Kirchheim

Wenn der Teledoktor anruft

Testphase In Stuttgart und im Kreis Tuttlingen können Patienten ihre Daten und gesundheitlichen Beschwerden telefonisch oder über eine App durchgeben. Nicht alle hiesigen Ärzte sind davon begeistert. Von Heike Siegemund

Mit dem Abhören wird es wohl schwierig, doch zumindest kann man dem Arzt über Telefon oder App die Symptome mitteilen. Das erset
Mit dem Abhören wird es wohl schwierig, doch zumindest kann man dem Arzt über Telefon oder App die Symptome mitteilen. Das ersetzt zwar nicht den persönlichen Kontakt, doch kann es erste Befürchtungen eingrenzen.Fotomontage: Carsten Riedl

Wer kennt das nicht: Zusammen mit vielen anderen Patienten sitzt man in der Arztpraxis und wartet, bis man endlich drankommt. Wäre es da nicht einfacher - zumindest bei banaleren Krankheitsfällen - von zu Hause aus oder unterwegs schnell zum Smartphone zu greifen, über eine App seine Daten und Beschwerden durchzugeben und auf den Anruf eines Teledoktors zu warten, der einen kurze Zeit später berät?

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Dieser Möglichkeit der Telemedizin steht Dr. Wolf-Peter Miehe, Weilheimer Facharzt für innere Medizin, eher skeptisch gegenüber: „Behandeln am Telefon ist schwierig, beraten möglich.“ Dem Weilheimer ist ein persönlicher Kontakt zu seinen Patienten wichtig. „Ich bin ein großer Verfechter einer guten Arzt-Patienten-Beziehung.“ Doch auch er biete seinen Patienten bereits seit Jahren viermal wöchentlich eine Telefonsprechstunde an, die überaus gut angenommen werde. Diese diene aber nicht dem Erstbefund, sondern dem Folgekontakt. „Es werden zum Beispiel Laborbefunde oder das weitere Vorgehen besprochen. Eine Diagnostik übers Telefon halte ich für problematisch“, sagt Miehe.

Angesichts der Tatsache, dass die Ärzte „nicht mehr werden“, dafür aber die Patienten, und dass die Krankheitsbilder immer komplexer seien, versuche man, die E-Medizin zu etablieren. Dafür hat Miehe Verständnis. Seiner Meinung nach wäre es aber besser, darauf zu achten, dass die ärztliche Infrastruktur erhalten bleibe. Hierzu müsse der Arztberuf wieder attraktiver werden. „Die Politik schafft keine guten Rahmenbedingungen und macht uns das Leben schwer“, verweist er auf bürokratische Aufgaben. Hier müsse man ansetzen - denn, wie er erfahren hat, stehen allein in der Teckregion in den nächsten zwölf Monaten fünf Schließungen und Aufgaben von Hausarztpraxen an.

Generell verschließt sich Miehe der Digitalisierung, die auch im Gesundheitswesen unaufhaltsam ist, aber nicht: „Es gibt zum Beispiel auch Herzschrittmacher oder Defibrillatoren, die man online überwachen kann. Das verbessert die Versorgungsqualität der Patienten.“ Technisch gesehen werde auch die Telemedizin Zukunft haben, „aber ich bin mir nicht sicher, ob sie am Ende gut ist für die Menschen“.

Arztkontakt ist entscheidend

Ähnlich sieht das der Kirchheimer Internist Dr. Thomas Löffler: „Die Digitalisierung schreitet fort. Ob uns das in allen Fällen immer gut tut, ist sehr die Frage.“ Trotzdem müsse man dieser Entwicklung offen gegenüberstehen. Denn es gebe Bereiche, in denen die Digitalisierung segensreich sei. Auch Löffler verweist zum Beispiel auf die Herzschrittmacherkontrolle via Netz. „Was Patienten jedoch hier eher beklagen, ist der fehlende Arztkontakt, das fehlende Gespräch.“ Mit Blick auf die Telemedizin betont er: „In einem Land der großen Bevölkerungsdichte und mit vergleichsweise hohen Arztzahlen wäre der Wegfall eines persönlichen Kontaktes in vielen Fällen abträglich.“ Diese Art der Behandlung könne nur einen Teil des Informationsaustausches erfüllen; man könne zum Beispiel Untersuchungsergebnisse besprechen. „Das Wesentliche in der Arzt-Patienten-Beziehung aber bleibt der persönliche Kontakt.“

