Lokale Kultur

Zwei Königinnen im Rausch der Sinne

Die „Queens of Spleens“ begeisterten einmal mehr das Kirchheimer Bastionspublikum

Kirchheim. Mit ihrer augenblicklichen Wohnadresse kokettierten sie gewaltig. Nach ihrem grandiosen Gastspiel im Gewölbekeller der Bastion mussten die „Queens of ­Spleens“

WOLF-DIETER TRUPPAT

aber vielleicht tatsächlich befürchten, dass ihr konsequent „streng geheim“ gehaltenes Hotel möglicherweise schon von begeisterten Fans umlagert werden könnte.

Schwach anzufangen, um dann stark nachzulassen, ist ihre Sache nicht. Claudia Brendler eröffnete den gelungenen Abend und arbeitete sich anschließend vergnügt und höchst vergnüglich auf ihrer Gitarre virtuos durch unterschiedlichste Musikstile und Melodien, die die teilweise etwas „angegrauten“ Besucher vermutlich schon durchlebt und daher auch mit entsprechenden Erinnerungen verbunden hatten.

Durch das aberwitzige Comedy-Programm führte aber vor allem Conni Webs, die ihre musikalisch dominante Kollegin zwar schon einmal devot auf der Ukulele begleitete, ansonsten aber immer wieder losröhrte, als hätte Joy Flemming gerade die alles entscheidende Brücke verpasst.

Die mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten „Queens of Spleens“ zogen gemeinsam alle Register, steigerten sich von Nummer zu Nummer und wurden am Ende eines ungemein gut angenommenen Abends im legendä­ren Gewölbekeller von frenetischem Applaus immer wieder zurück auf die Bastionsbühne geholt.

Wäre nicht schon zu Beginn des zweiten Teils die am Ende drohende Verkaufsveranstaltung angekündigt worden, „der sich niemand entziehen kann, der wieder ins Freie will“, Conni Webs und Claudia Brendler wären womöglich noch jetzt auf der Bühne. Die Frage, ob eine „Kondomeria“ oder vielleicht doch lieber eine „Gelateria“ den richtigen Weg in die Selbstständigkeit markieren kann, blieb im Dunstkreis wolkenförmig aufsteigender Papstwahl-Ergebnisse völlig offen.

Gleich zwei „Königinnen“ in Kirchheim zu Gast zu haben, die sich spielfreudig und selbstkritisch, ohne jede Skrupel und dabei enorm ironiesicher zu ihren „Spleens“ bekennen, war kein Novum für Veranstalter und ­Publikum. Die beiden Besucherinnen der Teckstadt betonten daher auch immer wieder, dass sie sich der guten Atmosphäre wegen in Kirchheim „an, über oder auch unter Teck“ ganz besonders wohl fühlen und gerne wieder hierherkommen.

Dass sie beim samstäglichen „Heimspiel“ ihr neuestes Programm „Im Rausch der Sinne“ präsentieren werden, war keine Überraschung. Dass sie in Sekundenschnelle auch jede Menge neuer Fans auf ihre Seite ziehen konnten, beeindruckte und war doch auch folgerichtig. Claudia Brendler fand schließlich auf der Gitarre immer die genau richtigen Töne und die passende Musik für das herbeigeströmte Publikum, das offensichtlich preisgekrönte Musik-Comedy einem Fernsehabend vorzog. Mit zwei virtuosen Meisterinnen ihres Fachs, die beide ernsthaft Musik studiert haben, sich dann aber zunehmend für Kabarett und Comedy begeisterten, durften sie sich dann mit atemberaubendem Klamauk und professionell überzeugender Musikuntermalung gleichermaßen allerbestens unterhalten lassen.

Im Raum stand lange Zeit eigentlich nur noch die bange Frage, wann denn endlich auch noch das gerne angemahnte knallharte politische Kabarett seinen Platz im bislang durchaus gefälligen Programm finden wird.

Damit hatten die beiden gut gelaunten und selbstbewussten Damen freilich wenig am Hut – auch wenn sie natürlich auch dieses „Defizit“ thematisierten, ganz konkret den demnächst beginnenden politisch-kritischen Teil des Abends ankündigten – um dann freilich gleich wieder in beste Unterhaltung abzudriften.

Statt kritisch sich mit kabarettistischer Schärfe etwa mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen, stand unter anderem das Rasieren von Beinen und die zunehmende Haarlosigkeit im Brennpunkt des Abends, bei dem sich Conni Webs und Claudia Brendler unaufgeregt und teamfähig die Bälle zuspielten.

Eine möglicherweise zu unterstellende Dominanz der einen „Königin“ wurde in majestätischer Gelassenheit ganz einfach durch ein entsprechend begeistert angenommenes musikalisches Solo souverän wieder ausgeglichen. Die grundsätzlich gleichberechtigten „Queens of Spleens“ sorgten jedenfalls bei ihren gitarre- und ukulelebegleiteten Verirrungen „Im Reich der Sinne“ für Unterhaltung, die eigentlich nicht nur einem „reiferen Publikum“ hätte vorbehalten bleiben müssen.

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