Lokale Kultur

Wunderwerke der Ernsthaftigkeit und der Komik

KIRCHHEIM Mit dem bewusst ironisierenden Titel "Die Überlebensbibliothek" hat Rainer Moritz sein neuestes Buch überschrieben, mit dem er Herzen höher schlagen lassen kann nicht zuletzt auch die von Buchhändlerinnen und -händlern. Ein relativ unscheinbares und

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WOLF-DIETER TRUPPAT

mit seinem hellblauen Umschlag zunächst eher harmlos wirkendes Buch zu verkaufen, in dem kenntnisreich Appetit auf immerhin 66 ausgewählte Romane, Krimis, Kurzgeschichten oder Erzählungen gemacht wird, birgt zweifellos Hoffnung auf aufkommende hemmungslose Lust nach Lektüre in sich.

Der 1958 in Heilbronn geborene promovierte Literaturwissenschaftler richtet aber auch warnend den nie erhobenen Zeigefinger auf Werke der Weltliteratur, die sich viele Literaturfreunde für die Musestunden des Alters aufbewahren und in denen voll sprachlicher Eleganz dann auf über 500 Seiten nicht viel mehr passiert, als dass zwei Menschen sich auf zwei freie Stühle setzen . . .

Wie Geschäftsführerin Sibylle Mockler bei ihrer Begrüßung im Kirchheimer Buchhaus Zimmermann betonte, ist der einstige Verlagsleiter bei Hoffmann und Campe und jetzige Leiter des Literaturhauses Hamburg nicht nur beredt und belesen, sondern auch sehr vielseitig. Mit seinem Buch "Und das Meer singt ein Lied" hätte Rainer Moritz zweifellos auch einen ironischen Blick auf die heile Welt des Schlagers werfen oder aber auch mit "Abseits" über "Das letzte Geheimnis des Fußballs" plaudern können.

Von dem Feuerwerk zum Abschluss des Gallusmarktes lautstark in der Teckstadt begrüßt, hatte Rainer Moritz sich aber voll darauf eingeschworen, den um ihn versammelten bekennenden Lesern neue Wege hinter interessante Buchrücken aufzuzeigen. Ihnen Neues und eher Unbekanntes zu empfehlen, war ihm dabei genau so wichtig, wie sie in ihrem literarischen Rezipiententum zu bestätigen, wenn der eingeschlagene Weg an ganz besonders markanten und daher auch vielen bekannten Meilensteinen vorbeiführte, die es wert sind, immer wieder aufgesucht und genossen zu werden.

Trotz der einem promovierten Literaturwissenschaftler zu unterstellenden Seriosität machte er gleich zu Beginn relativ respektlos deutlich, dass das Zählen von Versfüßen durchaus seine Berechtigung habe, wissenschaftliche Akribie aber nie so weit führen dürfe, dass der persönliche Zugang zu Büchern versperrt wird. Mit einem geradezu liebevollen kategorischen Imperativ gibt der belesene, aber nie belehrende Literaturfreund launige Lesetipps für praktisch jede Lebenslage, die von der Problematik "Mit sich selbst zurechtkommen" in acht Hauptkapiteln bis zu der bitteren Erkenntnis führt, "dass Lesen nicht automatisch eine persönlichkeitsfördernde Beschäftigung sein muss".

Der gelernte Geisteswissenschaftler führt seine Leser konsequent durch eine überzeugend stringente Struktur, die er seinem mit navigatorischer Präzision aufwartenden Kompendium durch das weite Feld der Literatur vom 18. Jahrhundert bis gestern mit auf den Weg durch lange Leseinstanzen gibt.

Dass Rainer Moritz keine Ge- und noch viel weniger Verbote aufstellen, sondern einfach nur selektiv subjektive und im erneuten Eigenversuch erprobte Empfehlungen weitergeben will, spürt man sofort. "Wer sich selbst unterschätzt, lese: Hans Christian Andersen, Das hässliche Entlein", "Wer als Übergewichtiger, Neureicher oder Brillenträger Trost braucht, lese Rene Goscinny, Der kleine Nick", lauten seine ersten literarisch überzeugend unterbauten Handreichungen.

Auch wenn er nicht behauptet, dass Bücher das Überleben sichern, gefällt ihm ganz gewiss der Gedanke, dass sie gelegentlich Freunde und Therapeuten ersetzen, ganz sicher aber Erste Hilfe leisten können auch wenn sich das bei der "schönen Literatur" etwas komplizierter darstellt als bei Büchern, die sich mit eher pragmatischen Problemen wie etwa der artgerechten Aufzucht von Hamstern oder dem vollendeten Filetieren von Fischen beschäftigen.

Der Themenschwerpunkt "Essen und Trinken" nimmt in dem bei Piper erschienenen Buch breiten Raum ein. Nach der schmerzhaften Begegnung mit Kuchenstücken, die so dick sind wie Tolstois "Krieg und Frieden", ist es für den Literaturwissenschaftler Rainer Moritz allerhöchste Zeit, sich nicht nur "an fremde Orte" zu begeben, zu versuchen, "mit anderen Menschen zurecht zu kommen" oder "über Gott und die Welt nachzudenken", sondern auch gleich noch "Im Durcheinander von Erotik, Sex und Liebe klüger zu werden".

Dass in diesem von Albert Drachs "Untersuchung an Mädels" bis zu Stephen Vizinczeys "Wie ich lernte, die Frauen zu lieben" reichende Kapitel auch Theodor Storms "Immensee" oder Johann Wolfgang von Goethes "Leiden des jungen Werther" Platz finden, zeugt von der Bandbreite des Kompendiums, das aufklären, anregen und unterhalten, aber keinesfalls diktatorischer Kanon sein will. Robert Gernhardt und Karl Valentin sind im klug zusammengestellten Reigen unterschiedlichster Literatur-Liebeleien genauso mit von der Partie wie etwa der altersklug in springenden Brunnen badende Martin Walser.

Auf gleich zwei Nennungen hat es im Kreis der 66 empfohlenen Romane und Erzählungen Karen Duwe gebracht. Neben ihrem wasserumtosten "Regenroman" und "Weihnachten mit Thomas Müller" ist ihr vor allem auch die bemerkenswerte und einen interessanten Abend literarischer Begegnungen beendenden Erkenntnis zu verdanken: "Wer jammert, hat noch Reserven . . ."