Lokale Kultur

"Zwischen Schwaben und Mark Brandenburg"

KIRCHHEIM Wo sonst fast nur Süßes gehandelt wird, stand am Samstagabend mit "Stasi, Stein und Sterne" nicht durchweg leicht bekömmliche Kost auf dem Programm.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

"Zwischen Schwaben und Mark Brandenburg" hat Lydia Freund ihren Roman überschrieben, der versucht, die Vergangenheit aufzuarbeiten und das noch immer schwierige Verhältnis zwischen Ost und West in gebührender Neutralität zu beleuchten.

Schwabenland und die Mark Brandenburg sind dabei nicht nur wichtige Wegemarken ihrer Protagonisten, sondern auch Orientierungspunkte im Leben von Lydia Freund. Das engagiert angegangene Experiment einer szenischen Lesung mit Musik, die das Kirchheimer Café Moser einen Abend lang in ein Literaturcafé verwandelte, führte nun vor Ort beide Ebenen zusammen.

In Nürtingen zur Welt gekommen und aufgewachsen, studierte die Autorin in Berlin Psychologie und Pädagogik und baute eine Elternkontaktstelle auf, die sie dann auch leitete. Mit dem in der ehemaligen DDR aufgewachsenen Arzt Dr. Freund verheiratet und damit mit Schwaben genauso vertraut wie mit der Mark Brandenburg, hat Lydia Freund einen guten Zugang zu den unterschiedlichen Landstrichen und Befindlichkeiten, in denen die Szenen ihres Romans spielen und gibt sie daher auch entsprechend detailgetreu wieder und versieht sie mit dem erforderlichen Lokalkolorit.

Die beiden befreundeten Taxifahrer Tobias und Eckehardt mit Medizin- beziehungsweise Theologiestudium gehören genauso in diese fiktive Welt, wie Judith, die Tochter einer adoptierten Jüdin, die sich als Physikerin in einem abgelegenen Dorf auf der Schwäbischen Alb nicht nur mit ihrer fragwürdigen Vergangenheit, sondern auch mit einem ererbten Hotel herumschlagen muss. Wunsch und Wirklichkeit sind in diesen skizzierten Biografien keinesfalls deckungsgleich und so bilden der sich konsequent verstärkende Wille zur Neuorientierung und der wachsende Mut, sich intensiv mit der eigenen DDR-Vergangenheit auseinanderzusetzen, die gemeinsame Basis der handelnden Personen, möglichst tragfähige Beziehungen einzugehen und neue Existenzen zu schaffen.

Regelmäßige längere Aufenthalte im Schwabenland von Lydia Freund und ihrem Mann haben nun eine sehr ungewöhnliche Kooperation ermöglicht, deren Kirchheimer Premiere am Samstagabend dann auch mit gebührendem Applaus honoriert wurde. Ensemblemitglieder des Rechberghausener "Theater im Bahnhof" haben ein von Lydia Freund auf der Grundlage ihres Romans erarbeitetes Drehbuch für eine szenische Lesung einstudiert und zusätzliche musikalische Akzente gesetzt. Neben Jürgen Lang, der den Part des taxifahrenden Theologen Eckehardt übernommen hatte, fungierten Jürgen Serfass und Regisseur Roland Koos nicht nur als taxifahrender Mediziner Tobias beziehungsweise als allwissender und die Handlung kommentierender und weiter transportierender Erzähler, sondern setzten schon mit der Gitarre musikalische Marken, die im finalen Gesang von Dr. Göggel ihren Schlusspunkt fanden. Außer Irene Serfass und Marlene Koos vom "Theater im Bahnhof Rechberghausen" stand aber auch noch ein weiteres "externes Ensemblemitglied" ganz besonders im Mittelpunkt, das freundschaftlich mit Lydia Freund verbunden am Freitag extra für die samstagabendliche szenische Lesung in der Teckstadt von Berlin eingeflogen war. Die Schauspielerin Ute Beckert vom "Theater im Palais" verlieh mit ihrer nie aufdringlich wirkenden Professionalität diesem interessanten Projekt zusätzlichen Glanz und brachte damit zugleich auch einen authentischen Hauch des noch immer etwas zerrissenen Geistes der hektischen Hauptstadt in die eher beschauliche schwäbische Provinz.