Kirchheim

Vorbereiten für den Notfall

Selbstverteidigungskurs hilft Frauen, bei Übergriffen richtig zu reagieren

Frauen sind keine wehrlosen Opfer. In Notlagen können sie sich gegen Angreifer effektiv zur Wehr setzen. Das zeigt ein Schnupperkurs in Selbstverteidigung der Abteilung Judo/Jiu-Jitsu des VfL Kirchheim in der Walter-Jacob-Halle.

Ein kraftvoller Schlag mit Unterarm und Ellenbogen kann Angreifer von ihrem Vorhaben abbringen (oben). Bernd Budde erklärt, wora

Ein kraftvoller Schlag mit Unterarm und Ellenbogen kann Angreifer von ihrem Vorhaben abbringen (oben). Bernd Budde erklärt, worauf es ankommt, wenn der Angreifer am Arm oder Handgelenk fest zupackt. Er betont, dass sich Selbstverteidigung nicht nur für junge Menschen eignet. Er selbst sei das beste Beispiel dafür. Foto: Daniela Haußmann

Kirchheim. Der Angreifer kommt von vorn, packt Lili Eberle an der Hüfte, hebt sie hoch und will sie forttragen. Die Kirchheimerin fasst ihn mit beiden Händen kräftig am Kopf und drückt ihm ihre Daumen in die Augen. Schmerzgekrümmt löst er die Umklammerung. Eberle rennt davon. „Super gemacht“, lobt Trainer Werner Carstens. Der Schnupperkurs in Selbstverteidigung der Abteilung Judo/Jiu-Jitsu des VfL Kirchheim soll Frauen helfen, Situationen richtig einzuschätzen und sich im Ernstfall aus einer Notlage zu befreien.

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Rund 40 Jugendliche und Erwachsene zählt der sechsstündige Kurs, in dem die Frauen Griffe, Schläge und Tritte einüben und versuchen, sich Abläufe einzuprägen. Einen Übergriff auf offener Straße hat noch keine von ihnen erlebt. „Gott sei Dank“, bemerkt Annette Kannemann, die schon seit Längerem über Selbstverteidigung nachdenkt. Die 42-Jährige will vorbereitet sein, wenn der Fall der Fälle eintritt. „Man hört und liest so viel“, sagt sie. „Außerdem ist aus meiner Sicht auch die Hemmschwelle gesunken.“ Heute wechselt die Kirchheimerin durchaus die Straßenseite, wenn ihr in der Nacht auf dem Heimweg Männer entgegenkommen. „Früher habe ich das nicht getan“, erzählt Kannemann, die vorsichtiger geworden ist.

Ihre Tochter macht beim Schnupperkurs vor, wie es geht. Mit Unterarm und Ellenbogen schlägt die 16-Jährige mit ganzer Kraft gegen das Schutzpolster, das Werner Carstens in Händen hält. Die Wucht ist so groß, dass der Trainer zwei Schritte zurückweichen muss. „Diesen Schlag hätte ich als Angreifer nicht abbekommen wollen“, stellt er anerkennend fest. Lisa findet das Angebot gut. „Aber ein einziger mehrstündiger Kurs reicht nicht, um Routine in Abläufe zu bekommen“, findet die Schülerin. „Da ist die Mitgliedschaft in einem Kampfsportverein sicher zielführender.“ Bernd Budde berichtet, dass ein weiterer Kurs angeboten wird. Der 72-Jährige stellt zwei Stühle auf. „Jetzt fahren wir mit der Bahn“, erklärt er. Trainerin Sabine Weller nimmt auf der Fensterseite Platz, Bernd Budde auf dem Sitz direkt am Gang. Plötzlich fasst er seiner Kampfsportkollegin zwischen die Beine, die verbietet sich das lautstark und stößt seine Hand weg. Budde bleibt hartnäckig. Dreimal verwarnt ihn Sabine Weller, bis sie ihm den Ellenbogen angedeutet in den Bauch schlägt und der Pensionär vom Sitz fällt. Der 72-Jährige rät den Frauen, in Bus und Bahn besser auf der Gangseite Platz zu nehmen. „Denn im Ernstfall kann man dort einfach aufstehen und weggehen“, verdeutlicht er. „Wer begrapscht wird, sollte darauf laut aufmerksam machen, den Täter bloßstellen“, rät Bernd Budde. Bei einem Zwischenfall sollte der Angreifer mit „Sie“ angesprochen werden. „Das signalisiert anderen, dass es sich um keinen Beziehungskonflikt handelt“, weiß Budde. „Das erhöht die Chance, dass Passanten einschreiten.“ Wichtig sei auch, dass zum Angreifer Blickkontakt hergestellt werde. So strahle man Sicherheit und Selbstbewusstsein aus. „Keinesfalls in die Opferrolle begeben“, betont Bernd Budde. Werner Carstens pflichtet bei. „Es gilt als erwiesen, dass Täter in etwa 80 Prozent der Fälle ihren Übergriff abbrechen, wenn sie mit Gegenwehr konfrontiert werden“, klärt er auf.

Im Ernstfall sollte laut Bernd Budde nicht um „Hilfe“ gerufen werden. „Da reagiert heutzutage kaum einer“, sagt er. „Bei ‚Feuer‘ schreckt jeder auf und kommt herbeigeeilt.“ Wenn es um Leib und Leben gehe, seien Hemmungen fehl am Platz. „Dann gilt es, an Türen zu klingeln, Passanten direkt aufzufordern die Polizei zu rufen oder schreiend davonzulaufen“, fährt Bernd Budde fort. „Und wenn alles nicht hilft, dann muss man sich in einer Notlage eben körperlich zur Wehr setzen.“ Frauen haben dabei eher Hemmungen.

Das bestätigt auch Lili Eberle. „Ich denke, dass das Erziehungssache ist“, sagt sie. „Es kostet Überwidung, zum Schlag auszuholen.“ Aus diesem Grund geht es im Kurs auch darum, den Teilnehmerinnen vor Augen zu führen, dass mehr Kraft in ihnen steckt, als sie glauben. Ein männlicher Angreifer könne zwar größer, schwerer und kräftiger sein, aber eine Frau könne es ihrem Gegner richtig schwer machen, sie zu überwältigen, und wenn er das erkennt, lässt er auch von ihr ab, erklärt Carstens.

Weiterführender Selbstverteidigungskurs des VfL Kirchheim ab Freitag, 8.  April, 20 Uhr, in der Walter-Jacob-Halle in Kirchheim. Infos unter www.vfl-kirchheim.de/index.php/sportarten/judo-jiu-jitsu.

Vorbereiten für den Notfall

Vorbereiten für den Notfall. Foto: Daniela Haußmann