Lokale Kultur

Zauberinternat mit Hauselfen, Flohpulver und einem sprechenden Hut

OWEN Düstere Gestalten in dunklen Gewändern schritten den steilen Waldweg hinauf durch die Nacht. Die einen hielten Laternen hoch, um den dunklen Pfad ein wenig zu erhellen, andere trugen Fackeln bei sich und wieder andere

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BIANCA LÜTZ

hatten altmodische Reisigbesen geschultert. Voller Spannung eilten sie alle dem gleichen Ziel entgegen: Der Zaubererschule "Hogwarts", in die sich die Burg Teck anlässlich des Erscheinens der deutschen Ausgabe von "Harry Potter und der Halbblutprinz" für eine Nacht verwandelte.

So steil und beschwerlich der Weg nach "Hogwarts" auch war dafür, dass die nächtliche Wanderung nicht langweilig wurde, hatten die Organisatoren der Buchhandlungen Zimmermann aus Kirchheim und Nürtingen gesorgt. Zwischen den Bäumen lugte ein Einhorn in Gestalt eines weißen Ponys hervor, das ein blau leuchtendes Plastikhorn auf der Stirn trug. Am Wegesrand lauerte zwischen den Bäumen in ihrem riesigen Netz eine überdimensionale, schwarze Spinne mit rot blinkenden Augen und an einer Kehre vor dem Schloss fuchtelte die "peitschende Weide" mit ihren Zweigen hin und her.

Auf halber Strecke herrschte reges Treiben am Wegesrand. "Kollaps-Pilze zu 20 Cent", "Flohpulver", "Zaubertränke", warb eine Frau mit schwarzem Umhang und Zaubererhut für ungewöhnliche Leckereien. Kinder und Erwachsene, ob in Straßenkleidung oder wallenden Gewändern, drängten sich um den Leiterwagen, auf dem ein riesiger Koffer mit Waren platziert war. Neben dem Stand prangte ein Schild mit der Aufschrift "Weasleys Zauberhafte Zauberscherze". Die neugierigen Besucher füllten ihre Taschen mit "Flubberwürmern" sauren Gummischlangen , selbst leuchtenden Zauberstäben und "Flohpulver", das große Ähnlichkeit mit Brause aufwies, und das eingefleischte Harry-Potter-Fans als Hilfsmittel kennen, um über das "Flohnetzwerk" bequem von einem Kamin zum nächsten zu reisen. Das Pulver half zwar nicht dabei, im Nu auf der Teck zu landen, versüßte aber vor allem den kleinen Besuchern den Weg zum "Schloss".

"Der Tagesprophet, druckfrisch", pries eine andere schwarz gewandete Frau die aktuelle "Zeitung für die Zaubererwelt" an. Jedem, der den mit Fackeln, Schwedenfeuern und Laternen ausgeleuchteten Burghof betrat, drückte sie ein Exemplar in die Hand. In den Beiträgen der Zaubererzeitung vermischten sich wie so oft in dieser Nacht Realität und Buchwelt: "Neuer Potter, Neue Koalition?", lautete beispielsweise die Überschrift eines Artikels, der von vorgezogenen Wahlen zum neuen Zaubererparlament und Prognosen renommierter Wahrsageinstitute handelt.

Vor dem Eingang zum Speisesaal von "Hogwarts" herrschte Gedränge. Kleine und große menschliche "Muggel" konnten es kaum erwarten, den Raum zu betreten. Allesamt mussten sie aber erst einmal an der "Dicken Dame" vorbei. Hinein durfte nur, wer das aktuelle Passwort, "Zimmermanns Zauberernacht", wusste. Vier Flaggen mit den Wappen der Internatshäuser Gryffindor, Ravenclaw, Slytherin und Hufflepuff hingen an der Wand des Saals, davor waren vier Tafeln aufgebaut. Der Lehrertisch vorne im Raum war bereits voll belegt: Schulleiter Albus Dumbledore alias Hans-Peter Zuther mit weißem Rauschebart und rotem Umhang beobachtete wachsam das Treiben. Neben ihm blickte Matthias Lätzsch, der dem Professor Snape in den Harry-Potter-Filmen zum Verwechseln ähnlich sah, eisig in die Runde, und Professor Mc Gonagall alias Jennifer Fick balancierte würdevoll ihren gefiederten Spitzhut auf dem Kopf. Daneben groß, breit und mit einem laut dröhnenden Motorrad auf die Burg gebraust hatte der Wildhüter Hagrid alias Thomas Kress Platz genommen. Bei Honig-Met, Kürbissaft und Butterbier die Cola, Limonade und Apfelsaft zum Verwechseln ähnlich schmeckten lauschten 150 Besucher den Begrüßungen und Ermahnungen der Lehrer. "Störungen durch solche Muggel-Artefakte werden nicht toleriert", zischte Professor Snape und hielt ein Handy in die Höhe.

