Lokale Kultur

Zwischen Recherche und skurrilem Erfindergeist

KIRCHHEIM Anlässlich des 100. Todestages des in Kirchheim geborenen Ingenieurs und Erfinders Max Eyth (1836 1906) hat sich der Kunstbeirat der Städtischen Galerie im Kornhaus entschieden, Projekte zwischen Bildender Kunst, Technik, geschichtlicher Recherche und skurri-

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lem Erfindergeist zum Thema des Jahres 2006 zu machen. So soll es in diesem Jahr auch eine Sommerausstellung (Juli/August) geben, in der mit Hilfe der Kirchheimer Bevölkerung allerhand sonderbare Erfindungen, Raritäten und Tüfteleien, kurz: Objekte der Alltagskreativität zusammengetragen werden sollen.

Den Auftakt zu diesem Jahresprogramm bildet die Ausstellung "Tecknik", die von den Künstlern Helmut Dietz, Tino Panse, Stefan Rohrer und Pablo Wendel bestritten wird. Die jungen Künstler, die gerade ihr Studium an der Stuttgarter Akademie abschließen, haben den Ausstellungsraum in eine Art Dunkelkammer verwandelt. Dabei stülpt der Raum sein technisches Innenleben zur Straße nach außen: In den Schaufenstern sind die Rückseiten von Monitoren, malerische Verkabelungen und eine pneumatische Pumpe zu sehen. Ein konsequent umgesetztes Raumkonzept, das an das architektonische Prinzip der Umkehrung, wie beispielsweise bei Renzo Pianos Röhren und Leitungen an der Fassade des Pariser Centre George Pompidou, erinnert.

Im Inneren zeigen die Künstler Arbeiten, die sich damit befassen, wie stark modernste Technologie bereits unser Denken und unseren Alltag bestimmt. Helmut Dietz hat sich dem Alltagsobjekt Container gewidmet. Tatsächlich sollte man in Deutschland als der führende Exportnation ein ästhetisches Bewusstsein für den Container entwickeln, und zwar nicht nur in seiner Spezifik als Behälter, sondern vor allem als Objekt der Bewegung, als Ikone weltweiter Transportierbarkeit von Waren.

Die Videoinstallation von Helmut Dietz zeigt gestapelte Container im Stuttgarter Hafen. Die filmische Schwenkbewegung der Kamera entwickelt sich in einem anderen Rhythmus als die Bewegungen des Beamers, der die Projektion an der langen Wand des Galerieraums hin und herschwingen lässt. Die raffinierte Überlagerung von Kamera- und Bildbewegungen spielt auch in der zweiten Arbeit des Künstlers eine zentrale Rolle: In Finnland filmte er mit einer vertikal bewegten Kamera den Blick auf einen schneebedeckten Berg. Auf einem Monitor in der Ausstellung ist die Aufnahme nun auf einem Fernsehapperat zu sehen. Zwei Personen tragen dieses Gerät und versuchen dabei, in einer ausgleichenden Bewegung in der Vertikalen das Motiv auf einer Höhe zu halten.

In Tino Panses Arbeit "Rund um den Hund" geht es darum, inwieweit der lebhafte Gefährte des Menschen bereits zum überbehüteten Ding, zum Sachobjekt des Alltags degeneriert ist. In einem Video ist der lebende Hund fast nicht mehr von zwei Stoffhunden zu unterscheiden, da die sechs Sekunden lange Aufnahme in Superslowmotion auf einen 25 Minuten-Loop gestreckt wurde. Fast zum Videostill mutiert erinnert die Aufnahme an barocke Gemälde von Schoß- und Jagdhunden, nur beim genaueren Hinsehen entdeckt man Unterschiede zwischen lebendem Tier und totem Stoffobjekt. Die Degenerierung zum reinen Accessoire der Wohnzimmereinrichtung treibt Tino Panse in einer zweiten Installation ins Absurde: Ein Monitor steckt in einer umgedrehten Hundehütte und zeigt, wie der lebende Hund in die Stoffhülle eines Spielzeughundes gesteckt wird.

Technik, Erfindung und Zivilisation als Mittel, lebendige Wesen zu leblosen Objekten zu machen dieses Prinzip im Beitrag von Tino Panse wird in der Arbeit von Pablo Wendel umgekehrt sicht- und erlebbar gemacht. Vorausgesetzt, dass der Haushund als Objekt zärtlicher Zuwendung im Alltag in den letzten Jahren vom PC abgelöst wurde, entwickelt die Computeroberfläche in Wendels Arbeit ein trotziges Eigenleben und wird von seinem Herrchen mit pneumatisch verstärkter, emotionaler Zuwendung bedacht. Alle zehn Minuten wird eine kurze Filmpräsentation gezeigt: Das tägliche Grauen, das sich mit dem Öffnen der bekannten Microsoft-Produkte ankündigt, wird in Wendels Videoinstallation mit nie gesehenen Fehlermeldungen auf die Spitze getrieben. Computergrafik als selbstverständlich gewordenes ästhetisches Gestaltungsvokabular wird zum Rohmaterial seiner Filmgestaltung. Wenn sich dann das Druckerfenster selbstständig macht und im Rhythmus des Druckers hin und her hüpft, kommt das wahre Leben, nämlich die Körperlichkeit des unsichtbaren Benutzers ins Spiel: die von der Straße aus im Schaufenster sichtbare pneumatische Druckluftpumpe macht das wütende Gestampfe des verzweifelten Users nachvollziehbar, unterstützt von erdbebenartigen Bewegungen der Bildprojektion im Innenraum.

Stefan Rohrer spielt in seinen Videos mit der Tatsache, dass Technologie immer das Gefühl von Macht verspricht, auch die Macht zur Zerstörung. Ein großer Teil der Neuerungen auf dem Gebiet der Unterhaltungselektronik und Spielesoftware dient der Befriedigung von destruktiven Wünschen und damit der Erfüllung persönlicher Machtgelüste. Seine Videos scheinen zunächst ornamentale, farbige Kaleidoskopmuster zu zeigen, die sich wie Mandelbrotformen entwickeln und verändern. Beim näheren Hinsehen besteht das einzelne Modul seiner Ornamente auf den Bildschirmen jedoch aus der Mercedes S-Klasse, die in Aufnahmen eines Crash-Tests immer wieder bei einem Frontalaufprall zertrümmert wird.

Beim zweiten Video wird das unendlich wiederholte Aufplatzen eines Airbags, zusammen mit dem dabei entstehenden knallenden Geräusch zu einem floralen, rhythmischen und dekorativen Video, das an die Filmsequenzen erinnert, die als Bildschirmschoner von Computerprogrammen dienen. So wird Technik zur Tecknik, denn die Künstler haben diese Ausstellung exklusiv für die Räume im Erdgeschoss des Kornhauses konzipiert. Bemerkenswert ist die Leichtigkeit, mit der diese Arbeiten daherkommen, ohne den Besucher mit schwergewichtiger Bedeutung zu erschlagen.

Erst in der näheren Auseinandersetzung entfalten die Werke ihren Witz und ihre geistreichen Bezüge zum zeitgenössischen Alltagsleben. Hinter den Kulissen zeigen die schlüssigen technischen und formalen Lösungen, dass die schwierige Ausstellungssituation hier souverän bewältigt wurde. Eine empfehlenswerte Ausstellung nicht nur für Tecknikfreaks.