Lokale Kultur

Was hat "Nachbar" Nürtingen, was Kirchheim nicht hat?

KIRCHHEIM "Wir sind Max Eyth" das steht in Kirchheim eigentlich völlig außer Frage. "Unser" vor 100 Jahren gestorbener Dichter-Ingenieur und immer wieder intensiv gefeierter Sohn, der ja immerhin

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WOLF-DIETER TRUPPAT

seine ersten vier ganz besonders prägenden Lebensjahre in der Teckstadt verbrachte, konnte schließlich ganze Generationen von Schülern mit seinem zur moralischen Pflichtlektüre avancierten Klassiker "Hinter Pflug und Schraubstock" die Freuden des Ingenieurwesens näher bringen.

Im durch kunstvolles Fachwerk auf sich aufmerksam machenden Max-Eyth-Haus in der passend firmierenden Max-Eyth-Straße ist sinnvollerweise nicht nur die Gäste aus aller Welt begrüßende Kirchheim-Info untergebracht, sondern auch das seinesgleichen suchende Literaturmuseum, das neben dem Schaffen Max Eyths oder von Hermann Kurz auch an Hans Bethges orientalische Liebeslyrik erinnert und davor bewahrt, in Vergessenheit geraten zu können.

Nürtingen, das muss wohl ohne Neid anerkannt werden, kann dagegen nicht nur mit Hölderlin und Härtling, sondern ganz offensiv auch mit Harald Schmidt punkten. Auch wenn der für seine ungewohnte Rolle als Olympia-Moderator "eine Mörderkohle kassierende" Kabarettist derzeit noch etwas blässelt, wird er sich sicher bald wieder besser vermarkten. Dass ausgerechnet Wintersport-Vollprofi Waldi Hartmann "His Schmidtness" so unbarmherzig an die Wand spielt, wie das der Meister selbst sonst liebend gerne mit seinen Wasserträgern zu tun beliebt, kann ja nicht auf Dauer durchgehen. Der Humorolymp aus Nürtingen hat aber längst Besserung gelobt und immerhin mit US-Vizepräsident Richard Cheneys peinlichem Fehlschuss bei der Wachteljagd inzwischen schon wieder erste Volltreffer gelandet.

Von Köln noch immer nicht uneingeschränkt als "Sohn der Stadt" vereinnahmt, kann der "en Nirrdenga" geborene Kabarettist es sich in olympiafreien Zeiten im ersten Programm immer wieder uneingeschränkt erlauben, im Kreis seiner vor den Bildschirmen versammelten treuen Fangemeinde der Hölderlin-Stadt ungeniert Reverenz zu erweisen und sie beispielsweise gleich im großen Stil als Eisenbahn nachbauen.

Ihn leibhaftig in Nürtingen erleben zu können, war im vergangenen Sommer sicher für viele ein einschneidendes Erlebnis. Dass "Dirty Harry" durchaus "ein ganz Lieber" sein kann, wissen nicht nur diejenigen, die Harald Schmidt dort persönlich und vor allem auch in Begleitung seiner Eltern erleben konnten, sondern auch alle, die konsequent den einem deutlich größeren Publikum zugänglichen "Musikantenstadel" verfolgen. Ausgerechnet dort war der Kabarett-Kamikaze zur besonderen Freude nicht nur seiner Eltern sondern auch von Karl Moik zu Gast und erstaunlicherweise ohne Skrupel und ohne Playback bereit, sich mit einem live gesungenen "Hoch auf dem Gelben Wagen" für die nette Einladung zu bedanken und in die Herzen des Publikums zu singen . . .

Wer Harald Schmidts regelmäßig in einem deutschen Nachrichtenmagazin im Brennpunkt stehende Kolumnen verfolgt, in denen sich alles spiegelt, was den zum Kolumnenschreiber besser denn als Sangeskünstler sich eignenden Kabarettisten bewegt, ist zweifellos gut informiert. Die nun von dem immerhin erst 1957 Geborenen unter dem Titel "Mulatten in gelben Sesseln" auf den Markt geworfenen und in den Bestsellerlisten in den höchsten Rängen geführten "Tagebücher 1945 52" lassen aufhorchen und sind tatsächlich etwas ganz Besonderes.

Nach "Tränen im Aquarium" ("Ein Kurzausflug ans Ende des Verstandes" 1993), den anschließend aufgeregt gestellten Fragen "Warum?" ("Neueste Notizen aus dem beschädigten Leben" 1997) und "Wohin?" ("Allerneueste Notizen aus dem beschädigten Leben" 1999) folgte eine intensive Konzentration auf die "Quadrupelfuge" ("Variationen über 4 Themen auf 240 Seiten" 2002). Nach "Avenue Montaigne" ("Roman, tres nouveau" 2004), stellen die im neuesten Buch von Harald Schmidt zunächst im Focus stehenden "Mulatten in gelben Sesseln" eine neue, wenn auch nicht anhaltend bedrohliche Situation dar.

Rasch wendet Harald Schmidt sich schließlich von seinen einfach gleich selbst gefälschten "Tagebüchern" wieder ab und der meisterlich beherrschten Kunst der Kolumne zu, die er dieses Mal statt Dvd oder Reisetoaster eher als kostenlose Dreingabe offeriert. Mit Harald Schmidts Humor noch nicht ganz so vertraute Neuleser tun sich mit dem recht grotesk anmutenden Start sicherlich eher etwas schwer, doch kehrt Harald Schmidt dann doch relativ rasch ins Reich der durch unverbindliche Weite geprägte Kunstform Kolumne zurück.

Dem medialen Wirken Harald Schmidts fast diametral gegenüberstehend da nie offiziell zur Kenntnis genommen oder gar auch nur moderat anerkannt bewegt sich die in Teheran geborene Mariam Lau, die ohne erkennbare Mithilfe von "Dirty Harry" sauber recherchiert und kolportiert hat, was möglicherweise über den Mann zu sagen ist "der nicht nur Harald Schmidt heißt, sondern auch so aussieht".

Ihr Band "Harald Schmidt Eine Biografie" ist zwar nicht durch die erfreute Kenntnisnahme des Betroffenen geadelt, zweifellos aber ein ungemein interssantes und aufschlussreiches Buch über einen berühmten Sohn, der nun einmal in Nürtingen und leider nicht in Kirchheim das Licht der Welt erblickte . . .