Lokale Kultur

"Wir müssen auf jeden Fall gewinnen, alles andere ist primär . . ."

KIRCHHEIM Lust auf Leder liegt auch in Kirchheim voll im Trend. Kaum ein Schaufenster ist derzeit nicht mit Fußballschuhen, Lederbällen, Torwart-Handschuhen oder Trikots dekoriert. Alles, was auch nur entfernt mit Fußball zu tun hat, wird möglichst einladend ausgestellt,

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WOLF-DIETER TRUPPAT

O:9020603.JP_denn nicht nur das Runde, auch der Kunde soll schließlich ins Eckige kommen. Im Kirchheimer Buchhandel ist die Bandbreite des derzeit alles andere ins klare Abseits stellenden Fußball-Angebots enorm und die Qual der Wahl nagt an denen, die neue Bücher bestellen müssen. Was wählt man aus weit über 1 000 neu auf den Markt schwappenden oder auch aus gegebenem Anlass neu aufgelegten Titeln aus? Das Feld zu beherrschen ist die eine, auf zu ambitioniert ins Angebot genommenen Exoten sitzen zu bleiben die andere Alternative.

Neben gängigen Biografien von Ballack, Beckenbauer oder Beckham findet sich in den überall neu eröffneten Fußball-Ecken derzeit ganz besonders viel Fankost für wirklich jeden Geschmack. Ken Bray, Nebenerwerbs-Fußballwissenschaftler und Professor für Quantenphysik, verrät Insidern zwischen den dicken Deckeln seines Buches "Wie man richtig Tore schießt", wie "Die geheimen Gesetze des Fußballs" funktionieren. In der taktischen Fundgrube für Fußballer und Fans steht beispielsweise zu lesen, dass bei 85 Prozent aller Strafstöße der stehende Fuß in Schussrichtung zeigt. So einfach ist das also.

Unter "Expertenfutter" muss sicher auch "Der Ball ist rund, damit das Spiel die Richtung ändern kann" eingeordnet werden. Sobald Ottmar Hitzfeld sein Vorwort beendet hat, erläutern Christoph Biermann und Ulrich Fuchs kenntnisreich, "Wie moderner Fußball funktioniert" und schrecken auch nicht vor Kapiteln über "Die Mächte der Finsternis" oder "Die Ankunft im Raum" zurück.

Für einerseits an Fakten interessierte, aber andererseits vor allzu langen Texten möglicherweise zurückschreckende Vollblut-Fans kann es nicht "nur einen Rudi Völler", sondern wohl auch nur ein ideales Buch in dieser unübersichtlichen Liga aus neu aufgelegten bewährten Klassikern und völlig neu aufgestellten und entsprechend schwer einzuschätzenden Büchern geben. "Fußball unser" ist zweifellos die neue Bibel des Ballsports, deren Äußeres dann auch nicht zufällig wie eine gelungene Mischung aus "Schotts Sammelsurium" und einem Gebetsbuch mit Goldschnitt wirkt.

Darin ist wirklich alles zu finden, was man über Fußball wissen muss oder auch nicht. Die nie gestellte Frage, wie viele PS in welchem Fahrzeug die Fußballhelden bewegen, wenn sie "dienstlich unterwegs" sind, wird dort genauso gewissenhaft beantwortet, wie aufgelistet, wo genau David Beckham welche Tätowierungen trägt und mit welch extravaganten Frisuren er schon Mitspieler und Gegner gleichermaßen überrascht und verunsichert hat. Wann und wie oft Toni Schumacher welche Körperteile gebrochen, gerissen oder erschüttert hat, ist in einer wahrlich "erschütternden" Liste festgehalten, der dann aber auch wieder deutlich weniger schmerzhafte Nennungen interessanter und vielsagender Spitznamen prominenter Feldspieler folgen.

Wer sich brennend dafür interessiert, in welcher Kurve die Fans in den jeweiligen Stadien stehen, findet auf diese Frage genauso eine Antwort wie derjenige, der unbedingt die genauen Maße der ZDF-Torwand, ihren Erfinder oder die besten Torschützen in Erfahrung bringen will. Selbst Giovanni Trapattonis am 10. März 1998 "in sehr freier Grammatik" gehaltene "hitzige Rede" kann hier nachgelesen und vielleicht erstmals völlig verstanden werden.

