Lokale Kultur

Von der Liebe zu kleinen Orten und deren ureigene Besonderheiten

KIRCHHEIM/REUTLINGEN Der neue Roman von Petra Durst-Benning ist erschienen und ein ganzes Dorf fiebert mit. "Gönningen wird

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IRIS HÄFNER

schöne Literatur", freut sich Bezirksbürgermeister Professor Paul Ackermann bei der offiziellen Buchpräsentation im Sitzungssaal des Gönninger Rathauses. Durch den historischen Roman "Die Samenhändlerin" sei der Autorin in eindrucksvoller Weise gelungen, sowohl die Geschichte des Samenhandels als auch Gönningens und seiner Bewohner lebendig zu machen. In drei Tagen habe er das 500 Seiten umfassende Werk gelesen, teilte der Bezirksbürgermeister stolz mit.

Der Samenhandel beeinflusste über lange Zeit den Rhythmus des kleinen Dorfes am Rande der Schwäbischen Alb, etwa acht Kilometer von Reutlingen entfernt, direkt unter dem herrlichen Aussichtspunkt Roßberg gelegen. Zur Hochblüte des Samenhandels gingen 900 Männer und 300 Frauen über die Hälfte der Einwohner des Ortes mit Gemüse- und Blumensamen auf die Reise nach Südfrankreich, Sankt Petersburg oder gar Amerika. Die weitläufige und damit langanhaltende Handelstätigkeit führte sogar dazu, dass der Gemeinderat in den Monaten Oktober bis April nicht beschlussfähig war, weil sich viele Ratsmitglieder auf "Wanderschaft" befanden. "Heute gibt es noch sechs Samenhandelsgeschäfte, die in der Hauptsaison während der Packzeit von Januar bis März mit Teilzeitkräften rund 80 Menschen beschäftigen", zeigt Paul Ackermann die Gegenwart auf.

Mit großem Einfühlungs- und Sprachvermögen habe Petra Durst-Benning das Leben von Samenhändlerinnen und -händlern um 1850 in Szene gesetzt und die landschaftlich schöne Lage und den besonderen Charakter Gönningens den Lesern nahegebracht. "Natürlich ist die fantasie- und gefühlvolle Rahmenhandlung der Kampf zweier Frauen um die Liebe eines attraktiven Samenhändlers fiktiv und etwas zugespitzt. Dass in Gönningen die Sitten oder 'die mores', wie es in den Pfarrberichten hieß, schon immer etwas freier waren als in den benachbarten Dörfern, wissen wir aber auch aus anderen Quellen", sagte der Bezirksbürgermeister mit einem Augenzwinkern.

Bernd Muckenfuß, Buchhändler in Wernau, hielt die Laudatio während der Präsentation. Seit elf Jahren kennt er die Autorin und sieht sie in der Tradition großer schwäbischer Schriftsteller wie Hermann Kurz oder Ottilie Wildermuth. An Petra Durst-Benning schätzt er vor allem das Gefühl für die Epoche, in der die Romane spielen. "Ihre Figuren sind immer starke Persönlichkeiten", so Bernd Muckenfuß weiter. Eine Kundin habe über die Bücher der heimischen Autorin einmal gesagt: "Sie schreibt schöne Geschichten. Man lernt sehr schnell nette Menschen kennen, aber auch richtige Kotzbrocken, und wenn man am Ende des Romans angekommen ist, wünscht man sich, dass sie noch ein paar Seiten mehr geschrieben hätte."

Als Dank für die Unterstützung der Gönninger bei der Recherchearbeit überreichte Petra Durst-Benning dem Bezirksbürgermeister ein Hinweisschild fürs Samenhandelsmuseum. "Als ich das erste mal hier war, stand ich etwas fragend mit suchendem Blick vor dem Rathaus und überlegte, wo das Museum wohl ist. So ist es sicherlich schon vielen gegangen", begründet die Autorin die kleine Geste.

