Lokale Kultur

Zeitlose Frische barocker Musik

Im Kirchheimer Kornhaus fand ein erlesenes Barockkonzert unter dem Motto „Von Stockholm nach Rom“ statt

Kirchheim. Von Stockholm nach Rom“ – unter diesem Motto gaben Violinist Bernhard Moosbauer und Cembalist Andreas Scheufler ein erlesenes Barockkonzert im Kirchheimer Kornhaus. Der programmstiftende Titel war keiner paneuropäischen Beliebigkeit geschuldet,

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zeichnete vielmehr in musikalischen Zeugnissen und historischen Erläuterungen die Stationen des Reisewegs Christina von Schwedens (1626‑1689) nach, den die abgedankte Monarchin aufgrund ihres Entschlusses, zum Katholizismus zu konvertieren, angetreten hatte.

Nachdem die kunstsinnige und bildungsbeflissene Regentin – an ihrem prunkvoll geführten Hof hatte sie auch den Philosophen René Decartes zu Gast, mit dem sie stets in den frühen Morgenstunden zu disputieren pflegte – auf dem Reichstag zu Uppsala im Jahre 1654 ihre Abdankung erklären ließ, flüchtete sie wegen des Nordischen Krieges über Münster und Utrecht nach Antwerpen.

Dieser ersten Reiseepisode entsprachen Moosbauer und Scheufler mit ihrer geschmackvollen Darbietung eines sich in virtuose Diminutionen einhüllenden Chorals des in Stockholm tätig gewesenen Komponisten William Brade (circa 1560‑1630) sowie eines „Praeambulums“ für Cembalo solo aus der Feder des bedeutenden Hamburger Organisten Heinrich Scheidemann, der als Schüler Sweelincks in direkter Sukzession niederdeutscher Tradition stand.

Leopold Wilhelm von Österreich war es dann, der Christina nach Brüssel einlud, wo sie am 24. Dezember 1654 der katholischen Kirche beitrat. Ein Ereignis, das aus politischen Gründen zunächst aber noch geheim gehalten wurde. Als Repräsentanten Brüsseler Musikproduktion standen Nikolaus a Kempis (circa 1600-1676) und Johann Jakob Froberger (1616‑1667) auf dem Programm. Von Ersterem erklang die Sinfonia IV aus Op. 2, die sich an Vorbilder italienischer Sonaten anlehnt und dank ihres schön ausgespielten, überaus reichen Gehaltes an barocken Affekten sich wie eine Reihung kleiner Opernszenen ausnahm. Froberger stammte zwar aus Stuttgart, war aber einer der weitgereistesten Musiker seiner Zeit und hinterließ somit auch in Brüssel künstlerische Spuren. Seine Suite IV in C für Cembalo solo beeindruckte mit dunkler Feierlichkeit des an den Beginn gesetzten Lamentos, die nach der Folge zweier schneller Tanzsätze schließlich in opulenter Prachtentfaltung der Sarabande kulminiert.

Ganze neun Monate verweilte Christina in Brüssel, bevor sie nach Innsbruck weiterzog und am 3. November 1655 in der dortigen Hofkirche offiziell zum Katholizismus übertrat. Für die katholische Kirche ein symbolträchtiger Triumph. Hatte man mit Christina doch keine Geringere als die Tochter Gustav Adolfs, des Helden des Dreißigjährigen Krieges und obersten politischen Verfechters des Protestantismus, „abgeworben“ und in die eigenen Reihen aufgenommen. Im katholischen Innsbruck, in unmittelbarer Nähe Italiens, konnte dieser strategische Sieg der Gegenreformation nun öffentlichkeitswirksam mit allem Pomp begangen werden.

Giovanni Buonaventura Viviani (1638-1692) gehörte nicht nur zur ersten Garde der Violinisten seiner Zeit, er stand als Kapellmeister auch der Innsbrucker Hofmusik vor. In der famosen Interpretation durch Bernhard Moosbauer begeisterte Vivianis Sonate I für Violine und Basso continuo mit dramatisch-virtuosem Gestus, elegant fugierten Abschnitten sowie souveränen Erweiterungen der klanglichen Möglichkeiten, etwa durch Doppelgriffe der linken Hand.

In Rom angekommen, widmete sich Christina ganz der Kunst und eröffnete 1671 das „Teatro Tor di nona“, das erste öffentliche Theater der Stadt. Die Musikliebhaberin, die wahrscheinlich selbst Geige spielte, gab bei Allesandro Stradella und Bernardo Pasquini Kompositionen in Auftrag, Giacomo Sarissimi und Alessandro Scarlatti wurden ihre Kapellmeister. Seine zukunftsweisende, unter der Opusnummer 1 zusammengefasste Sammlung von Triosonaten widmete Arcangelo Corelli, seinerzeit die beherrschende Figur des römischen Musiklebens, seiner Mäzenin Christina.

So bildeten auch zwei Werke Alessandro Stradellas (1639-1682) – die Sinfonia in D für Violine und Basso continuo – und Arcangelo Corellis (1653-1713) – die Sonate in e-Moll Op. 5 Nr. 8 – den glanzvollen Abschluss eines Konzerts, das mit unterhaltsamem Anspruch die zeitlose Frische barocker Musik vor dem bewegten Hintergrund europäischer Kulturgeschichte aufleuchten ließ.