Sind hier in der Enge des vorhandenen Raumes Unmengen von Informationen zusammengepresst, ergeben sich zuweilen häufigere Wiederholungen bei den vielen Büchern, die sich konkurrierend auf dem Feld der oft ins Philosophische hinüberspielenden Weisheiten populärer Spielerpersönlichkeiten, charismatischer Trainer und versierten Vereinsfunktionären gegenüberstehen. "Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift", überschreibt Frank Langenfeld die von ihm zusammengestellten "Neuen Weisheiten aus der Welt des Fußballs". Diese schon sehr überzeugende Fundgrube vollmundiger Zitate wird bei Überschneidungen im Bereich der absoluten "Klassiker" von Arnd Zeigler noch klar überholt, der für seine "Wunderbare Welt des Fußballs" immerhin 1111 Kicker-Weisheiten "hochsterilisiert" hat.

Ob sich nun Spieler im wörtlichen Zitat "gut aus der Atmosphäre gezogen haben", "im Mittelfeld auf eine Konservation von Spielern treffen", "alles noch mal Paroli laufen lassen" wollen oder mit der Meinung anderer "nicht ganz chloroform gehen", nicht immer ist genau zu erkennen, was eigentlich gemeint war, aber darauf kommt es ja auch gar nicht an. "Wir müssen auf jeden Fall gewinnen, alles andere ist primär".

Arnd Zeiglers Panoptikum des Fremdwortgebrauchs enthält auch viele interessante Einblicke in das Privatleben der gefeierten Stars. Von Mehmet Scholl erfährt man beispielsweise: "Ich habe noch nie Streit mit meiner Frau gehabt. Bis auf das eine Mal, als sie mit aufs Hochzeitsfoto wollte."

Mit "Apropos" meldet sich auch der Karikaturist Haderer ganz aktuell und besonders originell zu Wort, denn was er dezidiert zitiert und gewohnt desillusionierend illustriert, hat man so nicht schon zig Mal gehört, gelesen und gesehen.

Ganz besonders vergnüglich präsentiert zweifellos Hajo Schumacher die Qualen von Eltern, deren Filius nach erfolgreich durchlaufener musikalischer Früherziehung plötzlich für sich entscheidet, dass er Profifußballer werden will. In "Papa, wie lang sind 90 Minuten" erfahren die Leser, dass Jugendlichen heute eigentlich nur zwei erfolgversprechende Wege zur großen Karriere offenstehen. Popmusik verbiete sich dabei eigentlich von selbst, denn, so lautet die rhetorische Frage des Autors: "Wer will schon einen Kübelböck?"

Außer beim Boxen und im Drogenhandel stehe vor allem beim Fußball der Weg zu Ruhm und Geld offen. Dass für Könner der Weg ins Profilager nirgendwo so einfach ist wie beim Fußball, lautet Hajo Schumachers Überzeugung. "Hier hat jeder eine Chance auch unterprivilegierte, physisch ungewöhnliche oder psychisch auffällige Typen", lautet seine These, die der Autor mit bekannten Spielerpersönlichkeiten belegt. Auf diesem Feld bewegen sich schließlich sehr erfolgreich "Krummbeinige (Litbarski), Ungeschlachte (Hrubesch), Langweiler (Vogts), Einfaltspinsel (Seeler), Faule (Netzer, Beckenbauer), Großmäuler (Breitner), Verrückte (Kahn), Drogensüchtige (Daum) und sogar Mädchen (Möller, Beckham)".

Die Rundfunkmoderatoren Sascha Zeus und Michael Wirbitzky erzählen in "Ich, Artur, Zwei Tickets" mit E-Mails, wie sich die Geschichte des Artur Stukakoff entwickelt, der mit seinem Sohn ein WM-Spiel sehen möchte. Jan Weiler stellt sich von Hans Traxlers Illustrationen maßgeblich unterstützt in einem gleichermaßen termingerecht und nachfrageorientiert abgelieferten Fußball-Märchen der Post-Moderne die Frage "Gibt es einen Fußballgott?"

