Lokale Kultur

Zeckenzüchter, Bratwürste und streunende Hunde

WENDLINGEN "Willkommen zum 23.", hieß es am Donnerstagabend im ausverkauften Zirkuszelt an der Schäferhauser Straße. Schon zum 23. Mal fiel der Startschuss zum

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HEINZ BÖHLER

Wendlinger Zeltspektakel, und diesmal machten sechs Blitzschalter, ein mehr oder weniger parteiischer Showmaster und seine Assistentin vom Tübinger "Harlekintheater" mit einer neuen Runde "Theatersport" den Anfang.

Zunächst deutete Schiedsrichter-Moderator Heiner Kondschak schon einmal an, wer hier Herr im Hause ist. Um davon abzulenken, dass hier im Zelt genau wie bei Gottschalk und Konsorten er der Chef im Ring ist, verteilte er die Pfeifen, nach denen eh keiner tanzt, großzügig im Saal. Nachdem die Fronten geklärt, das Publikum dressiert und die Uhrzeit weit genug vorangeschritten war, kamen endlich auch die Akteure: auf jeder Seite drei Schauspielsportler in Blau die Fortunen der Faust und auf der anderen Seite in Rot das Trio der "Coolen Rampe".

Cool gaben sich alle: der Alles-im-Griff-Moderator, die sonnebrillierenden Sportler und ein Musiker, der die Runde mir der Zarathustra-Fanfare startete. Die Teams begaben sich zur Mittellinie und gleich begann ein intensives Kurzpass-Wortspiel, mit dem sich der Moderator durch die Reihen der Teams zappte. Nach jedem Anstoß bot sich den Zuschauern ein neues Bild der Lage. Die Führung wechselte mehrfach, bis sich zum Ende der ersten Halbzeit ein Skandal andeutete. Nicht Auswechseln wollte man bei "Coole Rampe", nein, man suchte die Unterstützung des Publikums, das prompt reagierte auf den Hilferuf: "Wir brauchen ein Wendlinger Problem."

"Der Bürgermeister", schallte es mehrstimmig aus dem Dunkel auf die Bühne, und man ahnte förmlich, wie sich auf den Stirnen der Verantwortlichen Angstschweiß sammelte. Die Runde, so mussten sie fürchten, konnte nur zu ihren Lasten gehen. Doch die Truppe um Heiner Konschak, ein alter Rampenhase eben, war auch darauf vorbereitet, und die roten Mädels von der "Coolen Rampe" wollten Autobahn und ICE-Trasse rechts und links liegen lassen, wollten nur das Eine: "Super-Ziegler, sei mein".

Doch damit konnten sie sich die mittlerweile an die Blauen verlorene Führung nicht zurückholen und mussten mit einem Rückstand in die Kabine. "Ein Hexenkessel in Wendlingen", Heiner Kondschak schien tief beeindruckt von der Leidenschaft, mit der das Publikum an der Begegnung teilnahm. Besonders einen "Jürgen" aus der ersten Reihe mit einem schönen Vorgarten hatte er ins Herz geschlossen. "Hast du genug zu essen?", erkundigte er sich immer wieder besorgt, bevor er die Arena für die wettstreitenden Schauspieler wieder frei gab.

Eine frei erfundene Geschichte in Esperanto erzählt und von einem Fortuna-Faust-Mannschaftskameraden ins Deutsche transformiert, artete in ein grandioses Doppel-, nein Vielfachpassspiel aus, in dem der Erzähler ein ums andere mal chinesisch antäuschte, um dann russisch am Partner vorbei zu gehen. Im Gegenzug startete "Coole Rampe" ein Aktion, die so manchem unter die Haut gehen konnte: Ein Hobby, das es nicht gibt, wollten sie dem Publikum vermitteln und wählten auf dessen eigenen Vorschlag "Zecken züchten".

Es folgten noch die von der Spielleitung geforderten Gesangsstücke. "Coole Rampe" ging vom Publikum getrieben aufs Ganze und spielte alle Teile von Wagners "Hebamme" auf einmal. "Fair geht vor" dachte sich Faustfortune Romeo Meyer und kam dem in Unterzahl agierenden Gegner zu Hilfe. Nach vorgetäuschter Sturzgeburt legte er sich als frischgefallener Säugling auf den Boden, bis ihn die Mutter auch ohne Test als ihr Kind anerkannte. Zu einem nicht allzu oft gehörten Bibelzitat, so Heiner Kondschak, sollten die faustischen Glücksritter sich ein Barocksingspiel ausdenken. Kaum war nach ungefähr zehn Minuten ein Bibelspruch gefunden "Der Herr ist mein Hirte" fand sich mit Mirjam Barthel auch schon ein Schaf, wie man sich es schöner kaum denken kann, nämlich in der Wolle blaugefärbt.

Als das Spiel in die Endphase trat, mehrten sich die spannenden Nahkampfsituationen: "Die Bratwurst" zu suchen zog Stefan "Marlowe" Töpelmann aus und fand im Schusswechsel den Tod der "streunenden Hunde" überraschend: "Traf die Kugel tatsächlich zweimal?" Am Ende unterlag ein Team dem anderen und zwar wie Heiner Konschak treffend bemerkte denkbar knapp mit 16 zu 43. Es hätte auch anders kommen können, wenn nicht am Ende ein Lied für Jürgen aus der ersten Reihe als erster Schritt zur allgemeinen Versöhnung gewertet worden wäre. Da blieb kein Auge trocken.