Lokale Kultur

Von "Staffelgiebelbekröntem" , "Floßaugen" und "Gestören"

KIRCHHEIM "Was sind eigentlich ,Floßaugen' und was haben sie gar über dem ehrwürdigen Haupt von Herzogin Henriette zu suchen?" Fragen über Fragen, die der Bauforscher und Mittelalterarchäologe Till-

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FLORIAN STEGMAIER

mann Marstaller im Rahmen seines profunden Vortrags in der Schlosskapelle anriss und damit seinen Zuhörern einen vielschichtigen, aber auch äußerst spannenden Themenkomplex erschloss.

Zunächst widmete sich Marstaller der baulichen Historie des Kirchheimer Schlosses, das er als eine regelrechte "historische Fundgrube" bezeichnete, da es als eines der wenigen erhaltenen Gebäude der Altstadt den verheerenden Brand von 1690 überlebt hat. Unter anderem ging er dabei auf eine Ansicht von Andreas Kieser aus dem Jahre 1680 ein, die den Südwestflügel vermeintlich ohne Fensteröffnungen zur Außenseite hin zeigt und daher Interpreten der Bildquelle zur Mutmaßung eines "Schlosses ohne Fenster" veranlasst habe.

Als quellenkundiger Bauhistoriker wies Tillmann Marstaller jedoch sofort auf den Befund einer blauen und grünen Kolorierung der Außenfassade in der Kieserschen Ansicht hin. Wie er anhand vergleichenden Bildmaterials erhärten konnte, sei dies ein untrügliches Indiz für das Vorhandensein einer durchgehenden, mit Zugläden verschließbaren Fensterfront.

Ein Großteil des Vortrags stand im Zeichen einer eingehenden wissenschaftlichen Betrachtung des Dachwerks aller vier Flügel. Die hierzu präsentierten Fotografien waren zugleich ein neugierig machender Vorgeschmack auf die ab kommendem Jahr stattfindenden Führungen, mit denen man die komplexe Dachlandschaft des Schlosses selbst erkunden kann. Die beiden wie der Fachmann sagt "staffelgiebelbekrönten", somit auch von außen und von der Hofseite her sichtbaren Brandmauern, bildeten laut Tillmann Marstaller eine "massive Trennung" des Süd- und Westflügels vom Nord- und Ostflügel.

Diese Gliederung spiegle sich auch in der Dachkonstruktion wider, insofern jeweils typologisch gleiche Dachkonstruktionen vorlägen. Aufgrund ihrer Aussteifung und der Verwendung des Stuhlständers als Sparren, charakterisierte Marstaller die Konstruktion des Nord-Flügels als "Sondertyp", der in der Region "einmalig" und "eigentümlich" zugleich sei.

Durch einen Vergleich der dendrochronologisch, teils jahreszeitlich genau ermittelten Fälldaten der in den ursprünglichen Dachstühlen und im Fachwerk des Unterbaus verbauten Hölzer, verdeutlichte der Vortragende, dass die Nadelhölzer im Vergleich mit den Eichenbalken ein durchweg früheres Fälldatum aufweisen. Diese Differenz sei auf eine Transportverzögerung zurückzuführen.

Bei den Nadelhölzern Tanne und Fichte , die im Dach des Schlosses verbaut wurden, handle es sich also um importiertes Holz, um Floßholz. Eindeutiger Hinweis, dass es sich um Floßholz handeln muss, sind die immer wieder anzutreffenden, dreieckigen Löcher in den Balken. Dabei handelt es sich um sogenannte "Wiedlöcher", auch "Floßaugen" genannt, die nötig waren, die zu flößenden Stämme zu "Gestören", den einzelnen Segmenten eines Floßes, zu verbinden. Aus bis zu zweiundzwanzig solcher Gestöre habe einst ein Floß bestanden, somit eine stolze Länge von bis zu neunhundert Fuß das sind zweihundertsiebzig Meter erreicht.

Gründe für den aufwendigen und kostspieligen Import von Nadelhölzern aus dem Schwarzwald, nannte Tillmann Marstaller mehrere. Zum einen ist langfaseriges Nadelholz besonders für lange Bauteile geeignet, da es auf Biegung sehr beanspruchbar ist. Aufgrund dieser technologischen Eigenschaft wurden neue architektonische Dimensionen möglich. Der Referent verwies etwa auf das breite Langhausdachwerk der Weilheimer Peterskirche.

Als historisch bedeutsames Datum nannte Tillmann Marstaller den 1476 geschlossenen Flößereivertrag, der Zollfreiheit garantierte und dadurch neben der Effizienz des Transports auch finanziell zum Aufstreben der Langholzflößerei am Neckar ungemein beitrug. Davon profitierte nicht nur Herzog Ulrich mit seinen ehrgeizigen Großbauvorhaben der Landesfestungen Hohentübingen, Hohenasperg, Hohenurach, Hohenneuffen sowie die Städte Schorndorf und Kirchheim, auch andernorts sei ein Boom des Bauens mit Floßholz zu konstatieren.

So mussten nach einem größeren Stadtbrand 1540 in Tübingen große Flächen in der heutigen Altstadt wieder aufgebaut werden, aber auch Schloss Köngen oder die Neckarburg bei Neckartenzlingen wären ohne importiertes Nadelholz nicht in dieser Form denkbar. Für den Bau des Kirchheimer Schlosses seien mindestens fünfhundert Stämme transportiert worden, lautete Tillmann Marstallers vorsichtige Schätzung. Auf dem Wasserweg kamen sie wahrscheinlich bis zur Anlegestelle in Köngen und von dort aus per Fuhrwerk in die Teckstadt.

Als Beleg dafür, dass dieser kostspielige Aufwand kein schierer Luxus, sondern tatsächlich Notwendigkeit gewesen sei, wies der Bauforscher und Archäologe auf den etwa zeitgleich zum Schloss entstandenen Bau in der Kanalstraße 28 hin. Die Tatsache, dass es sich dabei um ein kleines Bürgerhaus handle, wertete der Referent zum Abschluss seines Vortrags als Beleg für die sehr bedeutsame Rolle der Flößerei als Kompensation für den seit dem 16. Jahrhundert immer stärker zunehmenden Bauholzmangel vor Ort.