Lokale Kultur

Von der Liebe bis hin zu den Gesichtern der Welt

KIRCHHEIM Der "Trend zum Zweitbuch" ist weiter auf dem Vormarsch das belegte das große Interesse bekennender Leser, die sich

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WOLF-DIETER TRUPPAT

einmal mehr zwischen den Regalen des zum Literaturcafe verwandelten Buchhauses Zimmermann in Kirchheim versammelt hatten, um sich umfassend über ausgewählte Neuerscheinung zu informieren.

Dass die Empfehlungen erstmals auch mit aus den Reihen der Mitarbeiterschaft stammten, machte den jüngsten Abend literarischer Begegnungen ganz besonders abwechslungsreich und kurzweilig. Nicht überraschen konnte dagegen, dass Dr. Zimmermann bei seiner Eröffnung des Abends trotz eindrucksvoller Themenpalette nicht umhin kommen konnte, auch die fragwürdige neue Wettbewerbsmentalität und daraus resultierende Listen wie etwa "Unsere besten 50 Bücher" kritisch zu kommentieren. Mit Tolkiens "Herr der Ringe" auf der Spitzenposition und Goethes "Faust" auf Platz 15 könnten Tolkien-Fans sich freuen und Freunde Goethes müssten sich nicht grämen, lautete Dr. Zimmermanns versöhnliches Abwägungsergebnis. "In der Kunst ist alles relativ".

Dass das Biografiependel nach dem letztlich nicht allzu viel Schaden auslösenden Angriff der "Jux-Fraktion von Dieter Bohlen bis Verona Dingsbusch" wieder in eine andere Richtung ausschlägt, sorgte bei ihm für tiefe Genugtuung. Gleich drei sich ungemein gut ergänzende Schiller-Biografien wurden empfohlen: Sigrid Damm, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, Rüdiger Safranski, der Schillers Werk auslotet und der vor allem Jugendliche ansprechende Manfred Mai.

Dass "literarische Trüffelschweine" sich im Dunstkreis notleidender Verlage mit Schecks winkend ungeniert Lizenzen sichern können, erfüllt Dr. Zimmermann dagegen mit berechtigter Sorge. Vor allem die "mit falschem Gold auf echtes Kunstleder geprägte Volksbibel" weckt nicht nur bei ihm zurecht Ängste, dass "Bild" und "Weltbild" auch andere Bücher nicht nur nach eigenem Geschmack produzieren, sondern den erforderlichen Markt dabei gleich mit schaffen könnten.

Bevor der größte anzunehmende Unglücksfall der Aufhebung der Preisbindung mit all ihren Folgen "nicht für den Schrott, aber für die Literatur" weiter ausgeleuchtet wurde, stand dann aber doch die handverlesene Auswahl unterschiedlichster Empfehlungen im Mittelpunkt. Mit Toni Morrisons "Liebe" eröffnete Sibylle Mockler die Liste uneingeschränkter persönlicher Empfehlungen und schickte Umberto Eccos eher sperrig wirkenden Titel "Die geheimnisvolle Flamme der Königin Loana" und seine umso geschmeidiger klingende "Geschichte der Schönheit" gleich hinterher.

Auf ihrer Liste stand auch Rafik Schami, dessen Buch "Die dunkle Seite der Liebe" am Donnerstag, 9. Dezember, ein ganzer Abend in der Nürtinger Stadthalle gewidmet ist. Dass Henning Mankell viel mehr ist, als nur ein Autor, der spannende und blutrünstige Krimis schreibt, machte sie im Anschluss deutlich bei der einfühlsamen Präsentation des der Aidshilfe zugute kommenden Buchprojektes "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt".

Nachdem Carina Manz ihre Begeisterung für das Buch "Im Gehege" des Erfolgsduos Martina Borger und Maria Elisabeth Straub überzeugend übermittelt hatte, warb Cornelia Beck nicht minder begeistert und begeisternd für "Pompei" von Robert Harris und Amitav Ghoshs "Hunger der Gezeiten" und damit für zwei Romane, die neben spannender Unterhaltung auch Informationen über Politik, Geschichte und fremde Kulturen liefern.

