Lokale Wirtschaft

"Zuversicht ist die Mutter aller Besserung"

Das Defilee der regionalen Wirtschaft ist an seinen angestammten Platz zurückgekehrt. Nachdem die Industrie- und Handelskammer (IHK) im vergangenen Jahr mit ihrem traditionellen Neujahrsempfang nach Nürtingen ausgewichen war, wurde diesmal wieder in Esslingen gefeiert. Vor 450 Gästen im Neckar Forum machte IHK-Präsident Wolfgang Kiesel seinen Unternehmerkollegen Mut.

ESSLINGEN Vor dem Festvortrag des "Wirtschaftsweisen" Wolfgang Wiegard begrüßte Kiesel die Vertreter aus Politik und Wirtschaft. Der erste Neujahrsempfang in der neu gebauten Halle war für ihn eine besondere Freude: "Denn die IHK war stets ein Befürworter der neuen Stadthalle und des angeschlossenen Hotels." Mit dem Ergebnis zeigte sich der Präsident sehr zufrieden: "Ich finde, es ist ein rundherum gelungener Bau mit einigen sehr interessanten Aspekten in der Fassadengestaltung."

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In Kiesels weiterer Ansprache ging es dann aber weniger um Architektur, als um die Situation der Unternehmen in der Region. Und die sieht der Chef einer Firma für Bauchemie bei weitem nicht so düster, wie sie bisweilen dargestellt wird. Die Stimmung in Deutschland sei so gut wie seit Jahren nicht mehr. "Ich glaube, das Jahr 2006 wird ein gutes Jahr", prophezeite der IHK-Präsident und fügte hinzu: "Zuversicht ist die Mutter aller Besserung." Hoffnung setzt der Unternehmer dabei auch auf die Große Koalition in Berlin. Statt des vielfach geforderten großen Wurfs könne diese zwar nur eine Politik der kleinen Schritte machen, doch das müsse nicht schlecht sein. Denn so bestehe die Chance, dass die Politik mehr Rückhalt in der Bevölkerung habe: "Insofern keimt die Hoffnung auf, dass viele kleine Schritte in die richtige Richtung alle mitnehmen und zum Erfolg führen." Allerdings blickt Kiesel auch nicht durch eine rosarote Brille. Mit Sorge sieht er die Entwicklung, dass immer mehr Arbeitsplätze ins Ausland verlagert werden. Nur durch die Entwicklung hochwertiger neuer Produkte könne Deutschland konkurrenzfähig bleiben. Kiesel begrüßte die Pläne der Regierung, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung aufzustocken, nahm aber auch die Unternehmer in die Pflicht: "So wie wir Bildung, Solidarität und Selbstverantwortung einfordern, so müssen wir auch als Unternehmer handeln. Bevor wir Arbeitsplätze aufgeben oder verlagern, sollten wir alles daransetzen, Arbeitsplätze zu erhalten."

Auch die geplante Schließung des Panasonic-Bildröhrenwerkes in Zell kam in Kiesels Rede zur Sprache. Die IHK befürworte zwar den Erhalt dieser Arbeitsplätze, der Präsident äußerte aber gleichzeitig Kritik an der Reaktion von Gewerkschaft und Betriebsrat: "Wir werden Arbeitsplätze nicht mit Kampfgeschrei gegenüber einer fern in Japan agierenden Geschäftsleitung erhalten. Und wir werden sie auch nicht erhalten, wenn wir die Geschäftsleitung vor Ort als Marionetten bezeichnen. Ich meine, der Ton macht die Musik", sagte Kiesel. Eine Absage erteilte der IHK-Chef auch Forderungen nach deutlichen Lohnerhöhungen mit dem Ziel, dadurch den privaten Konsum zu stärken. Von einer Lohnerhöhung um 100 Euro brutto würden nur 30 Euro in den Handel fließen, während dem Betrieb durch die Sozialabgaben Kosten von 121 Euro entstünden. Dies fordere betriebswirtschaftliche Reaktionen wie Personalabbau oder Produktionsverlagerung ins Ausland geradezu heraus.

Wenn ein Wirtschaftsweiser als Festredner die gesamtwirtschaftliche Situation seziert, ist selbst bei Wirtschaftsprofis höchste Konzentration gefragt. Nicht hinter der schützenden Hülle eines Rednerpults verborgen, sondern frei auf der Bühne wandelnd und gestikulierend, überhäufte Wolfgang Wiegard das Auditorium mit Zahlen, Fakten, Erklärungen und Analysen. In gänzlich freier Rede wohlgemerkt und mit einem rasanten Tempo, wie es nun mal der Gangart wirtschaftlicher Veränderungen entspricht. Da bleibt für Luft holen wenig Zeit. Extra auswendig lernen musste der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg seine Rede freilich nicht: "Ich beschäftige mich ständig mit dem Thema, da könnte ich stundenlang drüber reden", verriet er hinterher. In Esslingen kam er schon nach einer knappen Stunde zum Ende.

ez