Lokale Kultur

"Wie heimlicher Weise ein Engelein leise . . . "

BISSINGEN Der Einzug von Eduard Mörike in Ochsenwang im Januar 1832 war zunächst mit großen Hoffnungen verbunden. In dieses einsam gelegene Dorf wurde der junge Geistliche auf seinen eigenen Wunsch hin versetzt. Nicht nur als

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WERNER FRASCH

Vikar, wie bisher schon so oft, sollte er tätig werden, sondern als "Pfarramtsverweser". Diese Verbesserung ließ in ihm die Hoffnung steigen, dass nunmehr sein langes Warten auf eine ständige Pfarrstelle bald ein Ende haben werde und seine berufliche Zukunft auf Dauer gesichert sei.

Eine schaudernd liebliche Aussicht

Der Aufstieg von Bissingen in das kleine Dorf mit seinen etwa dreihundert Seelen hoch auf der Alb war zwar mühsam. In luftiger Höhe erwartete Eduard Mörike dagegen eine ungekannte Freiheit. Der Neuankömmling fühlte sich geradezu als neuer Mensch. Ein selten verspürtes Hochgefühl stellte sich bei ihm ein. Denn die Eindrücke der Landschaft waren geradezu überwältigend. Was sich ihm auf der rauen Alb an Natur bot, kam ihm viel mächtiger und überragender vor als alles, was er bisher gesehen hatte. Mörike empfand sich beim Anblick der "schaudernd lieblichen Aussicht in tief liegende und mild ineinander laufende Thäler" emporgehoben in "atmosphärische Höhe". Seiner Braut Luise Rau schwärmte er von einem "Meer an Landschaft" vor, das sie bei ihrem Besuch antreffen werde. Vielleicht dachte er dabei tatsächlich an das dort vor Jahrmillionen sich ausbreitende Meer, dessen Bodenfunde er später im "Petrefaktensammler" zum Gegenstand eines launigen Gedichts machen sollte. In Ochsenwang erhoffte er sehnlichst den Besuch der Braut und malte sich und ihr die baldige Zweisamkeit so aus: "Wie werden wir heimlich unsere zwei Stühle zusammenrücken, während der Topf im Ofen singt... wir schlafen in zwei wohlseparirten Stübchen, (weil wir ja bekanntlich bei Nacht uns eigentlich nichts angehn)... und die Träume kümmern sich ohnehin Nichts um Schloß u. Riegel".

