Lokale Kultur

Wie es Nicolas Born für ein Jahr nach Württemberg verschlug

NÜRTINGEN Wir schreiben das Jahr 1968. In Berlin geht es hoch her: Vietnam-Demos, Straßenschlachten, Boykott gegen die Springer-Presse. Auch die engagierten Schriftsteller mischen mit. Sie verfassen Flugblatt-

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BERND MÖBS

Gedichte und politische Theaterstücke. Das Lyrik-Geschnörkel gehört der Vergangenheit an, das Gedicht hat effektiv zu sein und gesellschaftlich relevant. Mit dabei ist auch der 30 Jahre alte Nicolas Born.

Geboren in Duisburg und aufgewachsen als Sohn eines Dorfpolizisten und einer Verkäuferin bei Emmerich am Niederrhein hat er einen ersten Roman veröffentlicht und sich in Berlin niedergelassen. 1967 erschien sein erster Gedichtband "Marktlage". Freundschaftliche Kontakte verbinden ihn mit Ernst Meister, Günter Kunert und Friedrich Christian Delius. Doch das aufgeladene, kollektive Politisieren und das anstrengende Berliner Nachtleben werden ihm zu viel: "ich will abreisen / eine zweifelhafte Lücke hinterlassen / in diesen Reihen dicht geschlossen", heißt es in dem Gedicht "Auf Wiedersehen", in dem weiter zu lesen ist "bei Euch und beim Bier zu altern ist übel / die Zähne fallen in der Gemeinschaft / im angenehmsten aller Kollektive".

Nach einem Besuch bei Freunden in Trossingen und einer Fahrt durch die malerische Landschaft der Schwäbischen Alb beschließen er und seine zukünftige Frau Ingrid, Berlin zu verlassen und nach Baden-Württemberg zu ziehen. Als sie eine Stelle als Internistin im Kirchheimer Krankenhaus findet, mieten sie kurzerhand eine Vier-Zimmer-Wohnung in der Grunewaldstraße in Nürtingen-Roßdorf an.

An Günter Kunert schreibt Nicolas Born einige Tage nach dem Einzug im November 1968: "Wir haben geheiratet, die Töpfe sind in Gebrauch. Es schmeckt. Kennt ihr Eierspätzle? Bornemanns gute, gute Eierspätzle? Schmecken schön."

Im Winter schnallen sich Ingrid und Nicolas Born die Skier auf das Autodach und fahren auf die Schwäbische Alb. Tochter Undine aus erster Ehe kommt zu Besuch, die Kunerts schicken einen hölzernen Nussknacker zu Weihnachten. Ingrid Born geht arbeiten, der Dichter verwöhnt seine Frau abends mit Linseneintopf. Idylle am Fuße der Alb.

Die Dichtergenossen in Berlin beobachten die traute, kleinbürgerliche Zweisamkeit der Borns mit Misstrauen, sie zweifeln gar an seiner politischen Zuverlässigkeit. Auch die Nachbarn sind verwirrt: Der Herr Dichter arbeitet offensichtlich nicht, denn er verlässt zu unregelmäßigen Zeiten das Haus, die Bob-Dylan-Platten dröhnen durch das Treppenhaus.

Einmal kommt sogar die Kriminalpolizei zu Besuch. Nicolas Born wird beschuldigt, ein schizophrenes Mädchen aus der Nachbarschaft geschwängert zu haben. Der Grund: Er war als Fußgänger in der Straße gesehen worden, in der er nachweislich keinen Wohnsitz hat. Zweites Indiz: In einer Werkstatt stand sein VW, mit Berliner Kennzeichen. Ein zweiter Besuch der Kripo bleibt allerdings aus.

Nicolas Born ist viel unterwegs, auf Schriftstellertagungen, auf Lesungen, bei befreundeten Schriftstellern wie Rolf Dieter Brinkmann und Peter Härtling. In Stuttgart trifft er Helmut Heißenbüttel und Manfred Esser und er versucht, sich in Nürtingen einzuleben, lädt zum Skat-Abend in die Grunewaldstraße.

In Kirchheim besucht er den politischen club bastion, dort liest er auch selbst aus seinen Gedichten. Der Kirchheimer Gymnasiallehrer Otto Bacher, der Born damals in seiner Zivildienstzeit kennenlernte, berichtet: "Nicolas Born lebte etwas vereinsamt in dem abgelegenen Nürtingen-Roßdorf und suchte soziale Kontakte. Als dann eines Abends im club bastion über die Studentendemonstrationen in Berlin diskutiert wurde, stand er auf und sagte: Ich war dabei."

Er war schon eine Attraktion in Kirchheim, als Berliner Schriftsteller und Mitglied der Gruppe 47. Dabei erlebte ich ihn uns Gymnasiasten gegenüber nicht als arrogant oder belehrend, obwohl er zehn Jahre älter war als wir. Er war ja kein Akademiker und hatte sich seine schriftstellerische Ader selbst erarbeitet und er hatte ein Sprachvermögen und eine Wortgewalt, die weit über das Normale hinausging.

Es entstehen Gedichte, die Eingang finden in den 1970 erschienenen Band "Wo mir der Kopf steht". Doch auf die Dauer fühlt Nicolas Born sich isoliert, es fehlen die Anregungen, Unzufriedenheit macht sich breit. Im Juli 1969 schließlich erhält er ein Stipendium für die Teilnahme an einem Schriftsteller-Workshop an der University of Iowa in den USA. Es beginnt ein überstürzter, wenn auch fröhlicher Aufbruch aus dem Schwäbischen.

Die Borns veranstalten eine Abschiedsparty, stellen die Möbel in der Nähe der Schweizer Grenze unter, der Käfer wird verkauft und eine Kiste mit Manuskripten und Zeitschriften noch schnell bei Nachbarn deponiert. Nach der Rückkehr aus den Vereinigten Staaten im Jahr 1970 wohnen sie noch einmal kurze Zeit in Baden-Württemberg, in Gailingen am Hochrhein. Danach ziehen sie nach Berlin. Nicolas Born findet mit seiner zweiten Frau und den Kindern Rike und Katharina eine Heimat im Wendland in Niedersachsen.

Der 1972 erschienene Gedichtband "Das Auge des Entdeckers" macht ihn zu einem der wichtigsten Lyriker seiner Generation. Die Kiste mit den Nürtinger Manuskripten hat die Zeiten überdauert. Die Borns hatten sie in der Grunewaldstraße vergessen. Sie stand über 35 Jahre bei den Nachbarn im Keller, bis Katharina Born sie bei den Recherchen zu dem "Spuren"- Heft wieder fand.

Erschienen ist es unter dem Titel "Nicolas Borns Jahr in Nürtingen Flucht aufs Land", Marbach am Neckar, Deutsche Schillergesellschaft, 2006. Das Spuren-Heft Nummer 73 ist zu beziehen unter www.dla-marbach.de/shop/buecher/spuren sowie im Buchhandel.