Tina Drexler freute sich anschließend über das Comeback, das "Herr Lehmann" in Sven Regeners Buch "Neue Vahr Süd" feiert allerdings neun Jahre früher . . . Vom Kinderzimmer zieht er direkt in eine chaotische Wohngemeinschaft und während er unter der Woche als Pionier in der Kaserne strammsteht, streitet er in seiner Freizeit für die proletarische Weltrevolution und gegen Militär und Aufrüstung.

Neben Matt Ruffs "Ich und die anderen" und Susanna Clarkes "Jonathan Strange & Mr. Norrell" fasziniert sie vor allem die Tetralogie "Otherland", mit der Tad Williams das zum beliebtesten Buch gewählte "Der Herr der Ringe" konsequent ins 21. Jahrhundert weiterführe.

Dass in dieser Auswahl einige "Steine mit auffälligem Schliff" nicht fehlen dürfen, war dann das ernste Anliegen von Dr. Zimmermann, der sehr ambivalent über Martin Walsers "Der Augenblick der Liebe" urteilte. Zu viele und vor allem auch zu penetrante Männerfantasien hinterlassen trotz eines verbalen Feuerwerks doch einen "peinlichen, kitschigen Rest", der wiederum vermengt wird mit der die strukturelle Mitte und den ideellen Kern des Romans ausmachenden Debatte um Walsers missverstandene Paulskirchen-Rede und "die Rechtfertigung deutscher Befindlichkeiten nach dem Kriege".

Man müsse den Roman nicht liebgewinnen, um ihn höchst interessant zu finden, lautete Horst Zimmermanns diplomatische Ermunterung, sich mit diesem Buch auseinander zu setzen. Peter Handkes "Don Juan erzählt von ihm selbst", machte ihn nach eigenem Bekunden doch eher ratlos, weshalb er unter dem Hinweis "jedes Wagnis hat seinen Reiz" das Publikum auch hier offensiv zum Selbstversuch aufforderte.

Das nächste offerierte Wagnis galt "Thomas Bernhards Stiefschwester im Geist": Elfriede Jelinek, die als Literatur-Nobelpreisträgerin ob der damit plötzlich abverlangten Würdigung manchen Journalisten ins Stottern gebracht habe. Wer sich auf die Frau einlassen wolle, die Österreich so hasst, wie sie gehasst wird, dem empfahl Dr. Zimmermann "Die Klavierspielerin" einen Roman über eine krankhafte Mutter-Tochter-Beziehung und den alltäglichen Terror, sowie "Lust". Wer gelassen und gerecht urteile, werde merken, wie Sprache hier "dem einzigen Zweck dient, die gewaltsame Verbiegung von Lust in Unlust darzustellen".

Versöhnlich wurde der ihm zugedachte Part aber doch noch, denn "Eine Geschichte von Liebe und Finsternis" von Amos Oz würdigte Horst Zimmermann als "großes Epos vom Leben und Überleben, von Leid und Glück, von Enttäuschungen und doch voller Hoffnung auf einen Frieden in einer verfeindeten Welt".

Ursula Reckes sich anschließendes Plädoyer für Frank Schätzings "Schwarm" galt einem fesselnden Ökothriller, der auf genauen naturwissenschaftlichen und ökologischen Recherchen basierend, nicht nur ungemein spannend sei, sondern "mit großer Dringlichkeit die Frage nach der Rolle des Menschen in der Schöpfung stelle. Dan Browns "Sakrileg", David Baldaccis "Im Bruchteil einer Sekunde", Liza Marklunds "Der rote Wolf" und Andrea Camillieris "Das kleine Lächeln des Meeres" rundeten die fundierten Empfehlungen für Krimifans ab und leiteten über zur ebenfalls wohl sortierten Kategorie wichtiger Biografien und Sachbücher, mit denen der gehaltvolle Abend endete.

Annette Neubürger und Simone Schey vervollständigten schließlich mit ihren persönlichen Favoriten die überbordende Liste dringender Empfehlungen, die an thematischer Vielfalt wirklich nicht mehr zu überbieten war. Vom "Rückenbuch" über den "Geschmiedeten Himmel" spannte sich der zwischen Buchdeckeln gepackte Horizont bis hin zu den Bildbänden "Die Welt in atemberaubenden Bildern" und dem genauso beeindruckenden "Die faszinierendsten Gesichter der Welt".