Lokale Kultur

Wertvolle Einblicke in Natur und Kultur des 19. Jahrhunderts

KIRCHHEIM "Dann skizziere ich Ruinen der Umgegend, löse mathematische Aufgaben, oder mache gar ich gesteh's mit Erröten Verse, die sich beim taktmäßigen Keuchen der Maschine wie von selbst einstellen." Mit diesem Zitat umreißt Max Eyth selbst den Facettenreichtum seiner

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FLORIAN STEGMAIER

Person. Wir begegnen darin natürlich dem Ingenieur, dem berühmten Pionier der Dampfflugtechnik und späteren Gründer der Deutschen Landwirtschafts Gesellschaft (DLG), wir begegnen auch Max Eyths dichterischem Tun, das sich bezeichnenderweise nicht als abgrenzender Gegenentwurf zur Technik ausweist, sondern vielmehr bekennt, sich von ihr inspirieren zu lassen.

Zu Beginn des Zitats tritt den am Thema Interessierten aber noch eine dritte Facette entgegen, ein Verweis auf Max Eyths zeichnerisches Werk. Auf Einladung des Literaturbeirats beleuchtete Kunsthistorikerin Birgit Knolmayer im Kornhaus diesen wie es scheint bislang noch stiefmütterlich behandelten, jedoch alles andere als marginalen Aspekt im Schaffen Max Eyths. Birgit Knolmayer wählte sich das zeichnerische Werk zum Thema ihrer Doktorarbeit, die demnächst in Buchform erscheinen wird. Das darin erhaltene kommentierte Werkverzeichnis weist mehr als 1 300 Einträge auf, unzählige weitere Zeichnungen harren ihrer Erschließung in Briefen und Tagebüchern.

Seine fundierte zeichnerische Ausbildung erhielt der junge Max Eyth in den Jahren 1852 bis 1856 am Stuttgarter Polytechnikum. Dort erhielt er Unterricht im Maschinen- und im Freihandzeichnen. Als Beispiel der in dieser Zeit entstandenen Zeichnungen wählte Birgit Knolmayer eine Arbeit, in der sich Max Eyth Efeuranken aus dem großväterlichen Garten zum Motiv genommen hatte.

Ein künstlerisch sauber durchgearbeitetes Blatt, das als Indiz genommen werden kann, dass der damalige Stuttgarter Zeichenunterricht nicht nur auf die für einen angehenden Ingenieur nötige technische Akkuratesse abzielte, sondern zudem auf eine individuelle künstlerische Formfindung Wert legte. Sein in Form von Skizzenbüchern erhaltenes zeichnerisches Werk die drei letzten Bücher sind im Besitz des Kirchheimer Literaturmuseums ist mit seinem bewegten Lebenslauf auf das Engste verknüpft. Die meisten Bilder entstanden auf seinen ausgedehnten Reisen, die ihn durch vier Kontinente führten, und gewähren quellenkundlich wertvolle Einblicke in Natur und Kultur der jeweiligen Gegend zur Zeit des 19. Jahrhunderts.

Nicht umsonst nannte Max Eyth sein künstlerisches Oeuvre "Ein Leben in Skizzen". Anhand der Motivwahl unterteilte Birgit Knolmayer das zeichnerische Werk in drei Gruppen. Spielten in der Zeit der Stuttgarter Ausbildung neben der Landschaft auch allegorisch-fantastische, oft nach Vorlagen entstandene Motive eine Rolle, schließen sich in einer zweiten Themengruppe vor Ort entstandene Landschaften an, meist von erhöhtem Standpunkt aus gesehene, weite Panoramen.

Die Vielfalt der Motive reicht dabei vom Hochgebirge bis zur Küste. In ihrer offenkundigen Absicht, geografisch zu dokumentieren, liefern die Bilder einen topografisch exakten Umriss. Aber auch nahsichtige Motive tauchen auf: steile Felswände, reißende Flüsse, Studien zu Tektonik und Erosion, zu charakteristischen Baumtypen und sonstiger Vegetation. Max Eyths wissenschaftlich-dokumentierendes Interesse, das Typische und Besondere einer Landschaft einzufangen, wird hier besonders deutlich.

Einen dritten Themenkomplex bilden die Architektur- und Stadtansichten. Hier begegnen den Betrachtern topografisch genaue Gesamtansichten genauso wie Innenansichten mit malerischen Straßenzügen, einzelne Bauten in verschiedenen Erhaltungszuständen Zeichnungen, die uns heute als informative Geschichtsquellen dienen können , sowie Einblicke in landesübliche Sitten und religiöse Riten.

Als ein besonders beliebtes Motiv stellte Birgit Knolmayer Brücken heraus. Sie tauchen in allen Variationen auf, von der einfachsten Überbrückungskonstruktion bis hin zu den größten Brückenbauten der damaligen Zeit. Die Brücke, so führte die Referentin weiter aus, faszinierte Max Eyth als ein Spiegel menschlicher Schaffenskraft, der aber ganz gemäß seiner eigenen Einstellung zum technischen Fortschritt unmissverständlich aufzeigt, dass die Technik von der Natur abhängig ist und mit ihr als ein gleichberechtigter Partner respektvoll umzugehen habe.

Im Rahmen ihres Vortrags warf Birgit Knolmayer die Frage nach der Stellung des zeichnerischen Werks innerhalb der Kunstströmungen des 19. Jahrhunderts auf und verortete es zunächst in der Nähe des so genannten "Kunstdilletantismus". Was für heutige Ohren abwertend klingt, bezeichnete damals die Tätigkeit von Laien aus der gebildeten Oberschicht, die ihre Musestunden mit ambitioniertem Kunstschaffen zu füllen suchten.

Als weitere kunsthistorische Parallele wies die Referentin auf den Beruf des wissenschaftlichen Reisemalers hin, der mit illustrierender und dokumentierender Aufgabe Forschungsexpeditionen begleitete, mit dem Aufkommen der Fotografie jedoch gänzlich verdrängt wurde. Mit letzterer konnte Max Eyth übrigens wenig anfangen. "Es fehlt die Seele", urteilte er über das neue Medium.

Im Vortrag von Birgit Knolmayer wurde sehr schön deutlich, wie in Werk und Person Max Eyths verschiedene, heute leider gänzlich auseinanderdriftende Strömungen vollkommen organisch und fruchtbar zusammenliefen. Als Sohn eines Altphilologen und Historikers steht Max Eyth noch ganz in der Tradition des Humanismus. Der Ingenieur Eyth steuert die wissenschaftlich exakte Beobachtungsgabe bei, der Künstler Eyth schließlich ein zeittypisches romantisierendes Bestreben. Die Ausstellung im Kornhaus zu Ehren des zeichnenden Dichteringenieurs mit ihren zahlreichen Originalzeichnungen Max Eyths veranschaulicht dies auf eindrucksvolle Weise.