Lokale Kultur

Von der "Toccata Marziale" bis zu "Pomp and Circumstance"

KIRCHHEIM Sich selbst und seinen Ohren etwas Gutes tun und dabei gleichzeitig anderen helfen diese Überlegung lag den Mitgliedern der Lions-Clubs Nürtingen-Neuffen und Nürtingen-Kirchheim wohl zu Grunde, als sie sich mit der Planung

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CHRISTIAN MELZER

ihrer Benefizveranstaltung befassten. Letztendlich stand am Ende dieser Planungen das Benefizkonzert in der Kirchheimer Stadthalle, für das die Lions-Clubs zwei hervorragende Orchester sowie hervorragende Solisten gewinnen konnten.

Den Beginn des Konzertes in der voll besetzten Stadthalle machte die weiter angereiste SHW Bergkapelle aus Wasseralfingen. Mit dem pompösen "Toccata Marziale" von R. Vaughn Williams zeigte die Gastkapelle von der Ostalb unter Leitung von Philip Walford gleich zu Beginn, was die Zuhörer an diesem Abend erwarten sollte. Zahlreiche Wechsel des Themas durch die Register, die alle zeigten, welche Qualitäten in ihnen stecken, und filigrane technische Passagen zeichneten dieses Werk aus.

Das folgende Stück ist ein sehr bekanntes und ein oft gespieltes Werk im Bereich der sinfonischen Blasmusik. Gustav Holsts "Second Suite in F" reiht vier verschiedene Sätze in perfekter Harmonie aneinander. Im ersten Satz "March" wird ein melodiöses Thema vorgestellt, das sich immer vorwärts bewegend durch den Satz zieht. Bemerkenswert war es, wie sich die Musikerinnen und Musiker das Thema quer durch das Orchester zuspielten und dabei nie den Drive verloren.

Im zweiten Satz standen dagegen die ruhigeren Passagen im Vordergrund: "Song without Words" ein Lied ohne Worte. Die brauchte es auch bei den träumerisch schön gespielten und von der Oboe angeführten Passagen der Solo-Instrumente nicht. Völlig im Gegensatz dazu stand der hektische dritte Satz "Song of the Blacksmith". Dieser Satz entwarf das Bild eines Eisenschmieds.

Dabei sorgten nicht nur der Amboss mit seinem metallischen Klängen für die authentische Melodie. Auch die übrigen Instrumente unterstützten mit ihrem lupenrein gespielten Staccato-Tönen den hämmernden Eindruck. Letztlich endete alles im vierten Satz "Fantasia on the Dargason", in dem unter anderem auch Melodien aus den vorangegangen Sätzen Einzug fanden.

Der Dirigent meisterte es in diesem Satz hervorragend, zwei unterschiedliche Melodienstränge mit verschiedener Rhythmik zu einem grandiosen Schluss zu führen. Verena Lebl konnte im folgenden Stück "Lucy Long" zeigen, wie meisterhaft sie ihr Fagott beherrscht. Zunächst stellte sie das Thema in seiner Einfachheit vor, ehe sie begann, vom Orchester hervorragend begleitet, das Thema auf jedwede Art und Weise zu variieren. Sie spielte dabei in allen Lagen ihres Fagottes, von ausdrucksvoll langsamen bis hin zu technisch einwandfrei schnellen Passagen. Das Publikum war begeistert von dieser Aufführung und bedankte sich mit entsprechendem Beifall.

Derek Bourgeois verarbeitete die Eindrücke seiner Studienzeit an der University of Cambridge in dem Werk "Bridges over the river Cam". Eindrucksvolle Themen und lautmalerische Eindrücke bildeten an diesem Abend einen großartigen musikalischen Brückenschlag. Zum Abschluss ihres Programmteiles entführte die SHW Bergkapelle die Zuhörer auf eine musikalische Weltreise.

Von den Glockenklängen des Big Ben auf die Reise geschickt, ging es gen Osten. Mit den jeweils landes- und regionstypischen Klängen und Melodien wurden den Zuhörern die verschiedenen Gegenden der Erde vor dem inneren Auge vorgeführt. Nach einer abwechslungsreichen und kurzweiligen Reise um den Globus empfing der Big Ben die Reisenden dann wieder am Ausgangspunkt. Nach einer kurzen Zugabe wurden die Musiker mit viel Applaus von der Bühne verabschiedet.

In ihrer Ansprache würdigten die Vertreter der beiden Lions-Clubs, Frank Keller und Rolf Krause, die Bereitschaft aller Beteiligten, für den guten Zweck auf Gagen zu verzichten, sodass der Reinerlös des Abends möglichst hoch ausfallen kann. Sie skizzierten kurz die Aufgaben der Lions-Clubs und stellten die beiden unterstützten Organisationen vor: den Kinderhospizdienst im Landkreis Esslingen sowie die Behinderten-Förderung Linsenhofen.

