Lokale Kultur

Zeugnisse einer verschollenen Generation

Arbeiten von Lotte Lesehr-Schneider sind bis Sonntag, 12. Mai, in der städtischen Galerie im Kirchheimer Kornhaus ausgestellt

Kirchheim. Mit weichem, modulierendem und kraftvoll-heftigem Kohlestift zeichnet die Malerin. Die Zeichnerin malt in den tiefsten wie lichtesten Schwärzen. Nicht von ungefähr wurde das in der städtischen Galerie im Kornhaus ausgestellte Werk von Lotte Lesehr-Schneider und seiner schonungslosen Drastik und eigenen, realistischen Stilsicherheit neben das Oeuvre von Künstler-Zeitgenossen wie Käthe Kollwitz und Otto Dix gestellt.

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FLORIAN STEGMAIER

So urteilt die langjährige Leiterin der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart, Ulrike Gauss, über das Werk von Lotte Lesehr-Schneider, deren Malerei und Grafiken aktuell eine Ausstellung im ersten Obergeschoss der Städtischen Galerie im Kornhaus gewidmet ist.

Die 1908 in Oberlenningen geborene Künstlerin wuchs in Stuttgart auf, wo sie ab 1925 bei den Professoren Waldschmidt und Kolig an der Kunstakademie studierte. Durch die Ehe mit dem Bildhauer Georg Lesehr wurde ihr ab 1938 das oberschwäbische Biberach zur neuen Heimat. In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs zerstörte eine Bomben-Druckwelle das Haus der Familie und vernichtete einen Großteil des künstlerischen Werks.

Durch die historische Konstellation der beiden Weltkriege und einer nach 1945 völlig veränderten, da von Gegenstandslosigkeit und Tachismus geprägten Kunstlandschaft, bilden die um 1900 herum geborenen und einer realistische Bildauffassung verpflichteten Künstler eine unfreiwillige Schicksalsgemeinschaft. Man spricht von der „verschollenen Generation“.

Im Zuge ihrer Einführungsrede wies Ingrid von der Dollen, Vorsitzende des Münchner Förderkreises für Expressiven Realismus und Autorin einer Publikation über das Werk von Lotte Lesehr-Schneider, darauf hin, dass für die Frauen sogar das Phänomen einer „doppelten Verschollenheit“ gelte. Nicht nur, weil sie meist weniger Beachtung als männliche Künstler gefunden hätten, sondern weil sie für gewöhnlich eher bereit waren, sich familiären Zwängen unterzuordnen. Auch Lotte Lesehr-Schneider habe Familie und Künstlertum nicht miteinander vereinen können, weswegen das Werk insgesamt zahlenmäßig beschränkt ist, nicht allein durch die Kriegszerstörungen.

Als Kunststudentin in den 20er- Jahren habe Lotte Lesehr-Schneider inmitten eines aufkommenden Stilpluralismus sehr schnell und sehr jung eine eigene Handschrift entwickelt, anstatt sich in nachahmenden Experimenten zu verlieren. Ingrid von der Dollen wies unter anderem auf die im Stuttgarter Bürgerhospital entstandenen Porträts psychisch kranker Menschen hin. Das „Inte­resse am Menschen schlechthin“ habe die gerade einmal zwanzigjährige Künstlerin dazu motiviert, Mut und Kraft seien nötig gewesen, sich in die Porträtierten einzufühlen.

Lotte Lesehr-Schneider hat ihre eigene Arbeit einmal so charakterisiert: „Wenn ich ein Gesicht eines Menschen zeichne, so verbinde ich mich mit ihm. Sein Schicksal, seine Herkunft konzentriert sich im Gesichtsausdruck, in der körperlichen Haltung. Beim Nachspüren der Gesichtsform, der Falten, dem Augenausdruck entsteht der erlebte Strich.“

Chronologisch betrachtet schließen sich in der Kirchheimer Ausstellung an diese Grafiken zahlreiche in den 1930er-Jahren entstandene Ölporträts an – darunter mehrere Selbstbildnisse – die eine Hinneigung zu neusachlicher Bildauffassung zeigen. Auch die Bildfläche insgesamt beruhigt sich zugunsten einer glatten, flächigen Farbbehandlung; im Kornhaus derzeit schön zu studieren am Bildnis der Schauspielerin Irmgard Roediger.

Die von kräftiger, kühner Farbigkeit und einem vehementen, sichtbaren Pinselduktus geprägten späten Gemälde der 60er-Jahre, stellen laut Ingrid von der Dollen dazu einen denkbar starken Kontrast dar. Im Gegensatz zu vielen Künstlerkollegen folgte Lotte Lesehr-Schneider jedoch nicht dem Trend der Zeit, der dem Informel galt, sondern blieb ihrem großen Interesse am Menschen treu.

Die Ausstellung „Lotte Lesehr-Schneider – Malerei und Grafik“ ist bis einschließlich Pfingstsonntag, 12. Mai, im ersten Obergeschoss der städtischen Galerie im Kornhaus zu sehen.

Öffentliche Führungen mit dem Sohn der Künstlerin, dem Stuttgarter Maler Michael Lesehr, werden an den beiden Sonntagen 13., und 27. April, jeweils um 11 Uhr im Kornhaus angeboten.