Lokale Kultur

Zwischen Beschneidungstradition und Heiratsgelüsten

KIRCHHEIM Der inzwischen endgültig zu Ende gegangene, ungewöhnlich milde Oktober, setzte erstaunliche Rekordmarken und begeisterte Meteorologen und Sonnenanbeter. Kabarettfreunden dagegen

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WOLF-DIETER TRUPPAT

bescherte der Kirchheimer club bastion im Oktober einen Kabarett-Triathlon, der sich wahrlich sehen lassen konnte.

Nach der "Kanzler/in Souffleuse" Simone Solga, die die dreiteilige Kabarett-Staffel lostrat, machte Florian Schroeder, der derzeit mit seinem Programm "Auf Ochsentour" unterwegs ist, nach Auftritten im Düsseldorfer Kommödchen und im Stuttgarter Theaterhaus auch in Kirchheim Station, um mit seinem Polit-Comedy, Kabarett und Parodie verbindenden Programm zu überzeugen.

Für ein fulminantes Finale sorgte nun Muhsin Omurca, der im Bastionskeller sein grenzüberschreitendes neues Programm "Die EUmanen kommen TRäume AlptrEUme" präsentierte und gnadenlos mit allen mit diesem Thema verbundenen Ängsten und Hoffnungen spielte. In der Türkei geboren und dennoch längst "richtiger Deutscher", hat er ideale Voraussetzungen, um in kaum zu überbietender kabarettistischer Unkorrektheit die aktuelle Thematik der intensiven Annäherungsversuche "seiner" Türkei an "sein" Deutschland kritisch zu beleuchten und kenntnisreich und vor allem auch kulturkritisch zu hinterfragen.

Der in Ulm lebende Erfinder des bis dahin unbekannten Genres "Migranten-Comedy", gründete im Jahr 1986 gemeinsam mit Sinasi Dikmen das erste türkische Kabarett, das als "KnobiBonbonKabarett" firmierend einen äußerst erfolgreichen Siegeszug durch die Kleinkunstszene der Republik antreten konnte. 1987 mit dem Kleinkunstpreis ausgezeichnet, wagte Muhsin Omurca den Abschied von "KnobiBonbon" und konnte als erfolgreicher Solist 1998 den Deutschen Kabarettpreis und den von der Münchner Abendzeitung verliehenen "Stern der Woche" entgegen nehmen.

Kraft Geburt in Verbindung mit seiner neu erlangten Staatsangehörigkeit kann Muhsin Omurca wie kaum ein anderer absolut tabulos deutsch-türkische Vorurteile thematisieren, analysieren und deftig karikieren, ohne dauernd dem Vorwurf ausgesetzt zu sein, politisch inkorrekt zu agieren.

Nach seinem Programm "Kanakmän", das andere Kabarettisten schon des Titels wegen so nie auf die Bühne hätten bringen können, feierte der auch als Cartoonist und Karikaturist international anerkannte Muhsin Omurca mit seinem preisgekrönten "Tagebuch eines Skinheds in Istanbul" einen weiteren Erfolg, bevor er sich in seinem nun auch in Kirchheim vorgestellten dritten Soloprogramm voll und ganz auf die kaum unterdrückbaren Hochzeitsgelüste konzentriert, die die Menschen am Bosporus in ganz andere Wallungen bringt als die sich deutlich zierenden restlichen EU-Bürger.

Wie sich diese völlig unterschiedlichen Einstellungen zur anstehenden Ehe erklären lassen, machte Mediator Muhsin Omurca unmissverständlich deutlich, der weiß, dass bei dieser Ehe die sich diametral unterscheidenden "TR/EUe-Prinzipen" kennen lernen, lieben und heiraten beziehungsweise erst heiraten und dann kennen- und möglicherweise lieben lernen nicht leicht unter einen Hut zu bringen sind.

Wohl wissend, dass der Bereich unter der Gürtellinie in seinem Heimatland eine absolute Tabuzone darstellt, vermittelte der "Frisch Integrierte" und einst auch als "Beschneider von Ulm" auftretende Kabarettist intime Kenntnisse über eine Männergesellschaft, die traditionsbedingt akzeptieren muss, möglicherweise die künftige Braut gar nicht zu kennen.

Überzeugt davon, dass es ohne Türken gar keine EU geben würde, war sich Muhsin Omurca sicher, dass es eigentlich keinen Grund dafür gibt, den türkischen Heiratsgelüsten in Richtung EU skeptisch gegenüberzustehen. Schließlich gibt es nach all den an diesem Abend herausgearbeiteten Unterschieden laut Muhsin Omurca nur eine europäische Eigenschaft, die Türken und Europäer nicht teilen und das ist "ihre Türkenangst".