Das bestätigt Thorsten Lukaschewski, Vorsitzender der Ärzteschaft Nürtingen: Er hat Verständnis dafür, dass sich die „Generation Smartphone“ die Möglichkeit der Telemedizin wünscht; trotzdem „wird dies nie zu 100 Prozent den Besuch beim Arzt ersetzen können“. Doch letztlich sei nicht die Frage, ob man das Projekt gut finde oder nicht - „denn es läuft schon lange, zum Beispiel in der Schweiz, und wir sind unter Zugzwang, es ebenfalls umzusetzen. Das ist eine Zukunftsentwicklung“, sagt Thorsten Lukaschewski.

Telearzt kann auch beruhigen

Ein Telearzt könne den Patienten auch eine gewisse Sicherheit geben, „denn viele können eine leichte Infektionskrankheit nicht mehr von lebensbedrohlichen Krankheiten unterscheiden“. Das hänge damit zusammen, dass zahlreiche Menschen im Internet Rat suchen. „Dr. Google ist keine Hilfe für unser Gesundheitssystem - ganz im Gegenteil. Denn man muss zunächst wissen, welche Diagnose man hat. Hier sehe ich den größten Benefit der Telemedizin.“ Sie stelle außerdem eine große Entlastung für die Notfalldienste und -ambulanzen dar. Deshalb werde sie einen festen Stellenwert haben, ist sich Lukaschewski sicher. Das Schweizer System werde übrigens schon jetzt von etlichen Patienten auch aus Baden-Württemberg genutzt. Die Bezahlung erfolgt hier privat. Beim Modellprojekt in Baden-Württemberg übernehmen die Krankenkassen die Kosten.

Andere Länder, andere Sitten - auch in der Medizin

Die Telemedizin gibt es bereits in anderen Ländern, etwa in der Schweiz. Jetzt hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) des Landes hat beschlossen, den Modellversuch „Docdirekt“ in Stuttgart und im Landkreis Tuttlingen zu starten. Das Pilotprojekt, das sich an Kassenpatienten richtet, läuft seit 16. April. Medizinische Fachangestellte der KV nehmen die Daten und das Beschwerdebild der Patienten aus den Testgebieten auf, die sich per App, Videotelefonie oder Telefonanruf melden können. Sie veranlassen den Rückruf von einem Telearzt. „Der Vorteil: Man kann schnell etwas abklären und eine erste Einschätzung am Telefon erhalten, wenn man seinen Arzt nicht erreicht oder nicht im Wartezimmer sitzen will“, erklärt KV-Sprecherin Swantje Middeldorff. Das Angebot richte sich sicherlich nicht an chronisch Kranke, aber bei leichteren Fällen sei es hilfreich. So könnten auch die Notfallambulanzen entlastet werden. Diese seien oft mit Patienten überfüllt, die dort nicht hingehörten.

Grundsätzlich positiv steht der CDU-Bundestagsabgeordnete und Gesundheitspolitiker Michael Hennrich dem Projekt gegenüber. Die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum stehe vor neuen Herausforderungen, denn die Ärzte ziehe es eher in die Ballungszentren. Außerdem schreite die Digitalisierung auch im Gesundheitswesen voran, und dies wolle man nicht nur den amerikanischen Großkonzernen überlassen. „Die Ärzte wollen die Digitalisierung selber mitgestalten.“

Manche Dinge kann man über die Teleärzte sinnvoll abklären. Das persönliche Vorstellen beim Arzt ist aber nach wie vor wichtig. „Es handelt sich um einen Modellversuch: Man will sehen, ob Telemedizin eine sinnvolle Ergänzung darstellen kann.“ Die Erfahrungen aus der Schweiz seien positiv. „Ich finde es gut, wenn man bereit ist, neue Wege zu gehen“, betont Hennrich. Auch deshalb habe die Ärzteschaft im Land die Initiative gestartet. „Das ist auch im Sinne einer guten Patientenversorgung.“ hei