Ungeduldig hatte er den Abschluss seiner vorhergehenden Vikarstelle in Eltingen bei Leonberg erwartet, da von dort aus regelmäßige Besuche bei der Familie und der Verlobten in der Nürtinger Gegend doch zu beschwerlich waren. Schon in Eltingen war daher die Vorfreude auf das neue Domizil in luftiger Höhe auf der Alb groß. Der Mutter kündigte er seinen Besuch kurz vor seinem Eintreffen an: "Eben sah ich, daß ich von Ochsenwang gar nichts sagte. Versteht sichs aber nicht von selbst, daß ich mich herzlich freue?" Den letzten Tag in Eltingen endlich überstanden, ließ sich Eduard Mörike nach der Begrüßung des Nachfolgers trotz Krankheit mit der Pferdekutsche so schnell als möglich mitten in der Winternacht und in dicke Kissen eingepackt über Stuttgart zur Mutter nach Nürtingen fahren. Ein unangenehmer Umweg blieb ihm dabei allerdings nicht erspart. Die Zwischenstation auf dem Hohenasperg und ein Besuch bei seinem dort eingekerkerten Bruder Karl ließ sich nicht vermeiden. Abgeschnitten von aller kultivierten Welt Eduard Mörike ging es sicherlich auch um die Ruhe, die er in dem kleinen Dorf ein "wildes Paradies, ein Reiher-Nest", wie er es einem Freund beschrieb zu finden hoffte, "abgeschnitten von aller kultivierten Welt und doch nur, wenn ich will, ein Sprung in die Städte der Menschen" entfernt. Denn er musste jetzt die letzten Korrekturen an seinem Roman "Maler Nolten" bearbeiten, was ihm oft genug recht schwer fiel. Nicht nur einmal klagte er über die Mühen des anstrengenden Lesens der Korrekturfahnen. Nur die allerdings unerfüllt gebliebene Hoffnung auf den Ruhm als Schriftsteller, der ihn vom ungeliebten Kirchendienst hätte befreien sollen, ließ ihn den "Quark" der ihm "selbst genug verhaßten Druckbogen-Correctur", wenn auch klagend, ertragen. Schnell waren da auch die weniger angenehmen Erinnerungen an seine etwa ein Jahr zurückliegende Vikarstelle in Owen vergessen. Dort war er einerseits freundschaftlich eingebunden in den Haushalt des Pfarrers Brotbeck, was einen durchaus angenehmen Familienanschluss bedeutete. Die enge Verbindung mit der Familie des Pfarrers, zu der auch der Amtmann des Städtchens gehörte, trug dem frisch Verlobten andererseits manch tadelnden Blick des sittenstrengen Pfarrherrn beim gemeinsamen Mittagessen ein, wenn sich der Besuch bei der Braut in Grötzingen oder der Mutter in Nürtingen gar zu lange hingezogen hatte und die zugesagte Rückkehrzeit wieder maßlos überzogen worden war. Schon während der Owener Zeit fühlte Mörike sich am wohlsten, wenn er auf den Teckberg steigen und von dort seinen Blick in die Ferne schweifen lassen konnte. "Hier ist Freude, hier ist Lust, / Wie ich nie empfunden! / Hier muß eine Menschenbrust / Ganz und gar gesunden! / Laß denn, o Herz, der Qual / Froh dich entbinden, / Wirf sie ins tiefste Tal, / Gib sie den Winden!", dichtete er hier. Treuherziges, unverdorbenes WesenIn Ochsenwang war alles ganz anders. Hier fühlte er sich frei und ungebunden trotz aller Verpflichtungen, die das kirchliche Amt mit sich brachte. Nicht nur, dass ihm eine eigene Wohnung im Schulhaus zur Verfügung stand, in die er später sogar seine Mutter aufnehmen und wo er von der Verlobten besucht werden konnte. Als "Pfarramtsverweser" hatte er anders als in seinen bisherigen Stellen keinen Pfarrherrn über sich, für die er früher häufig genug Handlangerdienste und ungeliebte Schreibarbeiten hatte übernehmen müssen. Hier war er selbstständig und durfte alle Verrichtungen und Verantwortlichkeiten wie ein ständiger Pfarrer vornehmen, sodass wie die kirchenamtlichen Instruktionen es verlangten "der Gemeinde der Mangel eines ordentlichen Geistlichen nicht fühlbar werde." Schon vier Wochen nach seinem Amtsantritt empfand Eduard Mörike: "Bei meinen treuherzigen Leuten genies' ich Titel, Ansehn und Zutraun eines förml. Pastors", und wenige Jahre später sollte er sich beim Antritt seiner ersten wirklichen Pfarrstelle in Cleversulzbach an die Zeit in Ochsenwang erinnern: "Ich habe bei dieser Gemeinde, die sich im ganzen durch ein treuherziges und vergleichsweise mit anderen unverdorbenes Wesen auszeichnet, meine Pflicht als Seelsorger mit besonderer Liebe geübt und während fast zwei Jahren manchen Beweis der Zuneigung und Vertrauens erfahren. "Als Pfarrverweser hatte Eduard Mörike nicht nur den kirchlichen Dienst zu versehen und sonntags die Predigt zu halten, was für ihn eine besondere Überwindung bedeutete. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Aufsicht über die Schule und der Vorsitz im so genannten Kirchenkonvent. Dieses örtliche Gremium, bestehend aus kirchlichen und weltlichen Amtsträgern, hatte über die Einhaltung der guten Sitten unter der Dorfbevölkerung zu wachen. War Mörike die Aufgabe als Sittenwächter eher unangenehm, so kümmerte er sich um so mehr um das Wohl der Kinder innerhalb und außerhalb der Schule. Der regelmäßige Besuch des Unterrichts lag ihm ebenso am Herzen wie eine musische Bildung, hatte er doch selbst die besten Schulen wenn auch nicht mit überragendem Erfolg durchlaufen. Vielleicht war es die Erinnerung an die eigene umsorgte und behütete Kindheit im Schoß der großen Familie und der weit verzweigten Verwandtschaft in Pfarr- und Amtshäusern, die ihm Leitbild bei seiner Arbeit mit der Dorfjugend war. Klage über mangelhaften SchulbesuchSchon in seinem ersten Brief aus Ochsenwang an die Braut zeigte sich der junge Geistliche begeistert von der Reaktion der Kinder im Gottesdienst: "In der Kinderlehre hatt ich mein wahres Vergnügen; gewiß bin ich doch schon bei mancher Gemeine herumgekommen aber so prompte und frische Antworten hörte ich nirgends." Hier sah Eduard Mörike hoffnungsvolle Ansätze für sein pädagogisches Wirken. Sicherlich hatte er mit seinen mimischen und rhetorischen Fähigkeiten die biblischen Geschichten so ausgebreitet, dass sie für die jungen Zuhörer voller Spannung waren und sie seinem Erzählen aufmerksam folgten. Der eine Stunde dauernde Kindergottesdienst dürfte manches der Kinder davor bewahrt haben, wenigstens am Sonntag übermäßig arbeiten zu müssen.

