Lokale Kultur

"Wer sich hier nicht freuen kann, lasse sich begraben"

KIRCHHEIM Merkwürdige "Lulu"-Klänge füllten die Kirchheimer Stadthalle bei einem kulturellen Ereignis ganz besonderer Art: Die Sassen des "allzeyt fröhlichen Reyches

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ANDREAS VOLZ

Under Teck" hatten sich selbst sowie Mitschlaraffen aus aller Welt und einige wenige, sorgfältig ausgewählte Gäste aus der "Profaney" zu ihrem 50. Stiftungsfest geladen. Wie immer bei besonders feierlichen Anlässen, waren beim Jubiläumsfestakt auch weibliche Angehörige der Schlaraffen zu Gast, die sich je nach Familienstand und -zugehörigkeit in Kategorien wie "Burgfrauen", "Burgwonnen", "Burgmaiden" oder auch "Burgschrecken" einteilen lassen.

Beim "Lulu" handelt es sich um eine Art "Schlachtruf" der Schlaraffen und um eines von vielen geheimnisvollen Erkennungszeichen. Ob es nun auf Anordnung "dreifach donnernd" erschallt oder ob es als hörbares Zeichen spontaner Begeisterung erklingt wie bei anderen Bevölkerungsscharen oder -schichten etwa ein "Vivat", "Bravo" oder ein "Ole" , das "Lulu" ist weder ein Ausdruck kindlichen Stammelns noch ist es eine Anspielung auf Frank Wedekinds gleichnamige Femme fatale. Mit der Bühne freilich hat es zu tun, waren doch die Prager "Urschlaraffen" vor nahezu 150 Jahren fast ausschließlich Männer vom Theater.

Im Gründungsjahr des allerersten Schlaraffenclubs, 1859, so wird es überliefert, gedachten alle deutschsprachigen Bühnen Friedrich Schillers zu dessen 100. Geburtstag mit Inszenierungen seiner Werke. In "Wallensteins Lager" nun steht der Vers: "Lustig, lustig, da kommen die Prager!" Verständlich, dass die Vereinigung, die zunächst nur in der "Goldenen Stadt" bestand, dieses Schillerzitat besonders gern benutzte. Weil es auf Dauer aber zu unhandlich war, kürzten die Schlaraffen es in zwei wichtigen Entwicklungsschritten deutlich ab. Zuerst grüßten sie sich noch mit "lustig, lustig", bevor sie ihren Willkommensgruß auf das Wesentliche reduzierten, sodass als letzter Rest nur noch die reduplizierte Form "Lulu" übrig blieb.

Ein weiteres Erkennungszeichen der Schlaraffen ist der Uhu, der symbolisch über die Einhaltung der Regeln wacht und der die Zeitrechnung der Schlaraffen maßgeblich beeinflusst hat. "Anno Uhui 98", also vor genau 50 Jahren, wurde das "Reych Under Teck" als "Tochter" des Göppinger Mutter-Reyches "Am Stauffen" gegründet und als Nummer 333 in den weltweiten Verband der Schlaraffenreyche aufgenommen. Wie rund 11 000 andere Schlaraffen in den übrigen 262 Reychen, die derzeit in der allschlaraffischen Stammrolle verzeichnet sind, haben sich die Kirchheimer Sassen seit nunmehr 50 Jahren erfolgreich der Pflege von Kunst, Humor und Freundschaft angenommen und ihr komisch-ernstes Ritterspiel im Rahmen von 1 426 "Sippungen" an beinahe ebenso vielen Montagabenden in 50 Winterhalbjahren weiterentwickelt.

Wie solche Sippungen in Kirchheim ablaufen, demonstrierten die 50 Sassen nun in der zur "Festburg" geweihten Stadthalle. In wohlgefügten Reimen führte Ritter "Glufex der Vinophile" als fungierender und dadurch von Amts wegen "erleuchteter" und unfehlbarer Oberschlaraffe des Reyches Under Teck durch die Tagesordnung des "ambtlichen" Teils. Den feierlichen "Einrytt" der Gastrecken aus den vielen befreundeten Reychen begleitete der eigens zu diesem Zweck gegründete Fanfarenzug unter der Leitung von Ritter Piston dem Tönespinner.

