Lokale Kultur

Wenn alles ins Leere läuft

Erfolgsautorin Karen Duve stellte in Kirchheim ihren neuen Roman „Taxi“ vor

Kirchheim. So mies gelaunt wie Karen Duves Protagonisten in ihrem vierten Roman „Taxi“ dahergefahren kommen, ist sie selbst glücklicherweise nicht. Trotz starker Erkältung

Brigitte gerstenberger

– „wir können gerne gemeinsam husten“ – stieg die Autorin im Kirchheimer Buchhaus Zimmermann ohne Umschweife, und freundlich hüstelnd in ihr neuestes Werk ein.

Karen Duve, von Rezensenten zuweilen als Meisterin der „Schlechten-Laune-Beschreibung“ gewürdigt, weiß als ehemalige Taxifahrerin tatsächlich, wovon sie spricht. 13 Jahre fuhr sie durch Hamburgs Straßen, bevor sie 1999 ihr schriftstellerisches Debüt mit ihrem „Regenroman“ vorlegte.

Zwodoppelvier, unter dieser Nummer wird Alexandra Herwig, die Hauptfigur im Taxi-Roman, per Funk gerufen. Bei 244 – so nennen sie ihre Kollegen, oder kurz auch Alex, als wäre sie ein Mann, – ist einfach Schluss mit lustig. Sie ist eine frustrierte junge Frau, die sich im Hamburg der 80er-Jahre mehr recht als schlecht als Taxi-Fahrerin über Wasser hält.

Karen Duves Heldin macht nichts aus Überzeugung. Sie ist ein willenloses Geschöpf, das nach dem Abitur und einer abgebrochenen Ausbildung mehr oder minder ziellos und zuweilen eher temporeich auf der Überholspur durchs Leben schlittert.

So holpert Karen Duves Antiheldin Alex durch siebenundsechzig Episoden, bremst, wendet und schlingert. „Ich konnte mir immer noch nicht die Straßennamen merken. Anfangs hatte ich gedacht, das würde sich mit der Zeit geben. Wenn ich erst eine Weile gefahren war, würde ich sie alle drauf haben. Aber inzwischen fuhr ich ja fast schon ein Jahr lang, und es wurde eher schlechter als besser“.

Die Ich-Erzählerin kommt auch bei ihren Beziehungskisten gewaltig ins Straucheln. Da wäre zum Beispiel Dietrich, der Taxi fahrende Intellektuelle. „Dietrich fand, dass ich lesen sollte. Er kam mit einem ganzen Stapel Bücher an. Hast du überhaupt schon irgendwas gelesen außer diesem Schimpansen-Kram? Alles, was ich kannte, war das Gesamtwerk von Jack London und jedes Buch über Menschenaffen, das auf dem deutschen Markt zu bekommen war“. Dann gibt es noch Majewski, den Draufgänger und Frauenhelden, und Marco, den kleinwüchsigen Psychologiestudenten, der so gut küssen kann.

Lachen und Verzweiflung, das Leben als Albtraum und schwarz-humoriger Spaß, Anekdoten, erzählt in bester Shortstory-Manier, menschliche Begegnungen, die bei einem Taxiroman naturgemäß im Episodischen verbleiben.

Zu „44 Prozent autobiografisch“, ordnet Karen Duve ihren neuen Roman ein, dessen detailliert geschilderte Beobachtungen von der Vielfalt menschlichen Verhaltens und Versagens handeln, die sich auf dem Beifahrersitz und der Rückbank eines Taxis abspielt. Vor allem das groteske Gehabe mancher Männer in ihrem seltsamen Kampf gegen Komplexe und Konkurrenten, setzt die Autorin mit beißendem Sprachwitz in Szene. „Als Schimpanse in einer Schimpansenhorde wäre er ein unbeliebtes, aber respektiertes Alphatier gewesen, das alle Weibchen für sich beansprucht und alle männlichen Schimpansen in Angst und Schrecken versetzt hätte“, lästert Karen Duves Ich-Erzählerin über einen ihrer Fahrgäste.

Mit ihrem Verzicht auf jeglichen Pathos und feminine Empfindsamkeiten und der Entscheidungsschwäche ihrer weiblichen Figuren, voran die ambitionslose, zunehmend depressiver werdende Alex, wird das Verhängnis eines Lebens, das ins Leere läuft, mit gnadenlosem Sarkasmus geschildert. Nun denn, wie sagte doch einst der erfolgreiche britische Film-Fernsehproduzent Duncan Ken­worthy zu einem seiner Drehbuchautoren „Sie müssen sich entscheiden, ob sie über Träume oder Albträume schreiben wollen“.

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