In den Dörfern war Kinderarbeit zu Mörikes Zeit gang und gäbe, so auch in Ochsenwang. Er selbst hat dazu im Pfarrbericht für das Jahr 1832 notiert, dass Schulversäumnisse häufiger im Sommer vorkämen, wenn die Kinder in der Landwirtschaft teilweise auch beim Torfstechen in der nahen Torfgrube mitarbeiten mussten oder als Knechte und Mägde nach auswärts "verdingt" wurden; so saßen einige Esser weniger am häuslichen Tisch. "Das Verdingen der Schulkinder kann leider nicht vermieden werden. Auf die Auswärts Verdingten macht man jedes Mal das betreffende Pfarramt aufmerksam".

Eduard Mörike redete den Eltern ins Gewissen und hielt seine Ermahnung im Verkündigungsbuch für den Gottesdienst fest. "Man bemerkt schon seit einiger Zeit wieder mit großem gerechten Mißfallen, daß die Schulversäumnisse allzusehr einreissen. So billig es seyn mag, wenn die Eltern von Seiten der Kinder bei dem Torfstich Unterstützung suchen, so gewissenlos ist es wenn diese Aushülfe mißbraucht wird und von Einigen auch nicht eine Stunde des Tags der Schule gewidmet wird . . . man sieht sich genöthigt ein für alle mal zu erklären daß jeder Schüler und jede Schülerin während des Geschäfts wenigstens 2 oder 1 Stunden täglich in die Schule kommen muß und nur die allerdringendsten Ausnahmen können bei dieser Regel Statt finden. Ich hoffe, eine werthe Gemeinde wird in dieser Anordnung keine Quälerei und keine absichtliche Belästigung erkennen, sondern reine Fürsorge für das Wohl eurer Jugend wofür sowohl ihr, als der Lehrer und das PfarrAmt in Zeit und Ewigkeit verantwortlich sind." Der Ortsgeistliche konnte nur "zur Zeit der stärksten Feldarbeiten, und bei drückender Armuth, ausnahmsweise diejenigen Kinder, bei denen das Bedürfniß vorhanden ist, auf Bitten 2-3 mal in der Woche" vom Schulbesuch befreien. Verbesserung des KirchengesangsDer junge Pfarrer beließ es aber nicht bei Appellen an die Eltern der Schulkinder. Eduard Mörike wollte die Kinder selbst für etwas Neues begeistern, sodass sie nicht nur unter Druck in die Schule kamen. Was wäre dafür besser geeignet gewesen, als das gemeinsame Singen und der Gesangsunterricht? Hier konnten die Kinder brach liegende Fähigkeiten entwickeln und sich und anderen eine Freude machen. Zum Leidwesen Mörikes hatten die jungen Ochsenwanger unter Singen bisher nämlich mehr oder weniger nur Grölen und Unfug verstanden. Deshalb klagte Eduard in einem Brief an seinen Bruder Karl, in dem er diesen um die Vertonung eines Gedichts bat, über die lärmenden Gassenburschen, die den dichtenden Dorfpfarrer nachts um elf Uhr beim Schreiben störten: "Die ledigen Burschen singen 30 Schr(itte) von m. Haus Schillers Räuberlied u. heute ist das erste Mal, daß Sch. mich ärgert. Ich sehe, man soll, auch nicht in rein ästhet. und charakteristischer Absicht dergl. Lieder machen. Der Teufel ist gleich mit der Geige da und hat schneller eine Melodie dazu erfunden als wir zu unsern." Nicht nur, dass die jungen Männer kein Verständnis für den edlen Gesang hatten, auch bei den Kirchgängern war es mit der Musikalität nicht weit her. Mörike meinte, dass der Kirchengesang "sich die Prädikate sanft, feierlich, harmonisch nicht erwirbt". Um hier Abhilfe zu schaffen, setzte er bei den Kindern an. Durch musikalische Früherziehung sollte das sängerische Niveau gehoben werden. Da fügte es sich gut, dass Eduard Mörikes Bruder Karl, der musikalisch begabt war und auch komponierte, zu ihm nach Ochsenwang kam, wenn auch unter wenig erfreulichen Umständen. Bruder Karl er war immerhin Amtmann des Fürsten von Thurn und Taxis im oberschwäbischen Städtchen Scheer an der Donau gewesen hatte wegen aufrührerischer Umtriebe und "Irreführung der Regierung" eine mehrmonatige Haft auf dem Hohenasperg verbüßen müssen und suchte im Oktober 1832 eine neue Bleibe. In Ochsenwang war er bei Bruder und Mutter willkommen, auch wenn die Wohnung für drei Personen äußerst beengt war. Seinen dortigen Aufenthalt nutzte er nicht nur zur Vertonung eines Gedichts von Eduard Mörike, sondern auch für den Gesangsunterricht der Kinder. Im Pfarrbericht wurde die brüderliche Hilfe hervorgehoben: "Diesen Unterricht übernahm auf Veranstaltung des Pfarrverwesers der älteste Bruder desselben, aus Veranlassung seiner gelegentlichen längeren Anwesenheit hier." Notizzettel mit zwei KirchenliedernDas Ergebnis dieser Bemühungen hörten die Besucher des Gottesdienstes in der Ochsenwanger Kirche am Jahreswechsel 1832/33. Aus einem Notizzettel von Mörikes Hand, dem ursprünglich wohl die beiden Liedtexte beigeheftet waren, wissen wir, dass damals zwei besondere Lieder gesungen wurden. Auf dem Zettel war notiert worden: "Zwei Gesänge von den Kindern meiner Gemeinde. 1.) am Vorabend des Neujahrs 2.) am NeujahrsMorgen in der Kirche zu singen. 1832/33." Welche Lieder dies waren, hat er in der Notiz nicht festgehalten. Es kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass es sich um zwei vertonte Gedichte Eduard Mörikes gehandelt hat. Eines davon war von seinem Bruder Karl musikalisch umgesetzt worden, während das andere nach den Angaben des Dichters auf eine Melodie von Antonio Salieri zu singen war.

