Lokale Kultur

"Warum hat Gott uns nicht als Schafe erschaffen?"

WEILHEIM

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Hamlet sagt zu seinem Freund Horatio, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde

ANDREAS VOLZ

gebe, "als unsre Schulweisheit sich träumen lässt". In Shakespeares Original heißt es "philosophy" statt "Schulweisheit". Fragen der Ethik und der Moral betreffen aber die Philosophie und die Theologie in gleichem Maße, auch wenn die beiden wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedliche Ansätze haben und zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. "Zwischen Himmel und Erde" nennt sich ein viersemestriger Theologiekurs, den das Evangelische Bildungswerk im Landkreis Esslingen in Zusammenarbeit mit Pfarrerinnen und Pfarrern aus dem Kirchenbezirk Kirchheim veranstaltet. An wechselnden Orten Owen, Weilheim, Kirchheim, Notzingen können und konnten sich die Teilnehmer zwischen Januar und Mai sowie zwischen September und November 2005 mit theologischen Fragestellungen auseinandersetzen, die mitunter auch in der Philosophie auf der Tagesordnung stehen.

"Wie kann Gott das zulassen?" Mit dieser Frage beschäftigten sich die Teilnehmer des jüngsten Themenabends in Weilheim unter Anleitung von Pfarrer Walter Veil. Die Frage stellt sich unter anderem mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg, dessen Ende nunmehr 60 Jahre zurückliegt, aber auch mit Blick auf das millionenfache, industrialisierte Töten in den Konzentrationslagern. Bei Naturkatastrophen ist das Bild vom "guten Gott" ebenfalls nur schwer mit dem gewaltigen Wüten der Elemente in Einklang zu bringen. Die Flutwelle in Asien ist dabei nur das aktuellste von vielen vergleichbaren Ereignissen. Der Untertitel des Weilheimer Seminarabends hieß "Aspekte zur Theodizee". Diesen philosophischen Begriff zur Rechtfertigung Gottes hat vor rund 300 Jahren der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz geprägt. Walter Veil brachte im Seminar auch gleich den nächsten Philosophen ins Spiel Thomas Hobbes: "Der Mensch ist den Menschen ein Wolf." Veils Theodizeefrage lautete in diesem Fall: "Warum hat Gott uns nicht als Schafe erschaffen?"

Auf diese Frage gibt es wohl nur eine einfache, schnelle Antwort, auch wenn sie nicht gerade befriedigend ist: "So ist es eben, wir sind nun mal keine Schafe." Genau dieses Argument führen auch Hiobs Freunde an, nachdem sie mit der Ursachenforschung für Hiobs sprichwörtliches Unglück begonnen haben. Sie kommentieren die Tatsache, dass Hiobs Kinder allesamt bei einem Unglück ums Leben gekommen sind, sinngemäß so: "Das ist der Lauf der Welt. So ist es eben. Wir müssen alle sterben und sind eigentlich Eintagsfliegen."

Das ist die stoisch-pragmatische Herangehensweise, die auch Hiob im Religiösen zunächst anwendet: "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen. Der Name des Herrn sei gelobt." Eine Antwort auf die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes ist das freilich nicht, sondern eher ein Argument dafür, gar nicht erst weiterzufragen. Als nächstes reagieren Hiobs Freunde mit einer Gegenfrage zur Theodizee, die zu allen Zeiten immer und immer wieder angeführt worden ist: "Wer verdarb je unschuldig?" Walter Veil verurteilte diese Frage nachdrücklich, und auch Hiob erkennt schnell obwohl oder gerade weil er sich unschuldig weiß , dass Gott in dieser Hinsicht nicht mit sich rechten lässt: "Schuldlose wie Schuldige vernichtet er."

Die Argumente drehen sich im Kreis, und auch die Philosophie weiß nicht weiter. Epikur führte bereits im dritten vorchristlichen Jahrhundert den Nachweis, dass es keine Gerechtigkeit Gottes gibt: Wenn Gott eingreifen wolle, aber nicht könne, sei er zu schwach für einen Gott. Wenn er eingreifen könne, aber nicht wolle, sei er zu neidisch für einen Gott. Daher schließt sich auch aus, dass Gott das Übel weder aufheben kann noch will. Bleibt als letzte Möglichkeit, dass er kann und will. Damit bleibt aber auch die Frage: "Wo kommen dann die Übel her, und warum hebt er sie nicht auf?" Schließlich bemühte Walter Veil anhand seiner Materialien noch Immanuel Kant, der seinen Beitrag zum Thema mit einem eindeutigen Titel versehen hat: "Über das Misslingen aller philosophischen Versuche in der Theodizee". Kant argumentiert, dass der "höchsten Weisheit des Welturhebers" nicht mit "unserer anmaßenden, hierbei aber ihre Schranken verkennenden Vernunft" beizukommen sei.

Was sagt nun die Theologie zu dem Problem, an dem die Philosophen scheitern? Pfarrer Veil führte aus: "Theoretisch ist auch hier keine befriedigende Antwort zu finden. Die kann es nur in unserem persönlichen Umgang mit dem Leid geben." Stummes Mitleiden in aussichtslosen Fällen ist eine Möglichkeit. Das Leiden zur Sprache zu bringen, wo himmelschreiende Ungerechtigkeit herrscht, ist eine andere Möglichkeit. Die Vorgehensweise ist von Fall zu Fall abzuwägen. Mut und Kraft braucht beides. Der Glaube kann die nötige Kraft verleihen. "Glaube, Liebe, Hoffnung" sind denn auch nach Paulus drei Grundpfeiler christlichen Denkens und Handelns. Die Geborgenheit in Gott und das Leiden, das Jesus zum Thema gemacht hat: Der Glaube daran mag helfen, die Frage nach der Gerechtigkeit Gottes praktisch zu beantworten. Theoretisch geht dies wie gesagt nicht.

Theorie und Praxis verschmelzen wohl am schönsten in der Kunst. Und so endete der "Theodizeeabend" in Weilheim mit dem Bild des Gnadenstuhls von Münnerstadt, den Tilmann Riemenschneider 1492 geschaffen hat: Der Vater hält seinen leidenden Sohn in den Armen und leidet sichtbar mit. Auch das ist nicht unbedingt eine Antwort, aber immerhin ein Trost.

INFOBevor der Theologiekurs "Zwischen Himmel und Erde" im September in der Kirchheimer Christuskirche seine Fortsetzung findet, gibt es noch zwei Abende im Weilheimer Gemeindehaus Am Kohlesbach. Am heutigen Montag geht es um das Thema "Jesus Hingabe an das Leben", am Montag, 2. Mai, um "Christliche Hoffnung angesichts des Todes". Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr.