Lokale Kultur

„Wer schreibt, bleibt.“

Theater Lindenhof begeistert mit Texten von Robert Gernhardt

Kirchheim. Heiner Kondschak ist ein Erfolgsgarant. Das langmähnige Multitalent aus Tübingen ist je nachdem als Regisseur, Dramaturg,

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Schauspieler, aber vor allem als Musiker erfolgreich tätig. Das hat er an verschiedenen Theatern in der Region bewiesen. So erntete er in Esslingen für seine Bob-Dylan-Hommage Standing ovations.

Eine besondere Beziehung pflegt er zum Theater Lindenhof. Er war bisher dort als Regisseur tätig. Vor zwei Jahren erfüllte er sich den Wunsch, einen Schriftsteller auf die Bühne zu bringen, den er von Jugend an bewundert: Robert Gernhardt, ein Multitalent wie er. Nach seinem Kunst- und Germanistikstudium war Gernhardt als Cartoonist und Schriftsteller tätig, publizierte vor allem in den Satireblättern Pardon und Titanic, das er mitbegründete. Am populärsten sind eigentlich die Texte, die er für den Komiker Otto Waalkes geschrieben hat – unter einem Pseudonym. Kondschak möchte nun diesem Mann, der die humoristische Literatur in Deutschland maßgeblich beeinflusst hat, den ihm gebührenden Stellenwert verschaffen, indem er Texte unter dem Zitat „Ich sprach nachts: Es werde Licht! Aber heller wurd‘ es nicht“ auf die Bühne bringt – kein leichtes Unterfangen, denn es gilt, aus sprachspielerischen Texten theatrale Funken zu schlagen.

Um die Texte zu bündeln, erfindet Kondschak als äußeren Rahmen fünf Dramaturgensitzungen. Eine Frau und zwei Männer suchen ein Konzept, wie man den Texten Gernhardts beikommen könnte. Es werden Themen wie „Tiere“, „große Persönlichkeiten“ oder „letzte Dinge“ vorgeschlagen und dazu passende Gerhardt-Texte vorgetragen beziehungsweise vorgespielt. Damit ein Theaterstück daraus wird, kommen viele Theatermittel zum Einsatz: Der Schauplatz wird begrenzt durch die Wände einer multifunktionalen Redaktionsstube mit der Instrumentenecke links und der oft besuchten Bar rechts. In der Mitte gibt ein großer Rahmen Raum für effektvolle Schattenspiele. Aber vor allem ist es die variationsreiche Begleitmusik Heiner Kondschaks mit Gitarre, Mandoline, Harmonium und Mundharmonika, die Gernhardtverse bühnentauglich machen soll. Das gelingt weitgehend, weil Kondschak „textdienlich“ komponiert hat, als Begleitmusik oder als Lieder.

Die Lieder sind eine Spezialität der voll Power agierenden Constance Klemenz. Berthold Biesinger und Gerd Plankenhorn beweisen ihre Sprachbegabung und ihre schauspielerische Flexibilität in unzähligen Rollenwechseln. Wenn es sein muss, greift Kondschak auch als Schauspieler ein.

Nicht immer gelingt es, im Theaterspiel die Sprachspiele Gernhardts herauszuarbeiten. Außerdem muss das Publikum erst einmal begreifen, dass die Handlung des Theaterstücks aus dem artistischen Spiel mit der Sprache besteht. Gerhardt spielt damit wie ein Kind, das mit Legobausteinen hantiert und immer wieder neu zusammensetzt. Aus dem Wörthersee wird ein „Wörtersee“, aus Raum und Zeit wird „ Reim und Zeit“, aus den Blumen des Bösen „Die Blusen des Böhmen“ und so weiter. Es dauert eine Weile, bis der theatrale Funke ins Publikum überspringt, dann folgt aber Szenenapplaus auf Szenenapplaus. Besonders bejubelt wird die Lesung in Schwäbisch der Weihnachtsgeschichte „Erna, der Baum nadelt“, in der eine Banalität zum Großereignis aufgeblasen wird. Die Schauspieler sitzen vorne am Bühnenrand, endlich einmal nahe an ihrem Publikum, das in der Stadthalle für filigranes Sprechtheater viel zu weit entfernt ist. Jetzt kann es sich die Kondschaktruppe leisten, auch die melancholischen, besinnlichen Texte in zurückhaltender Weise zu präsentieren. Sie stammen von einem Autor, der durch eine Herzoperation und einen Darmkrebs gezeichnet ist und der den nahen Tod spürt. Diese Passage macht glaubhaft, dass Gernhardt nicht nur in die Schublade des Nonsens gehört, sondern als Nachfahre von Heine und Tucholsky gehandelt wird.

Die fast depressive Stimmung darf im Sinne des Autors natürlich nicht das letzte Wort sein. Man kann sich optisch an dem Schattenspiel des Märchens „Die Waldfee und der Werbemann“ ergötzen. Dann leitet ein furioses Finale, in dem Berthold Biesinger und Gerd Plankenhorn beweisen, dass sie auch von Tuten und Blasen eine Ahnung haben, über zu einem begeisterten Schlussapplaus des erfreulich zahlreichen Publikums.

Für einen Teil des Publikums dürfte Gernhardt eine Entdeckung gewesen sein, der konstatierte: „Wer schreibt, bleibt. Wer spricht, nicht“. Die Lindenhöfer haben gesprochen, damit das, was Gernhardt geschrieben hat, bleibt. Und sie haben wieder einmal auf sich aufmerksam gemacht. Das Theater in dem Albdörfchen Melchingen hat sich in dreißig Jahren zu einem bundesweit anerkannten Regionaltheater entwickelt. Der Theatergott will, dass es in dieser Woche noch einmal in Kirchheim in unterhaltsamer Weise präsent ist, und zwar mit den beiden Gründern Uwe Zellmer und Bernhard Hurm: am Sonntag, 1. Februar, um 11Uhr in der Stadtbücherei.