Eduard Mörike hatte an seinen Bruder noch während dessen Haft im Februar 1832 die Bitte gerichtet, das Gedicht "Jesu benigne" die Übersetzung eines lateinischen Verses zu vertonen. Das Gedicht mit der Überschrift "Seufzer" wurde mitsamt den Noten als "Musikbeilage" in den Roman Maler Nolten aufgenommen. Mörike sah darin "nicht mit Gold aufzuwiegende Verse". Sie wurden am Silvesterabend des Jahres 1832 vom Chor der Dorfkinder in der Ochsenwanger Kirche zu Gehör gebracht: "Dein Liebesfeuer, / Ach, Herr wie teuer / Wollt' ich es hegen, / Wollt' ich es pflegen! / Hab's nicht geheget, / Und nicht gepfleget, / Bin tot im Herzen / O Höllenschmerzen." Bei dem am Neujahrsmorgen gesungenen Lied handelte es sich um den Kirchengesang "Zum neuen Jahr", der gemäß Mörikes eigenen Angaben nach der Melodie "Wie dort auf den Auen" aus der Salieri-Oper "Axur, König von Ormus" zu singen war. Dieses Werk des Mozart-Rivalen war 1788 in Wien uraufgeführt worden und stand von 1802 bis 1831 also bis in Mörikes Ochsenwanger Zeit mit 45 Aufführungen auf dem Spielplan der Stuttgarter Hofoper. Die eingängige Melodie gehört zum dritten Gesangsstück des zweiten Aktes und war damals durchaus populär wenngleich nur in Kreisen, die Zugang zu einer Opernaufführung oder auch nur eine Vorstellung von dieser Musikgattung hatten, und das dürfte damals außer dem Pfarrverweser Mörike in Ochsenwang niemand gewesen sein. Eduard Mörike hat also mit der Opernmelodie im Kirchengesang etwas Glanz der höfischen Residenz in das dörfliche Leben der Ochsenwanger gebracht und mag in manchem von ihnen vielleicht eine Ahnung davon geweckt haben, welche Welt sich hinter Theatermauern verbarg.

