es gewesen, ein geeignetes Thema für die diesjährige Weihnachtsausstellung zu finden. Umso schöner nun das Ergebnis: Mit den Puppen, dem Puppenzubehör und all den Geschichten, die sie mitbringen, leben Erinnerungen vergangener Tage und die eigene Kindheit wieder auf.

Museumsleiter Rainer Laskowski lobte die überwältigende Resonanz vieler Bürger, die bereit waren, ihre Puppen, Puppenstuben und Puppenwägen als Leihgabe zur Verfügung zu stellen. "Alles, was eine ganz persönliche Erinnerung mitbringt, soll in der Ausstellung seinen Platz bekommen", betonte Laskowski. Puppen in Matrosenkleidung, Ballkleidchen oder in Schwarzwaldmädeltracht sind zu sehen. Puppen aus aller Welt und aus den unterschiedlichsten Materialien sind ausgestellt: Bast- und Holzpuppen aus Afrika, Leinenpuppen aus Peru, bunte große Stoffpuppen aus der Mongolei, Tonpuppen aus Ägypten, die die Sklaven darstellen und Lederpuppen aus Sibirien.

In Europa als bürgerliches Spielzeug Anfang des 19. Jahrhunderts noch sehr rar, wird die Puppe im Laufe der Zeit immer mehr zum Massenprodukt. In ihren Anfängen, rund 2000 vor Christus, war die Puppe nicht nur zum Spielen gedacht, sondern als Spiegelbild der Kultur und Sozialgeschichte. Aus der griechischen Antike sind Puppen in Form kleiner Holzbrettchen mit Ärmchen und Beinchen bekannt, die als Grabbeilage dienten. Im antiken China gab es Puppen aus Stroh, die als Idole fungierten und aus der Frühzeit des europäischen Mittelalters gibt es schriftliche Quellen, die von Ritterspielzeug berichten, das dem Zwecke diente, in die ritterlichen Tugenden einzuführen. In den Nürnberger Stadtbüchern von 1414 findet sich das alte Wort für Puppe: "Docke" oder "Tocke", auch vom "Dockenmacher" ist die Rede. Mitte des 19. Jahrhunderts sahen die Puppen aus wie kleine Erwachsene und dienten als Vorbild der großen Dame. Herzogin Henriette gab sogar ihre Puppe einer Kleinkinderschule, dem heutigen Teckkindergarten, zum Spielen. In Paris wurden die aufwändig gekleideten Puppen als Botschafter der exklusiven Mode an die verschiedenen europäischen Höfe geschickt.

Im Laufe der Zeit hat sich die Puppe immer mehr zum Spielzeug für Kinder entwickelt. Das Innen- und Seelenleben der Puppen bestand meist aus Rosshaar, Seegras, Sägemehl oder Stroh und die genähte, geklebte oder gewebte Puppenperücke aus Mohair, Flachs, Baumwolle oder Seide. Echtes Haar kam zum größten Teil aus China und war schwarz, neu eingefärbt wurde erst in Europa.

Zu sehen sind Puppen mit Porzellanköpfen oder bemalten Holzköpfen und Körpern aus Ziegenleder und Puppen, die aus Stoff gefertigt und Ende des 19. Jahrhunderts sogar mit rollenden Augen zu haben waren. Die Entwicklung von Celluloid wurde zu einem wichtigen Schritt in der Puppenherstellung und die wohl bekanntesten Celluloidpuppen von der Mannheimer Firma Schildkröt waren mit Echthaar ausgestattet. Die Köpfe, Hände und Beine vieler Puppen waren aus Wachs gefertigt, das zwar echter aussah, aber der Hitze nicht standhalten konnte. Auch Puppen aus Papiermaschee, Materialmischungen aus Holz und Papier, bestimmten den Markt. Die heutigen Puppen werden aus dem Kunststoff Vinyl gefertigt, der Mitte der Fünfzigerjahre das Celluloid ersetzt hat. Zu bewundern ist außerdem das blonde Püppchen aus Amerika, das sich in Badeanzug und Sonnenbrille und ihrem Dauerfreund Ken in einer bunten, schlanken Barbiewelt präsentiert, den europäischen Markt erobert und sich über eine Milliarde mal seit 1959 weltweit verkauft hat.

Ab 1940 gab es Puppen, die einem Baby zum Verwechseln ähnlich sahen und weinen, lachen, trinken, krabbeln und sogar einige Wörter nachsagen konnten. 1991 kam die Puppe "Babyborn" auf den Markt, die mit all dem Zubehör zu bekommen ist, was ein Baby so braucht, von der Windel bis zum Schnuller. Und die kleinen Puppenmuttis sind bis heute begeistert. Aber Puppen sind nicht nur etwas für Mädchen. 1964 kam "Action man" auf den Markt, ein beweglicher Kämpfer, der rennen und knien konnte und als Weltabenteurer neben Superman und Spiderman die Kinderzimmer der Jungs eroberte. Auch diese Spielfiguren sind in der Ausstellung zu sehen.

Die Geschichte der Puppenstube wird ebenfalls in der Ausstellung gezeigt. Sie reicht zurück bis ins 16. Jahrhundert. Das älteste bekannte "Dockenhaus" von Herzog Albrecht V. von Bayern war für diesen kein Spielzeug, sondern ein Kunstwerk. In der Ausstellung sind Puppenstuben als detailgetreu nachgearbeitete Wohnungen gehobener Bürgerfamilien zu sehen. Während in der Puppenküche Mitte des 19. Jahrhunderts auf einer offenen Feuerstelle und mit einfachen Küchengeräten gekocht wurde, ist die Puppenküche Anfang des 20. Jahrhunderts bereits mit hellem Kachelmuster und Kupfertöpfchen ausgestattet.

Die Ausstellung zeigt, dass das Spielen mit Puppen auch in der heutigen Kindergeneration nichts von seiner Attraktivität verloren hat. Auch dieses Jahr schlagen die Herzen der Puppenmütter höher, wenn unter dem Weihnachtsbaum kleine Puppen darauf warten, ausgepackt zu werden. Und ohne den fleißigen Einsatz von manch einer Großmama, die emsig kleine Vorhänge und Puppenkleidchen näht und strickt, bliebe so manch eine Puppenstube kahl und leer.