"A British Festival"Nach der Pause nahm die Stadtkapelle Kirchheim auf der Bühne Platz. Stadtmusikdirektor Harry D. Bath stellte den Teil seines Programms unter das Motto "A British Festival" und lehnte sich mit der Programmauswahl an die regelmäßig stattfindende "Last Night of the Proms" an.

Von königlichen Fanfarenklängen wurden die Zuhörer aus der Pause wieder empfangen. Die "Royal Fanfare" von Arthur Bliss wurde zu Ehren der Hochzeit der Königinschwester Margret komponiert und von den Musikern auf speziellen "Kneller Hall Fanfaren" zum Besten gebracht. Ein wahrhaft würdiger Auftakt für diesen Konzertteil.

Das folgende Stück war dem Gründer der renommierten Militärmusik-Akademie "Kneller Hall", an der auch Harry D. Bath studierte, gewidmet. "The Duke of Cambridge March" entführte das Publikum dann in die Welt des englischen Adels und hier kamen abermals die einzigartigen Fanfaren mit ihren königlichen Klängen zum Einsatz.

Der Lions-Club fördert auch immer wieder die Entwicklung junger Talente. Zu diesen gehört auch der Nürtinger Lukas Ehret. Der 23-Jährige gewann bereits einige Nachwuchs-Wettbewerbe, unter anderem auch einen Wettbewerb, der vom Lions-Club ausgetragen wurde Grund genug, ihn und sein Können an diesem Abend auf die Bühne zu bringen.

Mit seinem Instrument, den Pauken, führte er an diesem Abend Gordan Jacobs "Concerto for Timpani and Band" auf. In diesem dreisätzigen Werk stellte er die vielseitigen Facetten seines Instrumentes vor und zeigte auch auf, mit welcher Erstklassigkeit er dieses beherrscht. Im Mittelalter gehörte das Tanzen zu einer der beliebtesten Freizeitbeschäftigungen der Oberschicht. Die zu dieser Zeit üblichen Tänze nahm Kenneth Hesketh auf und arrangierte diese im Stile zeitgenössischer Musik. "Danceries" stellte hierbei höchste Herausforderungen an die Musikerinnen und Musiker der Stadtkapelle.

Sie meisterten es jedoch großartig und schafften die Verbindung von Tradition und Moderne. Knifflige Taktwechsel und gegenläufige Rhythmen wurden gemeistert und das Publikum bedankte sich für diese Aufführung mit viel Applaus. Ein unumstößlicher Bestandteil jeder "Last Night of the Proms" ist die "Fantasia on British Sea Songs" von Henry L. Wood, der zugleich auch der Begründer der "Proms", der Promenadenkonzerte war. Der britische Funke sprang auf die Musikerinnen und Musiker über und sie boten die verschiedenen Melodien und Variationen in überzeugender Art und Weise dar.

Mit Matthias Berg nahm anschließend ein wahrer Tausendsassa auf der Bühne Platz. Matthias Berg ist nicht nur ein sehr erfolgreicher Behindertensportler und der stellvertretende Landrat des Landkreis Esslingen.

Er beherrscht auch sein Instrument, das Waldhorn, in virtuoser Art und Weise. Die zarte und verträumte Art seines Instrumentes konnte er an diesem Abend mit "Sunrise" von Paul Hart dem Publikum vorstellen. Mit den melodiösen Klängen und der warmen Klangfarbe zeichnete er einen Sonnenaufgang, vom ersten Aufblitzen bis zu diesem Moment, an dem sie strahlend am Himmel steht.

Den Abschluss dieses musikalischen Abends bildete Edward Elgars "Pomp and Circumstance". Es zählt neben der britischen Hymne zu den englischsten aller Melodien und gilt als die heimliche zweite Hymne Englands. Mit viel Stolz und Patriotismus dirigierte Harry D. Bath sein Orchester, das ihm mit einfühlsamen und ausdrucksvoll gespielten Passagen dankte.

Am Ende des Konzertes sah man nur zufriedene Gesichter im Saal: die Zuhörer, die einen wundervollen musikalischen Abend erlebt hatten, die Mitglieder der Lions-Clubs, die sich sicher sein konnten, wieder etwas Gutes getan zu haben, die Vertreter der geförderten Institution, die sich über die zu erwartende Spende freuten und nicht zuletzt die Musikerinnen und Musiker der beiden Kapellen, die als Hauptakteure zum Gelingen dieses einmaligen Abends in Kirchheim beigetragen hatten.