Kirchheim

„Warum muss gebaut werden?“

Der Demonstrationszug gegen die Bebauung der Kirchheimer Klosterwiese wirft viele Fragen auf

Für die „Rettung der Klosterwiese“ hatte die Bürgerinitiative Klosterviertel zu einer Demonstration aufgerufen. Dem Zug von der grünen Wiese zum Kirchheimer Rathaus haben sich am Samstagmorgen nach Auskunft des Organisators Joachim Diefenbach etwa 110 Menschen angeschlossen.

Auf der Klosterwiese, für deren Erhalt sie demonstrierten, hatten sich am Samstag 110 Menschen versammelt, um gemeinsam vor das
Auf der Klosterwiese, für deren Erhalt sie demonstrierten, hatten sich am Samstag 110 Menschen versammelt, um gemeinsam vor das Kirchheimer Rathaus zu ziehen. Dort wiederum gab es keine großen Reden, sondern Einzelgespräche - unter anderem mit Mitgliedern des Gemeinderats.Foto: Ralf Just

Kirchheim. Die Motivlage mag ganz unterschiedlich sein. Recht unterschiedlich sind auch die Aussagen auf den Plakaten, mit denen die friedlichen Demonstranten gegen die geplante Teilbebauung der Klosterwiese argumentieren. Da gibt es zum einen rigorose Forderungen wie „Stopp – Hände weg von der Klosterwiese“. Etwas weniger fordernd, aber im Prinzip gleichen Inhalts ist die wehmütig formulierte Frage „Ade, grünes Band durch Kirchheim?“ Andere, die ebenfalls noch daran glauben, die vier Gebäude für die Anschlussunterbringung von Flüchtlingen auf der Klosterwiese verhindern zu können, fragen ähnlich: „Aus für das letzte grüne Sport- und Freizeitgelände im Innenstadtbereich?“ Da geht es also nicht nur um den Wert einer grünen Freifläche, sondern um den Nutzwert der Wiese für Spaß und Spiel.

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Bei der Demonstration kommt aber noch etwas anderes ins Spiel: Die Werbung dafür, Wohnungen an bleibeberechtigte Flüchtlinge zu vermieten: „Haben Sie leerstehenden Wohnraum? Wie wäre es, diesen zu vermieten?“ In die gleiche Richtung geht eine andere Frage, die das Thema wieder mit der Klosterwiese verknüpft: „Vermietung auf Zeit, oder dauerhafte Bebauung der Klosterwiese – was ist besser?“ Überhaupt scheint die Frageform auf den Plakaten vorherrschend zu sein, denn schon geht es weiter: „700 leerstehende Wohnungen – warum muss trotzdem gebaut werden?“

Auch die konkrete Planung wird ins Visier genommen, wenn etwa die Frage lautet: „Wagenburg als Wohnform?“ Das bezieht sich auf die rautenförmige Anordnung der vier Gebäude um einen zentralen Platz herum. Auf diese Art will die Stadtverwaltung einen Teil der Grünfläche im kommenden Jahr bebauen lassen. Bei diesem Argument der Klosterviertler – und vieler anderer, die sich mit ihnen solidarisieren – geht es um die befürchtete Gettoisierung. So ist auch ein anderes Plakat zu verstehen, mit der Aufschrift: „Integration Ja – Massenunterbringung Nein.“

Die Plakate sollten am Samstag offensichtlich für sich selbst sprechen: So wie die Veranstalter gegen eine Massenunterbringung sind, zeigten sie sich auch einer Massenkundgebung gegenüber abgeneigt. So gab es am Rathaus keine lautstarken Reden eines einzelnen, sondern viele Einzelgespräche zwischen Demonstranten und Passanten – darunter viele Stadträte. Die Polizei, die vorsorglich vor Ort war, konnte sich denn auch schnell wieder zurückziehen: Es bestand keinerlei Gefahr, dass es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kommen könnte.

Im persönlichen Gespräch wurden die Argumente der Plakate also vertieft. „Wir sind sicher nicht gegen die Neubürger“, sagte Joachim Diefenbach, der neben seinen eigenen Handzetteln auch städtische Broschüren zum Vermieten von Wohnraum verteilte, und fügte hinzu: „Wir finden es nur schade, dass mit der freien Klosterwiese ein Kleinod in unserer Stadt verloren geht.“

So entstehen also durchaus Diskussionen über den richtigen Weg der Integration. Mitorganisatorin Bärbel Klett sagt zum Beispiel: „Die Menschen bleiben unter sich und leben in ihrem eigenen Kulturkreis weiter – weil wir selbst diejenigen sind, die sie nicht integrieren.“

Wie die Integration funktionieren kann, zeigte ein anderes Plakat, auf dem keine Frage gestellt wurde. „Unser Mieter ist Syrer“, stand da zu lesen. Und nach einem richtungsweisenden Pfeil folgte das Resultat: „Gute Hausgemeinschaft“. Das wäre also der Königsweg, den sicher alle befürworten. So bleibt also zu den 700 vorhandenen Wohnungen, die in Kirchheim frei sein sollen, tatsächlich die berechtigte Frage: „Warum muss trotzdem gebaut werden?“