Beim Vergleich mit dem Opernlibretto von Lorenzo da Ponte in der Übersetzung von Heinrich Gottlob Schmieder hat man durchaus den Eindruck, dass Mörike sich bei seinem Gedicht vom Originaltext inspirieren ließ, wenngleich im Operntext mit "Brama" eine hinduistische Gottheit vorkommt, während der schwäbische Pfarrerdichter in seinen Verszeilen selbstverständlich den Christengott anspricht: "Wie dort auf den Auen / beim Morgenlichtergrauen / die fleißige Biene / den Honig eintrinkt / so steigt eines Kindes / unschuldvolles Flehen / hinauf zu den Höhen / wo Brama ihm winkt.../ Auf Engelsgefilde / senke jetzt deine Weisheit / sieh auf mich hernieder / im himmlischen Glanz..." Der Gesang am NeujahrsmorgenMörike hat sein Gedicht in die 1838 erschienene Erstausgabe seiner Gedichtsammlung aufgenommen; in einer späteren Auflage vermerkte er als Entstehungsjahr 1832. Wir können somit sicher sein, dass es sich bei diesen Versen um jene handelt, die in Ochsenwang entstanden sind und dort am Neujahrsmorgen 1833 erstmals bei einem Gottesdienst gesungen wurden:Zum neuen JahrWie heimlicher WeiseEin Engelein leiseMit rosigen FüßenDie Erde betritt,So nahte der Morgen,Jauchzt ihm, ihr Frommen,Ein heilig Willkommen!Ein heilig Willkommen,Herz, jauchze du mit!In Ihm sei's begonnen,Der Monde und SonnenAn blauen GezeltenDes Himmels bewegt.Du, Vater, du rate!Lenke du und wende!Herr, dir in die HändeSei Anfang und Ende,Sei alles gelegt!Bei der Lektüre der Anfangszeilen dieses Gedichts kann man sich lebhaft vorstellen, wie das dort angesprochene geheimnisvolle Geschehen die Fantasie der Ochsenwanger Bauernkinder vor mehr als 170 Jahren beschäftigt haben dürfte. Wir dürfen uns auch ausmalen, wie Eduard Mörike, dem eine gewisse theatralische Begabung nachgesagt wurde, den Kindern mit Gesten, Verheißungen und Beschwörungen das Bild des im Morgenschimmer ankommenden Engels imaginiert haben mag; manches der Kinder mag fortan den morgendlichen Sonnenaufgang mit anderen Augen betrachtet, die herab schwebenden Engel am Firmament gesucht und auch gesehen haben.

So beglückend sein Wirken in der Kirchengemeinde und im Ort für den jungen Pfarrer auch war, so ernüchternd gestaltete sich sein weiterer Aufenthalt in Ochsenwang. Gesundheitliche Probleme machten dem kränkelnden Mörike zunehmend zu schaffen, die Beziehung zu Luise Rau wurde immer problematischer nicht zuletzt auch, weil es mit einer ständigen Pfarrerstelle für den jetzt bald 30-Jährigen nicht klappen wollte. Spätestens im Mai 1833 stand sein Entschluss fest. "Ich muß weg, das ist Alles; und es bleibt dabei, daß ich länger als bis Herbst hier oben nicht aushalte." Selbst der Braut, vor der er seine missliche Lage so gut es ging verschwiegen hatte, schenkte er jetzt reinen Wein ein. Am 8. August 1833 schrieb er an sie: "Ich bin seit Wochen wie ein geheztes Wild, unstet, fast heimathlos, uneins mit mir selbst u. möchte mein Schicksal mit Füßen zertreten. Nun in ganz kurzer Zeit zum vierten Mal in Stuttgart habe ich doch wenig oder nichts erreicht. Ich hatte mirs in Kopf gesetzt mit Ende dieses Monats die Kette zu zerreissen mit der ich an den Berg geschmiedet bin . . ." Die Zeit in Ochsenwang ging zu Ende und das Verlöbnis mit Luise Rau zerbrach.

Mörikes "Neujahrslied" wurde noch mehrfach vertont, sodass es nicht nur auf eine "geliehene" Melodie gesungen werden muss. Auch Hugo Wolf nahm die Verse in seinen Zyklus von Mörike-Vertonungen auf, die er 1888 in einem wahren Schaffensrausch innerhalb weniger Monate komponierte. Vom 3. Oktober jenes Jahres stammt seine musikalische Interpretation dieses Gedichts.