Ein etwas betagter aber zweifellos immer noch jung gebliebener Klassiker darf in keinem im Vorfeld der Weltmeisterschaften zusammengestellten Buch-Aufgebot fehlen: Nick Hornbys unter dem Titel "Fever Pitch" erschienene Liebeserklärung an den Fußball, die zugleich auch eine unter die Haut gehende Leidensgeschichte ist. Für viele ist es noch immer das Fußballbuch schlechthin. Die "taz" urteilt daher auch völlig zurecht, "Ballfieber" sei "Das beste Fußballbuch, das jemals geschrieben wurde und das ist noch maßlos untertrieben".

Im Buch "Der Traumhüter" erzählt Ronald Reng "Die unglaubliche Geschichte eines Torwarts" und schafft ebenfalls eine vergleichbare Melange aus Fußballstory und ganz persönlicher Lebensgeschichte. Das Lob, dass seit "Fever Pitch" nicht mehr "so anrührend und kenntnisreich zugleich geschrieben wurde", darf daher hohe Erwartungen wecken.

Mit wissenschaftlicher Akkuratesse stellte Guido Knopp im Begleitbuch zur ZDF-Dokumentation das längst erfolgreich verfilmte "Wunder von Bern" schon im Jubiläumsjahr noch einmal gewissenhaft nach. Unter seiner Projektleitung hat Sebastian Dehnhardt bislang verschollen geglaubtes Material ausgewertet, um "Die wahre Geschichte" erzählen zu können.

Auf den damals alles entscheidenden Tag schaut Friedrich C. Delius in seinem Buch "Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde" aus der Perspektive eines elfjährigen Pfarrerssohnes, der in einem kleinen hessischen Dorf lebt. Trotz des bewusst eingeschränkten Blickwinkels leuchtet er in seiner hochgelobten Erzählung einen deutschen Mythos genauso minutiös aus wie die von der Strenge der autoritären Erziehung gekennzeichnete Enge der fünfziger Jahre.

"Der Ball ist rund", lautet die schlichte Erkenntnis, mit der sich der Historiker, Journalist, Schriftsteller und Kulturkritiker Eduardo Galeano in seiner neu aufgelegten Sammlung literarischer Kostbarkeiten auseinandersetzt. Mit Anekdoten, Episoden und Geschichten über die Sternstunden des südamerikanischen und europäischen Fußballs belegt er, dass er es versteht, die Worte tanzen zu lassen "wie einst Pele den Ball" und dass die heiße Luft im Ball "die Welt im Innersten zusammenhält".

Javier Marias erinnert mit seinem ebenfalls aktuell wieder neu aufgelegt um die Gunst des Publikums buhlenden Buch an "Alle unsere früheren Schlachten". Der als einer der größten lebenden Schriftsteller gefeierte und in unzählige Sprachen übersetzte Verfasser des Weltbestsellers "Mein Herz so weiß" offenbart hier über jeden Zweifel, dass er nicht nur ein fulminanter Erzähler sondern auch ein Fußballfanatiker und intimer Kenner ist.

An mögliche Nicht- oder Wenigleser unter Spielern, Fußballfans oder auch Spielerfrauen haben weitsichtige Verlage natürlich auch gedacht. "Dichter am Ball" erzählt aber keine Geschichten. Rezitiert werden vielmehr Gedichte über Fußballgrößen von Fritz Walter bis hin zu Oliver Kahn. Auf dieser aktuellen CD mit "50 Einwürfen zur Fußballweltmeisterschaft" ist praktisch die gesamte deutschsprachige lyrische Szene versammelt. Die eindrucksvolle Liste reicht von Jürgen Becker, Robert Gernhard, Günter Grass und Ulla Hahn bis hin zu Urs Widmer und Wolf Wondraschek.

Neben Gedichten gibt es natürlich auch viele Fußballromane auf CD, ein Medium, das sich natürlich ideal eignet für allerlei Geschichten, "über die wo gwinne wellet."