Lokale Kultur

Wer "kloppt" sich schon jeden Tag auf die Finger?

KIRCHHEIM "Alkohol ist ein Gift, das aufs Gehirn geht: Alkohol macht doof." In aller Deutlichkeit beschreibt Heinz Diedenhofen vom Ein-Mann-Animations-Theater Hein

Anzeige

ANDREAS VOLZ

Knack das Problem des Alkoholmissbrauchs. Sein Publikum im Kirchheimer Jugendhaus Linde besteht aus Jugendlichen, die vom Alter her gerade ihre ersten Bekanntschaften mit dem Alkohol und dessen Dosierung machen dürften. Einige sammeln im Rahmen der Kinder- und Jugendtheaterwochen "szenenwechsel" wohl auch gerade erste Erfahrungen mit dem Theater. Da kann es schon passieren, dass Heinz Diedenhofen alias "Der Blaumann" einen dauerhaft quasselnden Zuschauer aus dem Saal weist, mit der Bemerkung: "Ich bin kein Fernseher, ich bin ein Mensch. Du weißt wohl nicht, was eine Live-Veranstaltung ist."

An dieser Stelle fällt der "Blaumann" unabsichtlich aus der Rolle. Später, nach dem Ende der eigentlichen Aufführung, verwandelt er sich absichtlich in den Menschen Heinz Diedenhofen, der sein Publikum nicht nur unterhalten, sondern auch belehren möchte. Das Belehren freilich geschieht nicht mit erhobenem Zeigefinger, "Blaumann" Diedenhofen ist kein Moralapostel. Sonst könnte er sich seinen Auftritt sparen. "Mir geht's nicht darum, den Alkohol ganz zu verteufeln", klärt er sein Publikum im abschließenden Bühnengespräch auf: "Alkohol gehört zu unserer Kultur, und Alkohol genießen ist okay. Aber Genießen hat was mit wenig zu tun."

Wer zu viel Alkohol erwischt hat, dem gibt sein Körper unmissverständliche Signale. Heinz Diedenhofen hält einen Vergleich bereit: "Wenn ihr euch mit dem Hammer auf den Finger haut, gibt euch euer Körper auch ein Signal. Was haltet ihr von jemandem, der sich jeden Tag auf die Finger kloppt?" Mitsaufen könne "jeder Waschlappen, jeder Penner", spart der Schauspieler abermals nicht mit deutlichen Worten. Aber als einziger Nein zu sagen, wenn alle anderen trinken, dazu brauche es Charakterstärke.

Der polternde, grölende, brüllende "Blaumann" hat für so viel Charakterstärke kein Verständnis. Immer wieder bezieht Diedenhofen als "Blaumann" sein Publikum in das Ein-Mann-Theaterstück mit ein. Die Zuschauer sind nicht nur Gäste im Theater, sondern innerhalb des Stücks auch Gäste einer großen Fete. Deshalb tut der "Blaumann" so, als böte er den Jugendlichen Alkohol an. Als einer ablehnt, braust er auf: "Wo bin ich hier gelandet?" lautet seine ewig gleiche Frage, mit der er stets kopfschüttelnd feststellt, dass auf dieser Fete die richtig trinkfesten Gäste fehlen. "Habt ihr das gehört", fragt er das restliche Publikum nach der Abfuhr, "ich biet' ihm was zu trinken an, und der sagt Nein. Hör' mal, willst du mich beleidigen, willste Ärger? Was bist'n überhaupt für'n Typ, haste 'ne Freundin?"

Persönliche Angriffe, Beschimpfungen, Anmache, coole Sprüche daraus bestehen die verbalen Kraftmeiereien, mit denen sich der "Blaumann" seine vermeintliche Stärke ständig selbst beweisen muss. Hinterher entschuldigt sich der Schauspieler Heinz Diedenhofen für die Beleidigungen und Rempler, mit denen seine "Blaumann"-Figur einzelne Zuschauer belästigt hat: "Ich hoffe, ich habe niemanden verletzt."

Der "Blaumann" selbst ist nämlich sehr verletzlich trotz aller Coolness, die er zur Schau stellt. Manchmal verwandelt er sich zum heulenden Elend, zum regelrechten Jammerlappen: Den Traumberuf "Autoschlosser" darf er nicht lernen, stattdessen macht er eine Lehre als Fensterputzer. Der Vater ist arbeitslos, und der "Blaumann" muss zu Hause auch noch die Hälfte seines spärlichen Verdiensts abgeben. Da kann er keine großen Sprünge machen und lediglich träumen vom Surfbrett und dem großen Abenteuerurlaub natürlich nur mit Netz und doppeltem Boden. Weil es außer der gehassten Arbeit und dem geliebten Saufen in seinem Leben nur noch Videos gibt, entwickelt er den Wunschtraum, umschalten zu können, die "Erfolgskassette" einzuschieben. In diesem Wunschfilm ist der "Blaumann" dann plötzlich Autoschlosser und hat eine tolle Freundin.

Die Botschaft des engagierten Theater-Manns aus Hennef bei Bonn ist deutlich. Falls die mehr oder weniger stark überzogene Darstellung des "Blaumanns" von einzelnen nicht richtig gedeutet werden sollte, sagt es der Schauspieler im Bühengespräch noch einmal ganz drastisch: "Nicht die tollen Typen saufen, sondern die Loser, die zukünftigen Verlierer."

Foto: Gerald Prießnitz