Feierliche Schlaraffenlieder, am Flügel begleitet von den Rittern Scho-Päng von Präludien und Doremi von Montenegro, gehörten ebenso zum "ambtlichen" Teil des Abends wie das Entzünden der "Blauen Kerze" oder schlaraffische und profane Grußworte. Besonders "delikat" war die Tatsache, dass Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker als oberste Repräsentantin der Stadt Kirchheim sprach. Die Männervereinigung der Kirchheimer Schlaraffia konnte allerdings auch mit diesem Problem galant umgehen. So regte Ritter Glufex als "erleuchtete Herrlichkeit" an: "Das mit den Frauen sollten wir, wenngleich in sehr, sehr weiter Zukunft, überdenken." Die Oberbürgermeisterin revanchierte sich für das Rederecht, indem sie dem Reych 333 zum Jubiläum gratulierte und dabei mit profundem Wissen über die Schlaraffen zu überzeugen wusste.

Als Vertreter des Allschlaraffenrats beglückwünschte Ritter Van der Goschen der Mundartige vom Reych "Asciburgia" (Aschaffenburg) die Kirchheimer dafür, dass sie vor 50 Jahren damit begannen, unter anderem Heimatlosen nach dem Krieg eine neue geistige Heimat im "Schlaraffenland des Geistes" zu geben. Die Begeisterung der Gründer habe sich auf die Nachfolger übertragen, sodass das Reych "mit stattlichen 50 Sassen" Stiftungsfest feiern könne.

Einen inhaltlichen Übergang zum "nicht-ambtlichen" Teil stellte das Grußwort des Ritters Alouette des Fluguntauglichen vom Deutschen Schlaraffenrat dar: Der Ulmer Schlaraffe erzählte, wie Kirchheim für ihn als Pfarrerssohn bereits in der Wirtschaftswunderzeit wichtig wurde. Die schlaraffische Bedeutung seines Spielzeugs erschloss sich ihm erst später, aber er wertet es bis heute als wichtigen Fingerzeig, dass er einst mit dem "kleinen Uhu" aus Kirchheim erste Modellflugversuche unternahm. Um Geld für sein Spielzeug zu bekommen, entwickelte er damals die "Erziehungsmethode", den Vater grundsätzlich während der Vorbereitung auf die Sonntagspredigt mit seinen Wünschen zu behelligen.

Die Erziehung der Mutter "Am Stauffen" bezeichnete deren Vertreter, Ritter Famoso der Steißtrommler, in Bezug auf das Tochter-Reych "Under Teck" als durchaus geglückt: Die Mutter sei stolz auf die Tochter in Kirchheim, auch wenn die Recken des Reyches 333 die Mutter nicht so oft besuchen würden, wie diese es wünsche. Bei der Mutterrolle geht es im Schlaraffenreych also nicht anders zu als im profanen Leben.

Schlaraffische Freude wiederum versprühten die einzelnen "Fechser" im zweiten Teil des Festabends. So berichteten die drei verbliebenen "Erzschlaraffen" also die Gründungsmitglieder Pi-Pong der Prag-Dicker, Brigittant das Graphi-Caruserl und Reuß vom Steine , dass sie, "die letzten von den ersten", die einzigen drei Sassen sind, die alle Kirchheimer Reychsangehörigen noch persönlich gekannt haben. Trotzdem kamen sie zu dem Schluss: "Gelabt und gesippt wird nur in der Gegenwart, nur im Jetzt."

Die Ritter Kahlau von Albanden und Siach der Woll-Lustige blickten dennoch in die Vergangenheit zurück und führten vor, wie Eduard Mörike einst mit Hilfe des Weinhändlers Friedrich Pfleiderer sein berühmtes Gedicht "Auf der Teck" zusammengereimt haben soll. Dass Mörike wenn auch unbewusst bedeutendes schlaraffisches Gedankengut vorweggenommen hat, zeigen folgende vier Zeilen: "Mag da drunten jedermann / Seine Grillen haben: / Wer sich hier nicht freuen kann, / Lasse sich begraben!"