Lokale Kultur

Wenn ein Vortragssaal zur einsamen Insel wird . . .

KIRCHHEIM Dass der Beruf des Schauspielers weit größere Herausforderungen bereithält, als die ständige Präsenz auf Titelbildern und das eher unspektakuläre Mitwirken an täglich aufs Neue versendeten Vorabendserien vermuten lassen, wurde

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WOLF-DIETER TRUPPAT

all den Schülerinnen und Schülern eindrucksvoll vor Augen geführt, die gestern im Rahmen der Kirchheimer Kinder- und Jugendtheaterwochen in der Stadtbücherei in gleich zwei Aufführungen die Abenteuer des Robinson Crusoe miterleben konnten.

Theaterbegeisterte Besucher aus Bissingen und Lenningen waren gleich im Klassensatz der Einladung gefolgt, sich im Vortragssaal der Kirchheimer Stadtbücherei von Mitgliedern der Württembergischen Landesbühne Esslingen (WLB) auf eine einsame Insel entführen zu lassen. Auch wenn sicher alle schon einmal von der Geschichte des im englischen York geborenen Abenteurers gehört hatten, der als einziger Überlebender eines Schiffsunglücks 28 Jahre lang auf einer einsamen Insel ausharren musste, bevor er wieder in die "heile Welt" der Zivilisation zurückkehren konnte, genossen sie offensichtlich, was ihnen Martin Frolowitz da in einem wahren Kraftakt präsentierte.

Unterstützt von Jens Kramer, der immer im richtigen Moment für die passenden Zuspieltöne sorgte und damit wesentlich zur stimmigen Atmosphäre beitragen konnte, belegte das von Regisseurin Heidrun Warmuth für Kinder ab zehn Jahre eingerichtete Stück, dass Theateraufführungen nicht nur den Akteuren viel Fantasie und Einfallsreichtum abverlangen, sondern auch davon abhängig sind, dass das Publikum zur Mitarbeit bereit ist, die Bühnenrealität entsprechend zu erweitern und sich einen Tisch und einen darauf stehenden Stuhl tatsächlich auch als Hügel und Höhle zurechtzudenken.

Welch eindrucksvolle Leistungen einem Schauspieler abverlangt werden, der nicht nur viel Text beherrschen, sondern auch unterschiedlichste Illusionen transportieren und etwa durch nicht vorhandenes Wasser schwimmen oder um fiktive Feuer tanzen muss, machten die gestrigen Aufführungen deutlich.

Dass WLB-Schauspieler Martin Frolowitz die schweißtreibende und viel Kondition fordernde Aufgabe souverän meisterte, kam nicht von ungefähr. Am gestrigen Nachmittag wurde in Kirchheim das seit drei Jahren auf dem Spielplan stehende Stück schon zum 50. Mal aufgeführt.

Knapp dem Tod im eiskalten Wasser entkommen, hüllt sich der an den Strand gespülte Robinson in Ziegenfellhosen und -jacke, macht eine Tasche zum Hut und "irgendwelche Ziegenfell-Dinger" zum Socken- und Schuhersatz. Ein Tisch wird zum Floß, ein Schirm unter anderem zum Paddel und ein Stück Gurke zum Modell eines Einbaums, der ihm die Flucht von seinem Eiland ermöglichen soll.

Was alles durch die Kraft der Fantasie möglich ist, wurde gestern im Vortragssaal der Stadtbücherei eindrucksvoll in dieser kräftezehrenden Ein-Mann-Schau vor Augen geführt, die dem jugendlichen Publikum Robinsons Schicksal vielleicht näher bringen konnte, als irgendwelche Filmadaptionen, die auf dem 1719 erschienenen Roman von Daniel Defoe und den darin wiedergegebenen Erlebnissen des Seemanns Alexander Selkirk basieren.