Kirchheim

Vorsprung für die Retter

E-Call Ab April ist der digitale Notruf in Neuwagen Pflicht. Der direkte Draht zu den Leitstellen soll im Notfall Leben retten. In der Einsatzzentrale in Esslingen sind DRK und Feuerwehr vorbereitet. Von Bernd Köble

Wo immer dringend Hilfe benötigt wird, sind sie gefordert: Die Mitarbeiter der Esslinger Rettungsleitstelle sind über die zentra
Wo immer dringend Hilfe benötigt wird, sind sie gefordert: Die Mitarbeiter der Esslinger Rettungsleitstelle sind über die zentrale Notrufnummer 112 rund um die Uhr erreichbar.Foto: Carsten Riedl

Verdutzte Gesichter auf beiden Seiten. Das Fahrzeug, das vor wenigen Minuten einen Notruf absetzte, ist von der Besatzung des Rettungswagens entdeckt: auf der Hebebühne einer Kfz-Werkstatt auf den Fildern. Situationen wie diese gibt es, aber sie sind selten. Fast 1 200 Mal wurden die Einsatzkräfte im Kreis Esslingen im vergangenen Jahr zu Verkehrsunfällen gerufen. Nur 261 Mal hieß es: blinder Alarm. Dass sich diese Zahl von April an deutlich vergrößern könnte, wenn der digitale Notruf in neuen Autos zum Standard wird, glaubt Matthias Imhof nicht. Er und seine Kollegen in der integrierten Leitstelle von DRK und Feuerwehr haben bisher zwar wenig Erfahrung mit E-Call. Der stellvertretende Fachbereichsleiter der Esslinger Berufsfeuerwehr ist aber überzeugt: E-Call ist keine technische Spinnerei, sondern kann Leben retten.

Der direkte Draht vom Unfallfahrzeug in die Einsatzzentrale über die europaweit gültige Notrufnummer 112 spart wertvolle Zeit. Systeme dieser Art gab es bei teureren Fahrzeug-Modellen zwar bisher schon, nur wurden die Notrufe über Service-Center der Hersteller abgewickelt. Da kam es schon mal vor, dass der Unfall um die Ecke per Anruf aus Südspanien gemeldet wurde.

Mit dem neuen digitalen Notrufsystem landen Datensätze mit allen relevanten Fahrzeugdetails künftig direkt auf den Monitoren in den Leitstellen. Von dort werden sie an die nächstgelegenen Einsatzfahrzeuge weitergeleitet, von denen die meisten inzwischen ebenfalls mit Rechner und Monitor ausgestattet sind. Bisher waren E-Call-Einsätze selten. „Sicher nicht mehr als zehn“, meint Matthias Imhof, an die er sich erinnern könne. In den kommenden Jahren dürften es deutlich mehr werden.

Turbulentes Jahr in der Leitstelle

Neue Technik, veränderte Arbeitsbedingungen und vor allem: Schulungen, immer wieder Schulungen. Die Mitarbeiter der Leitstelle in der Esslinger Feuerwache gegenüber dem Landratsamt haben ein turbulentes Jahr hinter sich. Der Umbau zur integrierten Leitstelle, in der Feuerwehr und DRK mit einheitlicher Funk- und Datentechnik zusammenarbeiten, ist gerade erst abgeschlossen. Jetzt laufen die Fortbildungen für die flächendeckende Einführung von E-Call. Die wichtigste Nachricht: „Wir sind bereit“, sagt Rolf Wieder, Leitstellen-Chef des DRK. Acht Vollarbeitsplätze gibt es an den großflächigen Monitoren, von denen drei rund um die Uhr besetzt sind. Hinzu kommen acht weitere Plätze für den Katastrophenfall, etwa wenn starke Unwetter mit Überschwemmungen oder Hagel in kürzester Zeit für eine Flut von Anrufen sorgen. Die Mitarbeiter - sogenannte Disponenten - sind allesamt Rettungssanitäter, Rettungsassistenten oder Berufsfeuerwehrleute mit jahrelanger Erfahrung. Das ist wichtig, um Gefahrensituationen schnell erfassen, Zusammenhänge einordnen und am Telefon erste Anweisungen geben zu können.

Dass E-Call für alle Beteiligten ein Gewinn ist, meint auch Rolf Wieder. „Vor allem auf Autobahnen wird es kostbare Zeit sparen“, weil: „Sehr viele wissen bei einem Unfall gar nicht, wo sie sind.“ Bei Dunkelheit oder schlechten Sichtverhältnissen sind Unfallstellen für die Rettungskräfte zudem oft schwer zu entdecken. Obwohl Datenschützern die technischen Möglichkeiten des digitalen Notrufs zu weit gehen, ist der Fachmann überzeugt, dass er Unfallrisiken minimiert. Experten rechnen damit, dass E-Call bundesweit bis zu 2 500 Menschenleben im Jahr retten und die Zahl der Verletzten im Straßenverkehr deutlich reduzieren wird. Rolf Wieder hält nichts von solchen Zahlen: „Wir müssen das erst einmal auf uns zukommen lassen.“

So funktioniert E-Call

Der digitale Notruf arbeitet mit sogenannten Crash-Sensoren, die von 1. April an in allen Neuwagen verbaut sein müssen. Im Falle eines Aufpralls stellt das satellitengestützte System über eine Mobilfunk-Verbindung automatisch einen Kontakt zur nächstgelegenen Rettungsleitstelle her. Über Mikrofon und Lautsprecher im Fahrzeug können Rettungsdienst-Mitarbeiter und Unfallopfer miteinander reden.

Ist das Opfer nicht ansprechbar, liefert das System dennoch eine ganze Reihe wertvoller Daten. So lässt sich über einen eingebauten GPS-Empfänger die genaue Position des Unfallfahrzeugs, die Fahrtrichtung, in der es unterwegs war, und die Art seines Motorantriebs bestimmen. Sensoren in den Sicherheitsgurtsystemen zeigen zudem an, wie viele Personen sich im Fahrzeug befinden. Ob der Airbag ausgelöst hat, lässt sich auf diesem Weg ebenfalls feststellen.

Ein Notfallknopf ermöglicht dem Fahrer, auch manuell einen Notruf abzusetzen, bevor es zum Unfall kommt. Etwa bei Kreislaufschwäche oder im Falle eines Herzinfarkts.bk

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