Lokale Kultur

Wenn Kunst das Leben ist und die Provinz ein Fluch

KIRCHHEIM Gute Bücher schreiben sich nicht von selbst, gute Sachbücher schon gar nicht. Akribischer Fleiß und ein glückliches Händchen bei der Quellensuche sind wichtige Erfolgsgaranten. Barbara Beuys, die Großnichte des berühmten Joseph Beuys, präsentierte im KirchheimerBuchhaus Zimmermann ihre beiHanser erschienene und zurecht

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WOLF-DIETER TRUPPAT

hochgelobte Biografie von Paula Modersohn-Becker, deren Todestag sich am 20. November 1907 zum hundertsten Mal jährt. Sie verstand es dabei ausgezeichnet, in der kurzen ihr zur Verfügung stehenden Zeit, den vielen Besuchern mit ihrem ruhig und uneitel präsentierten Vortrag ungemein viel Wissens- und Nachdenkenswertes mit auf den Weg zu geben.

Die promovierte Historikerin, Philosophin und Soziologin gewährte mit ihrem Vortrag zugleich auch eindrucksvolle Einblicke in ihre akribische Forschungsarbeit. Immerhin 300 per Fernleihe ausgeliehene und mit handwerklicher Gewissenhaftigkeit kopierte Arbeiten wurden von ihr mit wissenschaftlicher Akuratesse exzerpiert, bevor sie mit dem Schreiben begann. Das eindrucksvolle Verhältnis von rund 300 im Vorfeld durchgeackerten Büchern zu unter 350 in entsprechender Faktendichte präsentierten Seiten geben unmissverständliche Hinweise darauf, welch gewaltige Arbeit zwischen den beiden Buchdeckeln steckt.

Barbara Beuys konnte an diesem Abend in der Reihe "Literarische Begegnungen und Informationen" überzeugend darstellen, wie wenig sie eigentlich von all ihrem Wissen über die mit 31 Jahren verstorbene Künstlerin Paula Modersohn-Becker und ihre Zeit in der Lesung vermitteln konnte. Sie verstand es aber ausgezeichnet, Appetit zu machen auf eine hochgelobte Biografie, die erstmals auch die ersten zwölf Lebensjahre der interessanten Persönlichkeit beleuchtet, und die Besucher ihrer Lesung mit dem Gefühl entließ, nicht nur sehr viel neues über Paula Modersohn-Becker erfahren zu haben, sondern sie sehr gut zu kennen und in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit auch zu verstehen. Ohne jede emanzipatorische Polemik belegte die belesene Referentin, gegen welch enorme Widerstände die selbstbewusste Künstlerin Paula Modersohn-Becker hatte ankämpfen müssen, deren Kunstwerke erst nach ihrem Tod von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden konnten.

In den knapp zehn Jahren vor ihrem Tod hat Paula Modersohn-Becker ein gewaltiges Werk geschaffen, das an Cezanne, Gauguin, Matisse und van Gogh anknüpfend vor allem ungemeine Parallelitäten zum Schaffen des frühen Picasso aufzeigt. Neben der emanzipierten Künstlerin, die die herrschende Kunstkritik provoziert und mit dem ersten von einer Frau gemalten lebensgroßen Akt nachgerade schockiert hatte, zeichnet Barbara Beuys auch ein ungemein vielschichtiges Bild einer sensiblen Frau, die enorm unter der Enge ihrer Ehe und des provinziellen Lebens in der Worpsweder Künstlerkolonie bei Bremen litt.

Ein erster von Ehemann Otto Modersohn akzeptierter Besuch in der Metropole Paris öffnete ihr eine bislang fremde und sie ungemein inspirierende neue Welt, die Paula Modersohn-Becker vor Arbeits- und Lebenslust fast bersten lässt und ihr die unvermeidbare Rückkehr an den heimischen Herd und zu ihrem Ehemann fast unmöglich macht. Immer öfter will sie dann auch dorthin zurück, wo sie in einer ihr ganzes Leben verändernden Begegnung ihre künstlerische und intellektuelle Heimat gefunden hat.

Als selbstbewusste Künstlerin, die Nüchternheit mit Spiritualität verbindet, mit Rainer-Maria Rilke befreundet ist und Friedrich Nietzsches "Zarathustra" studiert, hat sie sich und ihr ganzes Leben und künstlerisches Schaffen der Moderne verschrieben. Rund 750 Bilder und 1400 Handzeichnungen hat sie nach ihrem frühen Tod hinterlassen, Arbeiten, von denen niemand geahnt hatte, wie revolutionär sie sind.

In Dresden aufgewachsen, erlebt Paula Becker bei ihrem von April bis Dezember 1892 währenden Aufenthalt in England eine schwierige aber wegweisende Zeit. In Berlin, wo sie ihre künstlerische Ausbildung absolviert, atmet sie Urbanität und kommt erstmals intensiv mit der Avantgarde in Kunst und Literatur in Berührung. Zur wahren Heimat wurde ihr aber die französische Hauptstadt, deren Faszination sie sich genauso wenig entziehen konnte, wie der mit der Rückkehr nach Worpswede zementierten Ehe, aus deren Fesseln sie sich eigentlich hatte befreien wollten.

Kurz nach der Geburt ihrer am 2. November 1907 zur Welt gekommenen Tochter Mathilde stirbt die Künstlerin Künstlerin Paula Modersohn-Becker. Eine Embolie hatte einen Herzschlag ausgelöst. Nach einigen schweren Atemstößen konnte die inzwischen populär gewordene, aber immer noch unterschätzte Wegbereiterin der modernen europäischen Malerei nur noch sagen: "Wie schade . . .".