Kirchheim

Weihnachtsjubel ohne Erdenschwere

Konzert Die Stuttgarter Hymnus-Chorknaben und das Stuttgarter Kammerorchester bringen das Publikum in der Martinskirche zum Frohlocken. Von Winfried Müller

So jung und schon so tonsicher: DIe Stuttgarter Hymnus-Chorknaben. Foto: Markus Brändli
So jung und schon so tonsicher: DIe Stuttgarter Hymnus-Chorknaben. Foto: Markus Brändli

Das Weihnachtsoratorium ist rund um den Globus der wohl verlässlichste Bestandteil des weihnachtlichen Konzertbetriebs und wird von Musikern wie Hörern geschätzt - wegen der lebendigen und faszinierenden Vertonung der Weihnachtsgeschichte und der vielen bekannten Weisen, die Bach als „Stimme des Volkes“ eingebaut hat. Dieses Jahr stellten sich der Hymnus-Knabenchor und das Stuttgarter Kammerorchester, unter der Leitung von Rainer Johannes Homburg, der Aufgabe in der voll besetzten Kirchheimer Martinskirche. Es standen die Kantaten I, III, und VI des ursprünglich für sechs Tage konzipierten Werks auf dem Programm.

Intonationssicher, doch etwas verhalten, begann der Chor mit Bachs vertonter Freude an der Geburt des Erlösers. Mit guter Textverständlichkeit und schlanker Tongebung sangen die etwa 70 Knaben und jungen Männer. Die überwiegend jugendlichen Sänger ließen im Eingangschor etwas an Durchschlagskraft und strahlendem Glanz vermissen. Dieser wurde vom exzellenten Orchester, an der Spitze das Trompetenensemble Wolfgang Bauer, mit Gregor Daszko an den Pauken hervorragend transportiert.

Der Rolle des Evangelisten, des Erzählers der Weihnachtsbotschaft, ist ein großer Teil des Werkes anvertraut. Der Tenor Andreas Post gestaltete die Partie wortverständlich und höhensicher. Mit seinem lebhaftem und fesselndem Vortrag leuchtete er alle Nuancen des Textes aus und stach auch in seiner Arie mit stupender Atemtechnik heraus. Helene Schneidermann, Mezzosopran, sang die bekannte Arie „Bereite dich Zion“ mit warmer Stimmgebung und schöner Phrasierung. Das zügig gewählte Tempo kam dem Stück entgegen und erlaubte ein federnd, pulsierendes Musizieren.

Wunderbar getragen wurde die Arie durch das Stuttgarter Kammerorchester. Ausgewogen in den verschiedenen Orchesterfarben mit einer schön grundierenden Continuogruppe, hervorragend intonierenden Holzbläsern, warmen Streichern und strahlend glänzenden Trompeten bildeten sie das Fundament. Im Choral und Rezitativ „Er ist auf Erden kommen arm“, wechseln sich Bass und Chorsopran in der Textverkündigung ab. Thomas Laske, Bass, war dabei ein prägnant gestaltender, schönstimmiger Interpret mit vielen Stimmfarben. Die Soprangruppe agierte mit zarter Zurückhaltung. Majestätisch triumphierend erklang die Arie „Großer Herr und starker König“ in guter Ausgewogenheit zwischen Orchester, brillanter Solotrompete und packendem Zugriff des Solisten. In der Wiederholung flocht der Bassist gekonnt Verzierungen ein, der barocken Aufführungspraxis der damaligen Zeit entsprechend.

Eine über 100-jährige Tradition

Auf eine über 100-jährige Tradition zurückblickend, wird die Erfolgsgeschichte der Stuttgarter Hymnuschorknaben unter der aktuellen Leitung von Rainer Johannes Homburg fortgeschrieben. Mit 220 Mitgliedern im Alter von fünf bis etwa 25 Jahren, gestaltet das Ensemble jährlich rund 50 Konzerte. Die Stärke des Chors bestand an diesem Abend in der Ausgewogenheit des Klanges, wobei Sopran und Tenor klanglich leicht unterrepräsentiert waren, sowie in der intonationssicheren, plastischen Textgestaltung. Unterstützt und gefördert wurde das durch die präzisen Einsätze, wie beim heiklen Choreinsatz „Lasset uns nun gehen“, und klaren Dirigiergesten Rainer Homburgs. Der Chor überzeugte besonders in den Chorälen mit homogenem Gesamtklang, klarer Artikulation und angemessener Schlichtheit. Überhaupt zeichneten sich die „Hymnianer“ durch natürliches, druckloses, intonationssicheres Singen aus. Auch wenn die ausgedehnten Arien bei dem einen oder anderen jungen Sänger für Ermüdungserscheinungen sorgten.

Das Duett „Herr, dein Mitleid“ vereinigte den hellen, klaren Sopran von Angelika Lenter und den deutlich zeichnenden lyrischen Bariton Thomas Laskes zu einem stimmigen und ausgewogenen Miteinander, durch die Oboe d‘amore wunderschön koloriert. Ihre Arie im sechsten Teil, mit der herrlich gestaltenden Solovioline von Susanne von Gutzeit, sang Lenter auf strömendem Atem souverän, neigte jedoch zu gelegentlichen Schärfen im hohen Stimmregister. Schade, dass der zweite Teil des Werks nicht zur Aufführung kam, man hätte gerne auch länger zugehört.

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