Lokale Kultur

Wasser, das der Sturm aufpeitscht, erstarrt in voller Bewegung

KIRCHHEIM Ponys auf dürrem Gras dieses Foto will so gar nicht zum Klischee vom kalten und lebensfeindlichen Sibirien passen, und doch hat es Roger Just direkt in der

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ANDREAS VOLZ

Baikalregion aufgenommen. "Der Baikalsee liegt gar nicht so sehr nördlich", erklärte seine Frau Heike Mall nun bei einem Volkshochschulvortrag im Kirchheimer Spitalkeller die Zusammenhänge. Vielmehr liege der größte Süßwasser-See der Welt in Südsibirien, nur 200 Kilometer von der Mongolei entfernt. Einerseits gebe es dort die Taiga. "Das ist nicht viel anders als unsere Wälder, etwas niedriger vielleicht und etwas feuchter. Es gibt viele vertraute Baumarten." Andererseits grenzten am Baikalsee zwei große Vegetationsgebiete aneinander: "Vom Süden her stößt die Steppe auf die Taiga, das macht die Region landschaftlich ausgesprochen vielfältig."

Auch die Bevölkerung ist sehr unterschiedlich, wie Heike Mall berichtet. Als die Kosaken die Region in russischem Auftrag besiedelten, trafen sie auf zwei verschiedene Bevölkerungsgruppen: "Die Ewenken lebten in spitzen Zelten und nomadisierten über große Strecken wie die Indiander in Nordamerika." Die Kultur sei relativ einfach gewesen. Es habe keine Schrift und keine eigene Metallbearbeitung gegeben. Heute lebe die Kultur der Ewenken nur noch in folkloristischen Festen fort.

Das zweite Volk die Burjaten habe sich ebenfalls an die russische Zivilisation angepasst, und zwar bereits im Lauf des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie kamen ursprünglich aus der Mongolei, lebten in Filzjurten und züchteten Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen. Ihre Kultur sei höher entwickelt gewesen, sie hätten eigene Metallwerkzeuge gehabt und aus der Mongolei auch eine Schriftsprache mitgebracht. Wichtige Sportarten seien bis heute Ringen, Bogenschießen und Reiten. Religiös orientierten sich beide Völkerschaften am Schamanismus, der Naturgötter und -geister verehrte.

Fast zeitgleich kamen im 17. Jahrhundert zwei neue Religionen in die Baikalregion: das orthodoxe Christentum aus Russland und der Buddhismus aus Tibet und der Mongolei. Die russischen Zaren duldeten die Lamas in Sibirien, und so entstanden östlich des Baikalsees 30 bis 40 buddhistische Klöster, die in der Sowjetzeit fast gänzlich zerstört wurden und inzwischen langsam wieder aufleben. Besonders die Burjaten haben den Buddhismus angenommen und mit ihrer Naturreligion vermischt.

Noch eine weitere religiöse Gruppierung ist am Baikal vertreten, wie Heike Mall berichtete: die Altgläubigen, die sich geweigert hatten, Reformen anzunehmen. Deshalb wurden sie im 18. Jahrhundert nach Sibirien geschickt, um das Land zu erschließen. Sie waren tüchtig und diszipliniert, hatten es dort bald zu Wohlstand gebracht und Haus und Hof jeweils kunstvoll verziert und farbenprächtig ausgestaltet. Aber ähnlich wie bei den ursprünglichen Völkergruppen diene die Tradition der Altgläubigen mittlerweile nur noch dazu, Touristen zu unterhalten.

Ganz anders sei das Leben in Irkutsk, einer relativ jungen Großstadt mit rund 600 000 Einwohnern westlich des Baikalsees. Gegründet wurde die Stadt 1661, als Holzfestung und Niederlassung für Tee- und Pelzhändler ähnlich wie Ulan-Ude, das kleinere burjatische Pendant zu Irkutsk im Osten: "Der Handel hat die Städte sehr reich werden lassen." Vor allem das Fell des Zobels sei seinerzeit an den europäischen Höfen mit Gold aufgewogen worden.

Besondere Tiere hat die Region auch mit den Baikalrobben zu bieten, den weltweit einzigen Süßwasserrobben. Sie ernähren sich unter anderem vom Baikal-Ölfisch, einem Fettfisch, der ebenfalls nur in diesem Gewässer vorkommt und sogar hinabtauchen kann bis zum Grund des 600 Kilometer langen Baikalsees, der mit seinen 1 600 Metern Tiefe der tiefste See der Welt ist. An der Oberfläche wiederum dient der Fisch den Robben als willkommene Nahrung.

Die Naturgewalten, die am Baikalsee herrschen, demonstrierten Heike Mall und Roger Just im Kirchheimer Spitalkeller anhand des jahreszeitlichen Wechsels. Während der See im Sommer ruhig und friedlich daliegt, peitschen ihn die Herbststürme gewaltig auf: "Deshalb hat jeder Baikalkapitän auch großen Respekt vor dem See." Jeder kenne Geschichten von Menschen, die den Stürmen und dem See zum Opfer gefallen sind. Lange wehre sich der See gegen den Frost, wenn die Ufer ringsum schon längst im Schnee versinken. Umgekehrt sei der See im Frühjahr noch lange mit Eis bedeckt, wenn an den Ufern schon längst die Vegetation erwacht ist.

Fischer und Touristen befahren den zugefrorenen Baikalsee im Winter mit Autos, Motorrädern oder Mountainbikes. Die bizarren Eisformationen zeigen, wie das Wasser gleichsam in voller Bewegung erstarrt. Andererseits beschreibt Heike Mall das Eis des Baikalsees als klar und durchsichtig wie kaum ein anderes Eis. Dasselbe gilt übrigens für das Wasser des Sees generell. Es hat fast überall Trinkwasserqualität. Dafür sorgen einerseits besondere Krebse, die das Wasser säubern, und andererseits die Kälte, die mit der Tiefe zusammenhängt. Darauf verweist Heike Mall ebenso wie auf die Problematik, dass eine Zellulosefabrik im Süden die Umwelt stark bedroht.

Insgesamt aber sei die Natur über weite Strecken des Baikalufers hinweg noch gänzlich unberührt. Speziell im nördlichen Teil gebe es vielfach weder Siedlungen noch Straßen. Und auch stillgelegte Streckenteile der legendären Transsibirischen Eisenbahn hole sich die Natur zurück. Für Wanderer indessen seien genau diese Strecken ideal, um sich Teile des Baikalufers selbstständig und zu Fuß zu erschließen: Entlang der Schienen könne man nicht verloren gehen, und früher oder später tauchen auch Siedlungen auf. Aber beim romantisch-abenteuerlichen Campen in der Wildnis kann sich bei europäisch geprägten Trekkingtouristen dann vielleicht doch das Gefühl einstellen, einer kalten und unwirtlichen Umwelt ausgesetzt zu sein Klischee hin oder her.

INFOHeike Mall hat vier Jahre lang an der Universität in Irkutsk unterrichtet, und ihr Mann Roger Just, der in Hochwang aufgewachsen ist, hat in Sibirien Erziehungsurlaub gemacht. Wann immer es ging, haben sie gemeinsam mit ihren Kindern die Region rings um den Baikalsee bereist und an ihrem Reiseführer geschrieben. Nähere Informationen gibt es auf der Website www.baikalsee.net. Die Volkshochschule Kirchheim bietet im August eine Reise an den sibirischen See an. Informationen dazu sind unter der Telefonnummer 0 70 21/97 30 32 erhältlich.