Lokale Kultur

Welch wilder Osmane

Fatih Çevikkollu macht die Bastion zum Wartesaal des Himmels

Kirchheim. Geht es um Comedy, hilfreiche Lebensberatung oder politisches Kabarett? In seinem neuen Programm „Fatih unser“ bot Fatih Çevikkollu, Kölner Kabarettist mit türkischem Migrationshintergrund, alles in einem. In der Kirchheimer Bastion war er am Publikum so nahe dran wie selten.

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Gerade noch war er mit dem Fahrrad zum Bäcker unterwegs. Doch bei seinem Unfall half ihm auch nicht, dass er privat versichert war. Nun ist Fatih Çevikkollu im Wartesaal des Himmels angelangt. Und er ist ein wenig enttäuscht. „Es ist schön hier, aber das Paradies habe ich mir anders vorgestellt“, begrüßte der Kabarettist ganz in Weiß seine Zuschauer in der vollgepackten Bastion. Die außergewöhnliche Nähe war nicht nur räumlich. Wiederholt kam es zu kleinen Dialogen, bei denen Çevikkollu viel Schlagfertigkeit bewies.

Warum bin ich hier, fragte sich das Unfallopfer. Er sei doch ein Guter, habe Frau und Kind, nie FDP gewählt und immer seinen Müll getrennt. Es muss eine Verwechslung sein, war Çevikkollu überzeugt: „Wir Türken sehen von oben alle gleich aus: schwarze Haare, cooler Gang, intelligentes Charisma.“

Klar, er sah die Dinge realistisch: Der Körper zerfalle, im Durchschnitt halte er 75 Jahre. Mit 55 Jahren noch wie 25 aussehen zu wollen, sei daher ziemlich peinlich. Statt viel in Kosmetik zu investieren, riet er zur Arbeit am Charakter. Ex-Kanzler Helmut Schmidt werde schließlich nicht wegen seines Hinterns oder seines Bizeps beachtet, sondern weil er etwas zu sagen habe.

Befreiend rechnete Çevikkollu mit „Heidi Klums Knochenkarussell“ und den Punkten der Weight Watchers ab, nannte diese das „Flensburg der Speckröllchen“. Er warnte seine Zuschauer: „Die Modewelt wird von homosexuellen Männern beherrscht, denen ist egal, wie Frauen aussehen.“ Sein Rat: „Wenn du dich wohlfühlst, ist alles gut.“

Ob auch alles gut ist mit dem weltweiten Ansehen der Deutschen? „Nein, ich bin kein Nazi, ich hasse nur Griechen.“ Die Namensliste der deutschen Nationalmannschaft höre sich an wie die Nachtschicht bei McDonalds, befand Çevikkollu. Trefflich zitierte er, wie begeisterte Deutsche in früheren Zeiten sein Programm kommentiert hätten: „Wohlan, wohlan, spiele er auf. Welch ein wilder Osmane!“

Manche seiner politischen Töne erinnerten an Georg Schramm. Wa­rum in Deutschland trotz der erschreckenden Zustände die Revolution ausbleibt? Çevikkollu weiß es nicht. Geht es uns zu gut? „Ich bin die Angela, der Euro ist sicher“, verkündete die Kanzlerin, zum Mitglied der Augsburger Puppenkiste geworden. Puppenkistenkollege Philipp Rösler versprach, der FDP neue Inhalte zu geben, dann verstummte er, schaute in seine Hand: „Mehr Text habe ich nicht.“

Çevikkollus Texte waren treffsicher, weckten weitere Fragen: Wer zieht eigentlich im Hintergrund die Fäden, wer schrieb das Drehbuch, wenn dem Volk mal wieder Politik vorgespielt wird?

Facebook ist für Çevikkollu „geregelte Einsamkeit“. Wer das für ein soziales Netz halte, der „hält auch den Griff in die Steckdose für eine Wellnesskur.“ Offline sei die Realität, betonte der Kabarettist, der die Pinnwand von Facebook als „Jobbörse für Einbrecher“ empfahl.

Von Brüchen lebt auch der Kölner Autoknacker, den Fatih Çevikkollu nun anschaulich spielte. Den Auftrag zum Klau einer Ente musste er als völlig unter seiner Würde empfinden: „Die kann man ja nicht einmal abschließen.“

Immer wieder suchte Fatih Çevikkollu nach Gründen, warum er zurück ins Leben darf. Schließlich erzählte er dem Schöpfer von seiner fünf Jahre alten Tochter: „Ich muss zurück, ich komme in 15 Jahren wieder.“ Er beschrieb die Zerrissenheit des Mannes, der um Anerkennung kämpft, zu kompensieren versucht, dass er seine Familie andauernd für die Jagd verlassen muss. Im Publikum suchte Çevikkollu nach dem Vater, der kein schlechtes Gewissen hat. Ja doch, ein einziger Glücklicher meldete sich.

Glücklich war auch Çevikkollu, als er nach zwei Stunden Programm zurück ins irdische Leben durfte. Er teilte dieses Leben gerne für weitere 20 Minuten mit dem Publikum, beantwortete Fragen zu seinen Schuhen und zur Zeitungslektüre und gab eine Leseprobe aus seinem Buch zu Gehör. Für die türkischstämmigen Zuhörer gab es einige Sätze in ihrer Muttersprache.

Trotz des Titels ist „Fatih unser“ kein religiöses Programm und fern jeder Verunglimpfung des Glaubens – was berechtigte Seitenhiebe gegen das fromme Bodenpersonal nicht ausschloss. Ohne den Maulkorb der „political correctness“ förderte Fatih Çevikkollu das Verständnis zwischen den Kulturen. Seit 49 Jahren wohne sie in Kirchheim, meinte eine türkische Frau nach der Aufführung, nun sei sie zum ersten Mal in der Bastion gewesen.