Wer die Harry-Potter-Bücher kennt, weiß, dass ein Ritual zum Schuljahresbeginn auf keinen Fall fehlen darf: Die Einteilung der neuen Schüler in die verschiedenen Häuser durch den sprechenden Hut. Selbstverständlich tanzte und wackelte daher auch an diesem Abend ein alter Schlapphut auf dem Stuhl vor dem Lehrerpodium auf und ab. Er analysierte die Eigenschaften der Kinder, die ihn aufsetzten, und verwies sie in die verschiedenen Häuser, je nachdem, ob er sie als mutig oder listig, gerecht oder schlau einstufte. Decken sich in den Harry-Potter-Büchern die Tische gewöhnlich auf zauberhafte Weise ganz von selbst, so mühte sich auf der Burg Teck eine ganze Mannschaft Zimmermannscher Hauselfen ab, die hungrigen Besucher zu ihrer Zufriedenheit zu versorgen.

Als Mitternacht näher rückte, wirbelte Albus Dumbledores Schwester "Imagina", dargestellt von der Schauspielerin Dagmar Claus, in den Raum. Im Gepäck hatte sie ein Buch, dem an diesem Abend wohl alle entgegenfieberten: Das sechste Werk der Autorin Joanne K. Rowling, "Harry Potter und der Halbblutprinz". Kinder und Erwachsene lauschten gespannt, als sie von einer Begegnung zwischen Bellatrix, Narzissa und Professor Snape vorlas. Die Bekenntnisse des Lehrers zum dunklen Lord ließen wohl in einigen der Zuhörer bereits dunkle Vorahnungen aufkommen . . .

Kaum hatte die Uhr Mitternacht geschlagen, eilten die Besucher hinaus in den Burghof und drängten sich um die Verkaufstische, die dort aufgebaut waren. Wer ein Exemplar des neuen Bandes ergattert hatte, konnte schnurstracks in den Speisesaal zurückkehren und sich sein Buch von Dumbledore und Snape, McGonagall und Hagrid signieren lassen. "Super", kommentierte ein kleiner Besucher den Abend auf der Teck und auch seine Eltern stimmten begeistert in das Lob ein. "Am besten gefallen hat mir, dass die Lehrer so gut inszeniert waren", honorierte ein anderer Junge den Aufwand, mit dem Mitarbeiter der Buchhandlung Zimmermann und Laienschauspieler Schloss Hogwarts auf der Teck aufleben ließen. "Die Harry-Potter-Nacht ist eine große Gemeinschaftsaktion von allen Mitarbeitern", informierte Christiane Ahlgrimm, Geschäftsführerin der Buchhandlung Zimmermann in Nürtingen. So habe eine Mitarbeiterin, die früher beim Theater tätig war, die überdimensionale Spinne selbst entworfen. Eine andere habe dafür gesorgt, dass im Wald ein Einhorn auf die Besucher wartete. Die Resonanz auf die Veranstaltung war nach Auskuft von Christiane Ahlgrimm überwältigend: "Sie war innerhalb von vier oder fünf Tagen ausverkauft."

Nach und nach verließen die "Muggel" den Burghof wieder. Als sie die Toiletten am Eingangstor passierten, fühlten sie sich zum letzten Mal in dieser Nacht in die Welt Harry Potters versetzt: Aus dem Inneren des ansonsten stillen Örtchens der Teck hörten sie das Wimmern und Heulen der "Maulenden Myrthe", einem Geistermädchen, das im Klo des Zaubererinternats haust.