Bei der anschließenden Lesung im Bürgersaal des Rathauses hatte die Erfolgsautorin trotz aller Erfahrung Lampenfieber. "Das Problem hatte ich vor fünf Jahren schon einmal, als ich in Lauscha vor 150 Zuhörern saß, viele davon Glasbläser, und denen erklärt habe, wie Glasblasen funktioniert", zieht sie einen Vergleich mit der Premiere der "Gläsbläserin" in Thüringen. In Gönningen würde sie nun den Einwohnern erzählen, wie das Leben der Samenhändler verläuft. Die Aufregung war umsonst, gebannt lauschten die Zuhörer im vollbesetzten Saal den Worten der Autorin, die zunächst über die Uranfänge ihres neuen Romans berichtete. Eine Leserin die an diesem Abend ebenfalls zu Gast war hatte ihr einen Bericht über Gönningen zugeschickt mit dem Anschreiben, dass das doch ein Thema für sie wäre. "Der Artikel kam dann auf die vollgestopfte Pinnwand und hing dort eine ganze Weile", verrät Petra Durst-Benning. Als sie dann noch einen Videofilm über Gönningen bekam, ist der Funke übergesprungen. "Daraufhin habe ich mich auf die Spuren der Samenhändler gemacht und bin bei meiner Recherche immer auf offene Türen und auskunftsfreudige Menschen hier in Gönningen gestoßen", so die Autorin.

Sie erzählte von der Faszination, die vom Roßberg ausgeht und auf dem sie bei unterschiedlicher Witterung zu allen Jahreszeiten war. "Von mir zu Hause sind es ja nur 30 Kilometer bis hierher. Das hat mir viel Aufwand und Zeit erspart", nennt sie die Vorteile eines Schauplatzes direkt vor der Haustür. Kein Wunder also, dass auf dem Roßberg eine Schlüsselszene des Romans spielt. "Das ist ein Kraftort, den die Menschen schon seit tausenden von Jahren schätzen", schwärmt sie. Vielleicht hat sie deshalb wie entfesselt geschrieben. "Meine Finger sind nicht mehr mitgekommen mit den Szenen, die ich im Kopf hatte", erinnert sie sich.

In ihren historischen Romanen meidet Petra Durst-Benning die Metropolen dieser Welt. "Ich habe meine Liebe für kleine Orte und ihre Besonderheiten entdeckt, die auf ihre Art die große, weite Welt beeinflusst haben", erzählt die Autorin. Gönningen sei über einen langen Zeitraum hinweg Weltmarktführer in Sachen Samenhandel gewesen. 14 Gasthäuser gab es in dieser Zeit und Marktrecht besaß der Flecken auch.

Der kleine Ort Gönningen dürfte jetzt nicht nur im Württtembergischen bekannt sein, Petra Durst-Benning wird in ganz Deutschland Lesungen abhalten und damit den Namen der 3800-Seelen-Gemeinde in die Welt tragen. "Im eigenen Inte-resse wünsche ich dem Buch viel Erfolg", gibt Paul Ackermann offen zu. Da trifft es sich gut, dass der Prospekt "Gönninger Tulpenblüte Ein Dorf blüht auf" druckfrisch vorliegt. Das ganze Dorf hat im vergangenen Herbst mit Unterstützung der Landesstiftung Baden-Württemberg 45 000 Blumenzwiebeln gesteckt. Vermutlich ab Mitte April blühen dann nicht nur auf dem Friedhof, sondern überall im Dorf und in den Vorgärten die bunten Frühlingsboten. Die alte Tradition der Gönninger Tulpenblüte blüht damit im wahrsten Sinne des Wortes wieder auf. Die Gönninger Samenhändler haben seit Mitte des 19. Jahrhunderts die damals besonders wertvollen Tulpen auf die Gräber ihrer Angehörigen gepflanzt und damit für eine touristische Attraktion gesorgt, die auch die württembergische Königin Charlotte über Jahrzehnte hinweg anzog.

"Die Leser freut es, wenn die Orte eines Romans tatsächlich existieren. Lauscha hat das an den Besucherzahlen gemerkt", sagte Petra Durst-Benning und weckt damit nicht nur bei Tanja Ulmer, Geschäftsführerin der Stadtmarketing und Tourismus Reutlingen, Hoffnungen.

INFO"Die Samenhänderlin". Roman von Petra Durst-Benning, erschienen im Ullstein Verlag, gebunden mit Schutzumschlag, 500 Seiten, 22 Euro, ISBN 3-550-08616-4