Lokale Kultur

"Waren Sie das Schaschlik oder die Currywurst?"

NÜRTINGEN Die deutsche Sprache kann ja so lustig sein. Zumindest, wenn sich einer wie Bastian Sick ihrer mit wachem Auge annimmt und die dabei beobachteten Erkenntnisse über Grammatikschlamperei und

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VOLKER HAUSSMANN

sprachliche Marotten mit feinem Humor zu Papier bringt. Damit kann man nicht nur, wie sich gezeigt hat, eine Million Bücher verkaufen, man kann auch locker die Nürtinger Kreuzkirche füllen. Am Donnerstagabend las Bastian Sick dort auf Einladung der Buchhandlung Zimmermann dem erwartungsfrohen Publikum aus seinem Buch "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" und dessen gleichnamigem Nachfolger vor. Mit durchschlagendem Erfolg: Mehr gelacht wird bei den meisten Kabarettisten auch nicht.

Als Schlussredakteur bei "Spiegel online" hatte Bastian Sick die Aufgabe, die Texte seiner Kollegen, bevor sie auf die Leser losgelassen wurden (die Texte), noch einmal durchzulesen und sprachlich geradezubiegen. Dabei ist ihm stets das eine oder andere an sprachlichen Spleens aufgefallen, das er dann der Kollegenschaft zum Wochenende per E-Mail süffisant und wortstark aufs Brot schmierte. Seinem Chef gefiel das, und schon bald durfte Bastian Sick seine humorigen Wortklaubereien in einer regelmäßig bei "Spiegel online" erscheinenden Kolumne unter die Leute bringen. Deren Titel, "Zwiebelfisch", ist aus der Schriftsetzersprache entlehnt und bezeichnet dort einen versehentlich aus einer anderen Schriftart gesetzten Buchstaben was seit alten Bleisatzzeiten allerdings nicht mehr vorkommt. Für seine Kolumne wählte Bastian Sick den "Zwiebelfisch" im übertragenen Sinne, schließlich passt ja auch so manches Wort nicht in die Sprachlandschaft.

Bastian Sicks Online-Kolumnen erfreuten sich rasch steigender Beliebtheit und wurden schließlich in einem Büchlein mit dem schlicht genialen Titel "Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod" versammelt. Wer nun angestrengt über den im Titel versteckten Witz sinniert, sollte sich rasch das Werk oder die Fortsetzung holen.

Nach Anregungen für seine geistreichen Lektionen braucht Bastian Sick nicht lange zu suchen. Schließlich steckt in jedem von uns ein kleiner Sprachpanscher, der sich nicht selten auch in den Fallstricken der deutschen Grammatik verheddert. Häufig sind es Bastian Sicks Kollegen von der schreibenden Zunft, die sich durch sprachlichen Nonsens auszeichnen und ihm damit willkommene Munition für seine Spottschleuder liefern. Aber auch andere Berufsstände (Frage an der Imbissbude: "Waren Sie das Schaschlik oder die Currywurst?") oder Leute, die hartnäckig verdrehte Sinnsprüche von sich geben ("Ewig währt am längsten", "Für mich ist das ein spanisches Dorf") werden meisterlich auf die Schippe genommen.

Um aus den sprachlichen Kuriositäten einen Lacherfolg mit Lerneffekt zu machen bedarf es großen Sachverstands, einer genauen Beobachtungsgabe und des Talents, staubtrockene Sachverhalte durch subtilen Humor so zu veredeln, dass man das Ergebnis mit großem Vergnügen liest.

Wer über Bastian Sicks Kolumnen lacht, der lacht freilich ohne dass er es merkt auch über sich selbst. So ziemlich alle Marotten und geistigen Fehlleistungen, die der Autor aufspießt, kommen einem bekannt vor, ohne dass man bisher groß darüber nachgedacht hätte. Nehmen wir nur mal das Pärchen im italienischen Restaurant, das sich typisch deutsch bemüht, korrekt auf Italienisch zu bestellen und sich bei der Diskussion über die richtige Bildung des Plurals in die Haare kriegt. Die Mehrzahl von Gnocchi? Der Plural von Pizza? Bei Bastian Sick lernt man immer auch etwas dazu, ohne dass man sich auch nur im mindesten belehrt vorkommt.

So dachte offenbar auch das Publikum in der Kreuzkirche, das den Autor am Ende des höchst vergnüglichen Abends mit reichlich Beifall bedachte. Nicht wenige nutzten anschließend die Gelegenheit, eines oder gleich beide "Dativ"-Bändchen zu erwerben und vom Autor signieren zu lassen.